Harburg
Bispingen

Greifvogelpark – Tuchfühlung mit Uhu und Falke

Frigga Steinmann-Laage schmust mit Uhu-Männchen „Blasius“

Frigga Steinmann-Laage schmust mit Uhu-Männchen „Blasius“

Foto: Martina Berliner / HA

Frigga Steinmann-Laage lässt Besucher im Greifvogelpark Bispingen ganz nah an die Vögel heran – auch Berührungen sind Teil der Führung.

Bispingen.  „Verschwinde doch mal in deine Höhle, ‚Pumuckl‘“, sagt Frigga Steinmann-Laage. Der tut wie ihm geheißen. „Nein, zu weit, man sieht dich nicht mehr. Komm wieder etwas heraus.“ Das Tier folgt auch diesem Befehl, schaut mit großen Augen aus dem Baumloch am Fuß einer Birke. „Pumuckl“ ist nicht etwa ein Hund, sondern ein Steinkauz. Einer von rund 250 Eulen und Greifen, die Frigga Steinmann-Laage gehören. Etwa 40 der Vögel präsentiert sie Besuchern während 90-minütiger Führungen durch das Gehege.

Dort sitzen die gefiederten Akteure der Schau nicht etwa in Käfigen, sondern hocken nur mit einer Leine gesichert auf flachen Ansitzen. Buchstäblich zum Greifen nah werden von der winzigen Zwergohreule „Dracula“ bis zum gewaltigen Steinadler „Wotan“ fast alle europäischen Greifvogelarten gezeigt. Die Falkenarten dieser Welt sind auf dem 20.000 Quadratmeter großen Anwesen am Rade des Truppenübungsplatzes Munster sogar vollzählig vertreten.

Es ist aber nicht die enorme Anzahl der Spezies, das Frigga Steinmann-Laages Anlage von Vogel- und Wildparks abhebt. Hier gibt es keine Flugschau zu erleben. Stattdessen genießen die Besucher eine einzigartige Nähe zu den Tieren, die nur durch die starke Bindung der Falknerin zu ihren geflügelten „Kindern“ möglich ist. Die meisten hat die Züchterin aus dem Ei schlüpfen sehen und liebevoll aufgezogen. „Brüten tue ich allerdings nicht selbst“, sagt sie und lacht. Jede Führung ist von Humor geprägt – aber ebenso von außerordentlicher Sachkenntnis.

Nicht alle Vögel sind so schlau wie „Pumuckl“. „Nicht umsonst ist der Steinkauz in der griechischen Mythologie Sinnbild von Athene, der Göttin der Weisheit. Uhus sind viel weniger intelligent“, weiß Frigga Steinmann-Laage. Sie hat für die Führung gleich drei Exemplare der weltweit größten Eulenart auf einen kleinen Hügel im Wald gebracht. Das Uhu-Weibchen „Katharina“ wiegt 2,6 Kilogramm und hat eine Flügelspannweite von 1,70 Metern.

Die Neunjährige zerzaust ihrer Ziehmutter mit dem großen gebogenen Schnabel die Frisur und lässt sich ihrerseits an den Federpinseln zupfen, die gemeinhin fälschlich als Ohren bezeichnet werden. Die Uhu-Dame gestattet Besuchern einen Blick hinter ihren „Schleier“, jenen Federkranz, der kreisförmig die Augen umgibt und die seitlich am Kopf sitzenden Gehörgänge verdeckt. „Katharina“, wie alle Uhus ein „Griff- und Bisstöter“, lässt ihre todbringenden Krallen spreizen und duldet sogar, dass man ihr an die Unterwäsche geht. So nennt Frigga Steinmann-Laage die hauchzarten Daunen unter den Deckfedern.

Jeder Besucher darf mit eigener Hand fühlen, wie weich sie sind. Getoppt wird der Flausch nur noch vom Nackengefieder der Schleiereule. Das watteweiche Gefieder garantiert der Mäusejägerin einen absolut lautlosen Flug. Die Färbung des Tüpfelkleids in Silber- und Goldtönen bietet ihr eine perfekte Tarnung.

Auch im Nacken des graumelierten Bartkauzes verschwinden die vorsichtig tastenden Finger der Besucher vollständig in den Tiefen von des üppigen Gefieders, bevor sie auf die Kopfhaut stoßen. In freier Wildbahn wird man einen Bartkauz trotz seiner beachtlichen Größe nur schwer zu Gesicht bekommen. Hier im Gehege aber lässt er sich aus nächster Nähe in die bewegungslosen Augen schauen und schmiegt sich für ein Selfie sogar vertrauensvoll an menschliche Wangen.

Rauhfußkauz „Rumpelstilzchen“ zeigt seinen „Augenaufschlag, indem er auf Befehl mit den Lidern blinzelt. Sperlingskauz „Krümelmonster“, der Winzling unter den Eulen, wippt auf Kommando mit dem Schwanz. Keiner der Vögel bekommt für seinen Gehorsam ein Leckerli als Belohnung. Der Spaß am Spiel, an der Aufmerksamkeit der Herrin, lässt sie folgen. Auch im Winterhalbjahr, wenn keine Führungen stattfinden, widmet sich Frigga Steinmannn-Laage ihren Lieblingen intensiv über Fütterung und Pflege hinaus.

„Hedwig“ müsste eigentlich einen Männernamen haben

„‘Schneewittchen‘, zeig dich doch mal!“ Die Schneeeule wendet sich den Besuchern zu. Das weiß-schwarz melierte Federknäuel nähert sich schwankend über den weichen Nadelteppich. „Schneeeulen sind Bodenbrüter. Die Weibchen sind gefleckt, damit sie auf den Eiern sitzend weniger auffallen. Rein weiß sind nur die Männchen. Harry Potters Eule ‚Hedwig‘ müsste deshalb eigentlich einen Männernamen tragen“, erklärt Frigga Steinmann-Laage.

Überall finde sie Fehler, auch in Fachliteratur über Vögel, sagt sie. Die Tochter eines Zoologen lebt seit ihrer Kindheit eng mit Tieren zusammen und verfügt deshalb über umfängliches Fachwissen. Sie möchte andere Menschen die Geschöpfe ihres Herzens kennen und lieben lehren. „Denn nur was man kennt, will man auch schützen.“

Sie selbst wurde schon als Kleinkind mit Tieren vertraut gemacht. Als Zoologe und Wissenschaftler sowie Dozent am Institut für Lehrerfortbildung gründete Dr. Ernst August Laage in den 1950er Jahren eine „Lehrstätte für einheimische Taggreifvögel und Eulen“. Nach dem Tod ihres Vaters 1975 übernahm Frigga Steinmann-Laage rund 30 Adler, Falken, Habichte, Bussarde und Eulen. Um das Lebenswerk ihres Vaters fortzuführen erwarb sie drei Jahre später zusammen mit ihrem Mann Walter Steinmann – wie sie selbst Jäger und Falkner – eine ehemalige Ferienpension am Rande des Truppenübungsplatzes und baute dort das Greifvogel-Gehege auf.

Schon als Dreijährige hat sie zugesehen, wie Vögel gesund gepflegt wurden. Als Teenager begann sie, die Versorgung verletzter oder kranker Tiere selbst zu übernehmen. Sie umhegt gefiederte Patienten bis heute – und nicht nur die eigenen. „Obwohl das Greifvogel-Gehege keine Wildvogel-Auffangstation ist, werden mir immer wieder kranke Tiere gebracht. Neulich rief mich die Polizei um vier Uhr nachts wegen eines verletzten Waldkauzes an. Die Beamten wussten nicht, was sie mit ihm machen sollten, denn natürlich war die Vogelstation um diese Zeit geschlossen.“

30.000 Eintags-Küken verspeisen die Greife im Monat

Frigga Steinmann-Laages Arbeitstag hat 16 Stunden. Allein vier Stunden täglich kostet es sie, mit Hilfe ihres Mannes und zwei Assistenten die Vögel für die Führung aus den etwa 60 Volieren in den Wald und wieder zurück zu bringen. Die Fütterung übernimmt sie in der Ruhe der Käfige. 30.000 Eintags-Küken verspeisen die Greife pro Monat. Dazu Ratten und Mäuse, die sie in 22 Gefriertruhen bereit hält. Allein die Stromkosten sind beachtlich.

Natürlich bringt die Zucht Geld ein. Aber Frigga Steinmann-Laage überlegt genau, an wen sie ihre Vögel abgibt. Meist sieht sie sich persönlich das neue Zuhause der Tiere an. Würde sie ihre Falken an Ölscheichs verkaufen, könnte sie hohe Summen kassieren. „Die Versuchung für uns Züchter ist groß“, gibt sie zu. „Aber die Tiere von der Nordheide ins Wüstenklima schicken? Niemals!“

Die Führung ist bei einem Exoten im Greifvogelgehege angekommen. „Huckebein“ ist ein Singvogel. Klar verständlich krächzt der Kolkrabe nach Aufforderung seinen Namen. „Frigga“ kann er auch sagen – und zwar genau im Tonfall Walter Steinmanns. „Ich denke manchmal, dass mein Mann hinter mir steht.“ Dieser pechschwarze Kobold ist 20 Jahre alt. Sein Vorgänger wurde 39 und begleitete Friggas Kindheit und Jugend in Hamburg-Nindorf.

Die Nachtschwalbe, die einst im Laageschen Esszimmer in der Kollaustraße in künstlich arrangierter Heidelandschaft lebte, hockt heute ausgestopft im Steinmannschen Haus im Wald. Genau wie Dutzende andere präparierte Vögel aller Arten und Größen „Einige kannte ich als Kind“, sagt Frigga Steinmann-Laage. Wenn sie von ihren gefiederten Freunden erzählt, klingen die Geschichten so lebendig, als spräche sie von Familienmitgliedern. Näher als im Greifvogelgehege Bispingen kann man Vögeln nicht kommen.

Termine, Zeiten

Das Greifvogelgehege Bispingen liegt an der Bundesstraße 209 bei Kilometerstein 29,1. Die Besichtigung ist nur im Rahmen von 90-minütigen Führungen möglich. Termine vom 1. Mai bis Ende Oktober jeweils mittwochs, sonnabends, sonntags und feiertags um 15 Uhr, vom 1. Juli bis 31. August findet die Vogelschau täglich um 15 Uhr statt. Bei schlechtem Wetter können Führungen ausfallen. Nachfrage unter Telefon 05194/7888. Preis: Erwachsene: 8 Euro, Kinder 5 Euro, Fotografiererlaubnis: 2 Euro. www.Greifvogel-Gehege.de