Harburg
Serie

Das Jahr auf dem Hof – vom Feld bis ins Regal

Rico Schiwietz, Tim Barschow und Ismail Demir belohnen die Hühner mit etwas Getreide

Rico Schiwietz, Tim Barschow und Ismail Demir belohnen die Hühner mit etwas Getreide

Foto: Bianca Wilkens / HA

Serie: Bianca Wilkens begleitet den Emmelndorfer Landwirt Uli Overmeyer durch das Jahr. Teil VI: Die Ausbildung

Eines hat ihm Kerstin Overmeyer ziemlich schnell beigebracht: Immer zu lächeln. Und so steht Uktam Isakov an der Kasse, scannt die Ware ein, lächelt und wünscht jedem einzelnen Kunden einen schönen Tag.

Der 25-Jährige aus Usbekistan hat am 1. Juni seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Hofladen der Familie Overmeyer in Emmelndorf begonnen. Mit ihm haben die Overmeyers jetzt insgesamt 40 Mitarbeiter. Uktam Isakov ist der erste Lehrling, den das Ehepaar ausbildet. „Wir möchten junge Menschen für unseren Betrieb begeistern“, sagt Uli Overmeyer.

Für den Biolandwirt und seine Frau Kerstin ist die Ausbildung ein Weg, um Nachwuchslandwirten ihre Geschäftsphilosophie näher zu bringen – dass sie für ihre Produkte Verantwortung übernehmen, dass sie auf Transparenz setzen und dass jeder, der im Hofladen einkauft, wissen soll, wo die Produkte wachsen, gedeihen und produziert werden.

Anders als die meisten Landwirte verkaufen Uli und Kerstin Overmeyer ihre Bioprodukte direkt an den Verbraucher und nicht an den Großhandel. Dafür haben sie sich bewusst entschieden, um den Preiskampf im Handel zu umgehen und sich so in der krisengebeutelten Landwirtschaft besser behaupten zu können.

Immer lächeln. Der Kunde muss sich aufgehoben fühlen

Dem Verkauf im Hofladen fällt deshalb eine zentrale Rolle zu. Die Kunden müssen sich gut aufgehoben fühlen. Deshalb also immer lächeln. Viel Mühe bereitet Uktam Isakov das nicht. „Ich mag den Job“, sagt er. Selbst, wenn ihm ein besonders verärgerter Kunde gegenüber steht, weiß er, was er zu tun hat: Sich dem Kunden nicht frontal gegenüber stellen, sondern etwas die Schulter zudrehen. „Damit die Wut an einem vorbeizieht“, sagt er und schüttelt sich fast vor Lachen. Den Tipp hat ihm eine Kollegin gegeben.

Seit zwei Jahren lebt er in Deutschland. Vor seiner Ausbildung hat er ein sechsmonatiges Praktikum auf einem Biobetrieb in Baden-Württemberg als Teil seines Agrarwissenschaftsstudiums in Usbekistan absolviert und im Anschluss vier Monate lang einen Sprachkursus in Maschen besucht. Um weiter an der Sprache zu feilen, bemüht er sich, mit den Kunden zu sprechen – über die Ware, den Tag, das Wetter.

Ansonsten gehören zu seinen Aufgaben typische Ladentätigkeiten: Neue Ware einsortieren und fehlende Produkte nachbestellen. „Ich bin eigentlich überall, nur nicht in der Küche“, sagt Uktam Isakov. Uli Overmeyer freut sich, dass er mit dem jungen Mann jemanden hat, der ordentlich anpacken, also auch mal Kisten und Kartons schleppen kann.

Auch Kerstin Overmeyer, hauptsächlich verantwortlich für das Personal, ist sehr zufrieden. „Er ist extrem wissbegierig und sehr engagiert und hat eine ganz klare Vorstellung davon, worauf er in Zukunft aufbauen möchte“, sagt Overmeyer.

Sein Traum ist, zurück in seine Heimat zu gehen und eines Tages ein Geschäft in Usbekistan zu eröffnen. Insofern machen sich Uli und Kerstin Overmeyer nichts vor: Sie wissen, dass sie Uktam Isakov nach dem Ende seiner Ausbildung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in ihrem Betrieb werden halten können. „Aber ich finde es wichtig, jungen Menschen eine Perspektive zu geben“, sagt Uli Overmeyer.

Aus demselben Grund kooperiert die Familie Overmeyer mit den Elbe-Werkstätten. Die Menschen mit Behinderung der Elbe Werkstätten aus Marmstorf arbeiten zwei Jahre lang auf dem Hof der Overmeyers mit, um sich so beruflich zu orientieren.

Sie schälen kiloweise Karotten, Kohlrabi und Kartoffeln für die Manufaktur, in der unter anderem Brotaufstriche produziert werden. Zudem kümmern sie sich um die Hühner, sammeln die Eier ein, die manche Legehennen im Laufe des Tages noch legen, füllen die Wassertanks auf und packen beim Sortieren der Ware im Hofladen mit an. „Es macht den Teilnehmern unglaublich viel Spaß, sich um die Tiere zu kümmern“, sagt Jens Pfister, Gruppenleiter bei den Elbe-Werkstätten. „Und es hat eine beruhigende Wirkung.“

Auch handwerklich werden die Menschen mit Behinderung auf dem Hof tätig. Dabei ist etwa eine Wand aus Weidengeflecht entstanden. So bekommen die Praktikanten ganz andere Möglichkeiten, sich zu qualifizieren und Kontakte zu knüpfen, die ihnen eine Behindertenwerkstatt allein nicht bieten kann. Ab und zu geht es mit Uli Overmeyer auf dem Trecker raus aufs Feld. Dort lässt er die Praktikanten ein paar Bahnen hin- und herfahren. „Dann sind sie meistens stolz wie Oskar“, sagt Uli Overmeyer.

Die Initiative für eine Kooperation mit den Elbe-Werkstätten kam von André van Ravenzwaay, der die Manufaktur bei den Overmeyers aufgebaut hat und leitet. Außerdem kümmert er sich um die Weinabteilung im Hofladen, die er zusammen mit seinem Vater entwickelt hat. Er hatte zuvor schon in Kanada erfolgreich mit Menschen mit Behinderung zusammengearbeitet.

Von solchen Einsätzen in Außenstellen versprechen sich die Elbe-Werkstätten, dass den Praktikanten die Eindrücke aus der Praxis helfen, sich für ihren zukünftigen Arbeitsbereich zu entscheiden. Langfristig erhoffen sich die Verantwortlichen, dass dadurch Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung entstehen.

Damit landeten sie bei Uli und Kerstin Overmeyer einen Volltreffer. Vor wenigen Wochen hat das Ehepaar Laura Wulf, eine der Praktikantinnen aus dem Pool der Elbe-Werkstätten, fest eingestellt. Sie und der Auszubildende Uktam Isakov arbeiten jetzt zusammen. Laura Wulf arbeitet halbtags und kümmert sich vor allem um die Regalpflege und sortiert Waren ein.

„Sie passt gut zu uns“, sagt Uli Overmeyer. „Insbesondere solchen Menschen mit Behinderung sollte man eine Arbeitsstelle ermöglichen, mit der sie glücklich sind“, sagt Uli Overmeyer. Auch auf die Kunden habe ein gemischtes Team eine positive Wirkung, ist Overmeyer überzeugt.

So lange die Mitarbeiter immer freundlich sind. Da geht Uli Overmeyer selbst mit gutem Beispiel voran. Wenn ein Kunde nicht das Gemüse im Hofladen vorfindet, das er gerne hätte, läuft er rasch nach draußen und holt es vom Feld. „Der Kunde muss immer gut umsorgt werden“, sagt er.

Bioboom

Laut niedersächsischem Landwirtschaftsministerium hält der Bioboom weiter an. Das Ministerium beruft sich auf aktuelle Berechnungen des Arbeitskreises Biomarkt, dem unter anderem die Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft, der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW und die Gesellschaft für Konsumforschung GfK angehören.

Danach ist im vergangenen Jahr mit Bio-Lebensmitteln und -Getränken ein Umsatz von rund 7,9 Milliarden Euro erzielt worden. Das ist ein Plus von etwa 4,8 Prozent im Vergleich zu 2013 und einem Umsatz von damals ungefähr 7,5 Milliarden Euro. Für Niedersachsen sei daher von einer entsprechenden Umsatzsteigerung auszugehen – auf fast 800 Millionen Euro.

Zudem wächst die Zahl der Biobetriebe in Niedersachsen laut Landwirtschaftsministerium wieder.

Um noch mehr Betriebe zur Umstellung auf Bio zu bewegen, investiert die Landesregierung mehr als 370 Millionen Euro zur Förderung von Umweltmaßnahmen und Ökolandbau.

Wie geht es Abendblatt-Huhn Lotta?

Für jedes Ei, das Huhn Lotta pro Tag produziert, veranschlagen Uli und Kerstin Overmeyer 46 Cent. „Davon wird man nicht gerade reich“, sagt Uli Overmeyer. Pro Tag koste ihm das Futter für die Hühner rund 30 Euro, rechnet er vor. Hinzu kämen die Abschreibung für den 38.000 Euro teuren mobilen Hühnerstall sowie variable Kosten und die Arbeitsstunden. „Da sieht man, was so ein Ei wert ist“, sagt der Biolandwirt.

Die Zahl der Verbraucher, die bereit sind, mehr Geld für Bio-Eier zu zahlen, steigt stetig. Das spiegelt sich auch in den geänderten Haltungsformen wieder. Im Jahr 2004 lag der Anteil der Ökohaltung bei Legehennenbetrieben bei rund 1,7 Prozent, bei der Freilandhaltung waren es etwa 7,4 Prozent. Zehn Jahre später sieht das Verhältnis anders aus: Die Ökohaltung ist auf einen Anteil von 9,3 Prozent gestiegen, die Freilandhaltung gar auf 21,1 Prozent. In Niedersachsen setzt laut niedersächsischem Landwirtschaftsministerium jeder vierte Legehennenbetrieb auf Bio.

Nach wie vor kaufen die Deutschen allerdings laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft am häufigsten Eier aus der Bodenhaltung. Das sind rund 61 Prozent der Haushaltskäufe. Danach folgen Eier aus Freilandhaltung mit 26 Prozent und Eier aus ökologischer Erzeugung mit zwölf Prozent.

Und wie geht es der Roten Bete auf dem Abendblatt-Feld? Sie wächst und gedeiht weiter. Zuerst wogen die Knollen noch jeweils 150 Gramm. „Jetzt sind es schon richtig dicke Klopper“, sagt Uli Overmeyer. Eine einzelne Knolle wiege derzeit schon allein fast 300 Gramm. Etwa Dreiviertel der Roten Bete von den insgesamt 1500 Pflanzen, die er im Frühjahr gesetzt hatte, sind inzwischen verkauft.

Der Selbstversuch der Woche

Es soll eigentlich nur ein kurzer Besuch auf der Wiese sein. Nachdem ich die restlichen Eier gemeinsam mit Kerstin Overmeyer aus den Legeboxen eingesammelt habe, möchte ich schauen, ob ich Lotta anhand des grünen Bändchens, das wir um ihren Fuß gewickelt hatten, auf der Wiese entdecke.

Doch als ich ein Bein über den Zaun schwinge, verängstige ich einen Hahn so sehr, dass er vor Schreck über den Zaun fliegt. Ein Hahn auf der einen Seite des Zauns und seine Hühner auf der anderen – das kann nicht gut gehen, denke ich. Also einfangen. Ich suche mich hilfesuchend um. Kerstin Overmeyer ist bereits wieder im Hofladen, ihr Mann Uli auf dem Feld. Zum Glück sind die osteuropäischen Praktikanten nicht weit. Einige hundert Meter weiter ernten sie gerade Kräuter.

Yernar Saden kommt zu Hilfe. Er nähert sich von der einen Seite dem Tier, ich von der anderen. Gebückt laufen wir auf den Hahn zu. Der steht lange regungslos da, entwischt uns dann aber in letzter Sekunde. So geht es zwei, drei Mal. Irgendwann kann ich ihn packen, komme aber gegen den kräftigen Flügelschlag nicht an. Dann versucht der Hahn, durch den Zaun wieder zu seiner Herde zurückzukehren, verfängt sich aber mit Kopf und Hals im Maschendraht. Das macht ihn nur noch nervöser. Den ängstlichen Schrei, den er dabei ausstößt, habe ich immer noch in den Ohren. Am Ende kann ihn Yernar Saden packen und unversehrt wieder zurück auf die Wiese setzen. Puh.