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Kluntje ist Mode mit plattdeutschen Wurzeln

Märchenhaft in Pastell: Die Modedesignerinnen Julia Radewald (von links), Katharina Gellert und Lena Pudritz in ihrem Atelier in Wilhelmsburg; Modelabel Kluntje

Märchenhaft in Pastell: Die Modedesignerinnen Julia Radewald (von links), Katharina Gellert und Lena Pudritz in ihrem Atelier in Wilhelmsburg; Modelabel Kluntje

Foto: Thomas Sulzyc

Drei junge Designerinnenmachen aus alten Hemden neue Blusen mit plattdeutschen Namen wie „löppt!“ oder „mien leev“

Wilhelmsburg.  „Löppt!“ So sagt man im Plattdeutschen, wenn alles gut läuft, also die Dinge gut stehen. Das Modelabel Kluntje ziert T-Shirts und Pullover mit dem Begriff, der so viel Optimismus ausstrahlt. Es ist sein Verkaufsschlager. Bei dem jungen Hamburger Modeunternehmen mit Sitz in Wilhelmsburg läuft es ganz gut. Eine Crowd­funding-Kampagne steht kurz vor dem Erfolg. Noch bedeutender ist die Botschaft, die die ethisch verantwortlich handelnden Modeschöpferinnen aussenden: Kluntje ist angetreten, um zu beweisen, dass sich pfiffige und schöne Kleidung in Deutschland zu fairen Bedingungen produzieren lässt.

Kluntje gehört zur Slow Fashion Bewegung. Sie versteht sich als Gegenpart zur konventionellen Textilindustrie und ihren fatalen Erscheinungsformen: Wegwerfmode, Billigpreise zu dem Preis, dass mies bezahlte Menschen zu üblen Arbeits- und Produktionsbedingungen schuften. Nachhaltige Modelabels zeigen, dass Mode schön und gleichzeitig politisch sein kann.

Upcycling lautet eine Antwort der Slow Fashion Bewegung. Das bedeutet, aus Gebrauchtem Höherwertiges zu schaffen. Kluntje setzt das mit seiner Re Fashion Kollektion um. „Wir wandeln Herrenhemden zu Damenblusen um“, sagt die Modedesignerin Julia Radewald. Seinen Rohstoff besorgt sich Kluntje nicht selten auf Flohmärkten. Der Einkauf des Start-ups gestaltet sich deshalb als zeitraubendes Abenteuer – „slow“, also entschleunigt eben.

Der Schnelllebigkeit in der Modebranche, die zu immer billigeren Produktion zwingt, erteilt Kluntje eine Absage, weil sie nicht nachhaltig sein könne. Zwölf Kollektionen im Jahr auf den Markt zu bringen, das brauche niemand. „Was besser ist als Trends, ist zeitlose Mode“, sagt Julia Radewald. Kluntje bringt deshalb viel Schlichtes auf den Markt – und veredelt die Basics mit pfiffigen Ideen.

Die Eco Fashion Kollektion aus zertifizierten Biostoffen ist so eine. Shirts und Pullover rufen mit plattdeutschen Begriffen Aufmerksamkeit hervor. Neben dem Verkaufsschlager „Löppt“ ist „Ballerdutje“ noch so ein schönes Wort. Es bedeutet so viel wie Kuss mit Anlauf. „Mien Leev“, also meine Liebe oder mein Liebling, kommt da schon eher klassisch daher. Wer Mode von Kluntje trägt, bewahrt nebenbei Sprachkultur vor dem Aussterben.

Der Firmenname Kluntje stammt ebenfalls aus dem Plattdeutschen. Er bezeichnet den typischen Würfelzucker, der so unverzichtbar ist für den Genuss des ostfriesischen Tees. Er erinnert an einen Kristall. Seine Herstellung ist aufwendig und dauert mindestens zwei Wochen. Entschleunigt ist er, wie Slow Fashion. „Und er hat keine genormte Form, sieht immer anders aus. Das passt zu uns, deshalb fanden wir den Namen Kluntje toll“, sagt Julia Radewald. Die gebürtige Bremerin hat ostfriesische Vorfahren. Während einer Bahnfahrt sei der Name entstanden.

Im Dezember 2015 haben Katharina Gellert, Lena Pudritz und Julia Radewald das nachhaltige Modelabel Kluntje gegründet. Zu diesem Zeitpunkt hatten die drei jungen Frauen gerade ihr Modedesignstudium an der JAK Akademie in Hamburg abgeschlossen. Aus der Hochschule heraus gründeten sie ihr eigenen Unternehmen. Dabei half ihnen das Angebot, einen leerstehenden Laden im Mundsburg Center als sogenannten Pop-up-store ein halbes Jahr lang bespielen zu dürfen. Im März 2016 lud Kluntje zur ersten Modenschau ein.

Im vergangenen Jahr erhielt Kluntje das Angebot für ein Atelier in dem CoWorking Space Stoffdeck in Wilhelmsburg, eine Keimzelle für Gründer in der Modebranche. Die Modedesignerin Lotte Erhorn aus Wilhelmsburg ist dort tätig. Sie knüpft an einem Netzwerk für nachhaltige und faire Mode in Hamburg. „Unser Label hatte gerade Fahrt aufgenommen und uns kam der Atelierplatz sehr gelegen“, sagt Julia Radewald.

Die drei Gründerinnen bilden alle Abteilungen eines Unternehmens: Entwicklung, Einkauf, Produktion und Marketing. Um sich mehr auf die Kernkompetenz, das Design, konzentrieren zu können, will Kluntje die Produktion der Eco Fashion Kollektion an eine Nähstätte in Berlin abgeben. Sie zahle den Näherinnen mehr als den Mindestlohn. „Eine coole Chance zu beweisen, dass sich nachhaltige Mode in Deutschland produzieren lässt“, sagt Julia Radewald. Im Internet sammelt Kluntje deshalb Geld von Unterstützern ein. 7000 Euro sind das Ziel der Crowdfunding-Kampagne.