Harburg
Auf Achse

Im Bücherbus bleibt der Alltag vor der Tür

Bücherbus Harburg , Corinna Thiele und Rainer Paasch fahren gemeinsam mit dem Bücherbus durch Harburg , fotografiert am 09.08.2017

Foto: Michael Rauhe

Bücherbus Harburg , Corinna Thiele und Rainer Paasch fahren gemeinsam mit dem Bücherbus durch Harburg , fotografiert am 09.08.2017

Auf Achse:Seit 56 Jahren versorgt die rollende Bibliothek die Harburger mit Lesestoff. An Bord befinden sich 4500 verschiedene Medien

Wer ein Stück heile Welt mitten im Alltag sucht, der ist hier richtig: im Bücherbus Harburg, der an diesem Tag unterwegs ist in Marmstorf. "Das ist etwas Besonderes", sagt Bücherbus-Chefin Ingrid Achilles (53) mit dem Pragmatismus einer Begeisterung, die sich bei ihr auch nach Jahren noch auf unverändert hohem Level hält. Ein Virus, das hier offenbar alle in sich tragen, die Kunden ebenso wie die Mitarbeiter. Und eines mit Langzeitwirkung: Seit 56 Jahren ist der Bücherbus in Harburg im Einsatz. Mehr als 800.000 Euro investierte Hamburg in zwei neue Gefährte, die 2014 angeschafft wurden.

An diesem Tag gehören zum Team der rollenden Bibliothek neben Ingrid Achilles Rainer Paasch (54), der den Bus steuert und auch sonst alles macht, was anfällt, und Corinna Thiele (42). Sie ist FaMI, Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, und sieht mit ihren weißblonden Haaren und den graublauen Augen aus wie Vanillesofteis schmeckt: erfrischend und pur, nix mit Schnickschnack. Du weißt, was du bekommst. Corinna Thiele hört zu, erzählt gerne und vergisst nichts. Sie weiß, wer sich welches Buch ausgeliehen hat und auch, wem was gefallen könnte.

Mit Sonderstopps Erstleser begeistern

Alles stimmt an diesem Tag. Dass sogar die Sonne scheint, ist im Sommer 2017 wahrscheinlich der Aspekt, der am meisten überrascht. Am Bus zieht eine Landschaft vorbei, so schön, dass es kitschig ist. Vorbei an grünen Wiesen, die sich unter blauem Himmel ausstrecken wie Sonnenbadende am Strand, an Reetdachhäusern und dem Feuerteich, der so idyllisch ist, dass man nichts anderes mehr möchte als kurz verweilen und die Seele baumeln lassen.

Doch erstmal macht der Bus Station am Ernst-Bergeest-Weg. Ein Stopp außer der Reihe. Solche zusätzlichen Haltepunkte plant Bücherbus-Chefin Achilles gern ein. Die Zusammenarbeit mit Kitas und Schulen ist eng. Denn generell wollen öffentlichen Bibliotheken, ob mobil oder stationär, vor allem das eine: Erstleser begeistern. Menschen sollen zu Bücherwürmern werden, und das so früh wie möglich. Deshalb können Erzieher und Lehrer auch ganze Buchblöcke thematisch nach ihren Wünschen zusammenstellen lassen.

Martina Meldal (57) vom Leitungsteam der Kita am Ernst-Bergeest-Weg hat für diesen Morgen Bilderbuchkino für die Kleinen bestellt. Dabei erscheinen die Bilder eines Buches wie bei einem Diavortrag auf einem Bildschirm. Die Geschichten dazu erzählt Corinna Thiele.

Es ist kurz nach 10 Uhr und neun Mädchen und Jungen, drei bis fünf Jahre alt, stehen aufgeregt vorm Bus und freuen sich, als Corinna Thiele das Startzeichen gibt: "Kommt rein!" Fünf Stufen sind zu nehmen. Zack, ist Leben im Bus. Rechts und links Regale vom Boden bis zur Decke, vollgestellt mit gut 4500 Medien – Büchern, DVD, Blu-ray und CD. Hinten eine blaugemusterte Sitznische, darüber der Bildschirm für das Bilderbuchkino. Alles zweckmäßig und doch heimelig.

Staubfänger?Fehlanzeige!

Der Platz ist naturgemäß begrenzt, Effizienz deshalb Trumpf. Das Angebot entspricht daher dem Erwartungshorizont der Stammkunden. Staubfänger gibt es nicht. Ingrid Achilles hat ausgerechnet, dass allein im vergangenen Jahr 90.583 Medieneinheiten ausgeliehen wurden. 44.005 Besucher nutzten die beiden Bücherbusse, die von Harburg aus auch Bergedorf, Altona und Hamburg-Mitte bedienen. Die längste Strecke, die quer durchs Alte Land führt, erstreckt sich über gut 100 Kilometer, die kürzeste (durch Marmstorf) gerade mal über 20 Kilometer.

Außerhalb der Ferienzeit fahren die Busse vormittags regelmäßig vier Grundschulen und Kitas in Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil und sozialschwachen Familien an. Jede Woche, auch in den Ferien, stehen 16 offene Haltepunkte allein im Bezirk Harburg auf dem Routenplan. Nachmittags verschiebt sich der Fokus. Familien kommen in den Bus, die sonst einen weiten Weg bis zur nächsten Bücherhalle zurücklegen müssten.

"Hier ist es einfach", sagt Corinna Thiele. Sie arbeitet seit Anfang der 90er- Jahre im Bücherbus und weiß, wie unterschiedlich die Lebensverhältnisse sind: "In anderen Stadtteilen glauben Erstklässler oft noch, dass Milch aus dem Tetrapack kommt." Am Ergebnis ändert das wenig. Corinna kriegt sie alle: Bilderbuchkino an, Kinder mutieren!

Ob Anna oder Ahmet, Mädchen oder Junge – alle sind jetzt Killewipp, der Hofhund. Und Corinna Thiele strahlt, weil sie es wieder geschafft und eindrucksvoll bewiesen hat, dass Bücher das Tor zu anderen Welten sind. Wenn's gut läuft, ergibt sich daraus ein Domino-Effekt: Lesen macht neugierig, und Neugier wird zu Wissen.

Storys mit Happy Endsind das Salz in der Suppe

Bei Marco Weiß ist diese Formel aufgegangen. Der 18-Jährige, der am Nachmittag an der Station Lürader Weg in den Bus steigt, nutzt den Bücherbus seit er ein Grundschüler war. Und genauso lange kennt Corinna Thiele ihn. Sie hat ihn wie so viele aufwachsen sehen: "Der hat die Bücher immer tütenweise hier rausgeschleppt", sagt sie. Daran hat sich wenig geändert, nur die Inhalte sind jetzt gänzlich andere. Marco hat gerade sein Abitur gebaut und studiert demnächst Schiffbau an der Technischen Universität.

Geschichten mit Happy End hat Corinna Thiele viele auf Lager. Sie sind für sie das Salz in der Suppe und das Fundament ihrer Überzeugung: "Es gibt keinen schöneren Beruf." Ingrid Achilles kann da nur beipflichten. Über die Arbeit im Bücherbus sagt sie: "Man ist unter Freunden und es ist ein bisschen, wie einen Familienbesuch machen."

Klar, an normalen Tagen außerhalb der Ferien, ist es im Bus auch schon mal knackevoll und wuselig. Aber Rainer Paasch weiß, was dann hilft: "Ich kann zum Glück auf zwei Fingern pfeifen, dann ist Ruhe im Karton." Ohnehin wirkt er so, als könne ihn kaum etwas aus der Ruhe bringen. Vielleicht liegt es daran, dass er schon vieles gemacht hat. Er ist gelernter Kfz-Mechaniker, ist Lkw gefahren, hat beim TÜV gearbeitet und als Holzfäller. Und das sind nur einige Stationen. Was anderes als Bücherbus kann er sich inzwischen kaum noch vorstellen. Das Arbeiten hier ist fast so wie Leben auf dem Dorf. Man kennt sich und achtet aufeinander.

Als es Annemarie Fox (82), die auf einen Rollator angewiesen ist, mal so schlecht ging, dass selbst der kurze Weg zum Bücherbus am Haltepunkt beim Einkaufszentrum Marmstorf nicht zu schaffen war, hat das Team kurzerhand eine Kiste bepackt. Der Lesestoff wurde der Seniorin frei Haus geliefert. Die Verbundenheit hat Tradition. Die alte Dame, die zwei Töchter, vier Enkel und fünf Urenkel hat, sagt: "Wir lesen alle viel." Der Gang zum Bücherbus ist ein Ritual. Und die rollende Bibliothek zugleich mobile Sozialstation. "Wir haben hier schon Bewerbungsgespräche geübt und Hausaufgaben korrigiert", erzählt Corinna Thiele. Lebenshilfe to go. Nicht zum Ausleihen, aber zum Mitnehmen.

www.buecherhallen.de

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