Harburg
Urban Sketchers

Buxtehude – wie ich es sehe

Elke Schmidt hat sich in ihrer Skizze auf die Skulptur des Magisters Gerhard Halepaghe konzentriert

Elke Schmidt hat sich in ihrer Skizze auf die Skulptur des Magisters Gerhard Halepaghe konzentriert

Foto: Privat / HA

Für das Hamburger Abendblatt entdecken vier Urban Sketchers aus dem Landkreis die Region im Hamburger Süden. Heute: Buxtehude.

Die Eindrücke der vier Urban Sketchers, die sie für das Hamburger Abendblatt gesammelt haben könnten unterschiedlicher nicht sein: das verwunschene Viadukt in Hollenstedt, der Neorenaissance-Rathausbau im Bezirk Harburg und jetzt die Stadt Buxtehude mit ihrem Altstadtflair und den Fachwerkhäusern.

In einer zehnteiligen Serie thematisiert das Hamburger Abendblatt die internationale Bewegung Urban Sketching. Die Welt neu entdecken, einen anderen Blick auf die Dinge bekommen – darum geht es den Freizeitzeichnern. Sie setzen sich einfach irgendwo hin und skizzieren das, was ihnen gerade ins Auge fällt.

Diesmal waren die vier Urban Sketchers Doris Schliemann (68) aus Meckelfeld, Thorsten Kleier (52) aus Buchholz, Tine Beutler (53) aus Buxtehude und Elke Schmidt (71) aus Hollenstedt in Buxtehude unterwegs und machten sich mit Stift und Papier ausgerüstet auf die Suche nach einer Szene, die es wert war, festgehalten zu werden. Es waren ganz unterschiedliche Dinge, die die Urban Sketchers zeichnend entdeckten.

Doris Schliemann wurde sofort auf die Telefonzelle als Tauschbücherei aufmerksam, als sie sich mit den anderen Urban Sketchers am Buxtehuder Museum traf. Schnell war klar: Die gelbe Zelle aus der alten Zeit wird ihr Motiv des Tages.

Auch Touristen in Buxtehude fühlten sich laut dem Museum Buxtehude für Regionalgeschichte und Kunst immer wieder von der gelben Telefonzelle magisch angezogen. Telefonieren kann man in der Zelle nicht mehr. Stattdessen ist darin eine täglich neue Auswahl unterschiedlichster Bücher zu finden. Die gelbe Telefonzelle ist die kleinste Abteilung des Buxtehuder Museums. Im Zuge der Ausstellung „Merkwürdiges aus der Büchersammlung des Hans-Uwe Hansen“ bekam die Zelle ihren Platz auf dem Stavenort.

Seit 2003 fungiert sie als Tauschbücherei. Ihr liegt das Prinzip „Ein Buch hinein – ein Buch heraus“ zugrunde. „Ich habe gedacht, da kommt sowieso keiner“, sagt Doris Schliemann. Umso überraschter war sie, als sie den regen Besuch der Telefonzelle bemerkte.

Während Doris Schliemann das Relikt aus der analogen Zeit ins Bild setzte, befasste sich Elke Schmidt mit Gerhard Halepaghe (1420-1485), Magister und Förderer der Gläubigen in Buxtehude. Er vermachte sein Vermögen 1485 der Halepaghen-Stiftung, einer der ältesten Stiftungen Deutschlands. Tine Beutler zeichnete die alte Markthalle und Thorsten Kleier die Has-und Igel-Twiete. So entdecken die Urban Sketchers die Welt neu für sich – Bild für Bild. Ihre Skizzen teilen sie sich mit anderen, indem sie diese auf Facebook posten.

Die vier Urban Sketchers kennen sich alle aus der Hamburger Urban- Sketching-Szene. Für Stift und Block haben sie sich schon als Kind oder Jugendlicher begeistert. Im beruflichen Alltag fanden manche von ihnen jedoch nicht die Zeit, daran festzuhalten. Erst nach Jahren konnten sie sich wieder dem Zeichnen widmen. Und das machen sie im Kreise Gleichgesinnter.

Thorsten Kleier organisiert regelmäßig Treffen für die Hamburger Zeichner. Der Landschaftsgärtnermeister kam per Zufall zum Urban Sketching, als er vor ein paar Jahren ein Buch über das Thema entdeckte. Im Jahr 2014 schloss er sich einigen Urban Sketchers aus Hamburg an. Dabei entwickelte er seine ersten Skizzen unter anderem am Oortkatener Hafen. Langsam entstand daraus die Idee, sich regelmäßig in Hamburg und Umgebung zu treffen und gemeinsam zu zeichnen.

Längst beschränken sich die Treffen nicht mehr nur auf Hamburg. Selbst aus New York und Moskau haben sich schon Urban Sketchers an die Hamburger Szene gewandt, um während ihres Urlaubs in der Elbmetropole Kontakt zur lokalen Zeichnerszene zu bekommen. „Wir organisieren dann gerne ein Sketchingtreffen“, sagt Thorsten Kleier.

„Es finden sich eigentlich immer Leute, die bereit sind, mit anderen gemeinsam zu zeichnen.“ Charakteristisch für die Szene seien die offenen und freundlichen Menschen. „Ich habe noch nie Missgunst erlebt, und keiner sieht sich besser als der andere. Jeder wird akzeptiert wie er ist“, sagt Kleier.

Die Keimzelle der Urban-Sketchers-Szene ist in den USA. Der spanische Journalist und Illustrator Gabriel Campanario aus Seattle rief 2007 die Urban Sketchers ins Leben, erst auf Flickr, dann eröffnete er einen Blog. Als Tausende Menschen ihre Skizzen posteten, gründete Campanario eine gemeinnützige Organisation mit einem Acht-Punkte-Manifest, an dem sich die Urban Sketchers auf der ganzen Welt orientieren.

Danach müssen die Zeichnungen vor Ort entstanden sein. Fotos als Vorlage zu nutzen oder der Fantasie freien Lauf zu lassen, ist tabu. Im Titel oder in der Beschreibung muss darüber hinaus stehen, in welchem Ort und in welchem Land der Urban Sketcher gezeichnet hat. Skizzen von Aktzeichen-Veranstaltungen oder posierenden Models sowie reines Stillleben ohne den Bezug zum Ort haben nichts in der Sketching-Szene zu suchen.

Urban Sketchers vernetzen sich über soziale Netzwerke wie Facebook. Aus der internationalen Bewegung sind inzwischen mehrere lokale Gruppen entstanden. So wie eben auch die Hamburger Urban Sketchers, die ihre Zeichnungen auf Facebook unter Urban Sketchers Hamburg veröffentlichen. Ganz gleich, ob es sich um Profis oder Amateure handelt, darf jeder mitmachen. Es ist eine breit gefächerte Gruppe in Alter, Beruf und Können. Was sie eint, ist die Leidenschaft für das Zeichnen.

Elke Schmidt

„Ich habe schon öfter am Stavenort in Buxtehude gezeichnet, meistens die Fachwerkhäuser mit ihrem beeindruckenden Mauerwerk. Diesmal habe ich mich bei meiner Skizze auf die Skulptur des Magisters Gerhard Halepaghe konzentriert. Wir hatten uns am Museum Buxtehude für Regionalgeschichte und Kunst getroffen. Die Skulptur fiel mir gleich ins Auge und ich dachte sofort: Das ist ein gutes Motiv.

Gerhard Halepaghe war ein Förderer der Gläubigen und die Buxtehude verehren ihn offensichtlich, sonst hätten sie ihr Gymnasium nicht nach ihm benannt. Das finde ich interessant. Wie üblich, habe ich auch diesmal die Skizze mit meinem Bleistift begonnen, habe sie dann mit Aquarellfarbe aufgefüllt und eine Tiefe mit Finelinern hergestellt, damit die Zeichnung am Ende noch etwas plastischer wirkt.“

Doris Schliemann

„Als wir uns alle am Museum Buxtehude für Regionalgeschichte und Kunst trafen, fiel mein Blick gleich auf die Telefonzelle mit der Tauschbücherei. Die fand ich faszinierend. Zwar habe ich schon öfter in einigen Städten solche Tauschstellen gesehen, auch wenn sich diese nicht in einer Telefonzelle befanden. Aber ich habe mich sehr gewundert, dass so zahlreiche Menschen zu dieser Tauschbücherei gefahren sind, um sich mit Büchern einzudecken und ausgelesene Bücher abgegeben haben.

Die meisten haben die Telefonzelle gezielt angesteuert und sich Bücher rausgenommen. Dass es dort einen so regen Austausch gibt, finde ich toll. Deshalb habe ich entschieden, die Telefonzelle und das Geschehen rundherum zu zeichnen. Weil sich so viele Menschen Bücher aus der Telefonzelle genommen haben, ging die Tür natürlich auch immer auf und zu. Das machte es gar nicht so einfach, die Zelle zu zeichnen.“

Thorsten Kleier

„In Buxtehude haben wir vier an unterschiedlichen Orten gezeichnet. Die Altstadt und den beschaulichen kleinen Hafen finde ich in Buxtehude besonders faszinierend. Ich mag die Gassen mit Kopfsteinpflaster und die schönen alten Fachwerk- und Backsteinhäuser rund um die Buxtehuder Sankt-Petri-Kirche. Das hat etwas Gewachsenes. Ich habe die Has-und-Igel-Twiete skizziert. Die ist mir schon vorher aufgefallen. Es ist eine schnuckelige idyllische Gasse.

Zudem ist sie für Autos nicht befahrbar. Auf einer Mauer, die quasi Stehpulthöhe hat, habe ich meine Malutensilien ausgebreitet. Passanten kamen vorbei und haben interessiert über meine Schulter geschaut. Ich finde es toll, wenn es beim Zeichnen zu Begegnungen und Gesprächen auf der Straße kommt.“

Tine Beutler

„Buxtehude ist ja meine Heimatstadt und so wusste ich schon von vornherein, was ich zeichnen wollte: die alte Markthalle. Das Gebäude hat auch eine interessante Historie. Eine Zeit lang beherbergte das Haus an der Kirchenstraße eine Brauerei. 2011 wurde das Brauhaus geschlossen und das Gebäude in den Bau des Rathausquartiers integriert. Heute hat das Bekleidungsgeschäft Hennes & Mauritz seinen Sitz in der alten Markthalle. Das ist ein Trauerspiel.

Man hätte das historische und hübsche Gebäude besser auf einer anderen Art und Weise ins Gelände integrieren sollen. Als ich die Markthalle gezeichnet hatte, saß ich an der Sankt-Petri-Kirche und hatte von dort einen guten Blick darauf. Diesmal habe ich die Skizze nicht mit dem Fineliner angefertigt. Stattdessen habe ich den Kugelschreiber für mich entdeckt. Damit kann ich mich besser an die Zeichnung heranarbeiten.“

Die Bilder

Die Urban Sketchers zeichnen vor Ort in Städten, Orten und Dörfern, in denen sie zuhause sind oder zu denen sie reisen. Sie geben so Ereignisse des täglichen Lebens wieder. Die Motive sind Szenen aus Groß- und Kleinstädten und aus ländlichen Gebieten. Es können Gebäude, Parks, Märkte, Autos, Züge und Menschen sein. All das, was beobachtet wird, ist erlaubt.

Das Motto lautet „We show the world, one drawing at a time!“ und heißt übersetzt „Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung!“. Ihre Arbeiten teilen die Urban Sketcher via Blogs und auf sozialen Netzwerken. Allerdings nur, wenn sie das Urban-Sketchers-Manifest befolgen. Das lautet so: 1. Wir zeichnen vor Ort, drinnen oder draußen, nach direkter Beobachtung. 2. Unsere Zeichnungen erzählen die Geschichte unserer Umgebung, der Orte, an denen wir leben oder zu denen wir reisen. 3. Unsere Zeichnungen sind eine Aufzeichnung der Zeit und des Ortes. 4. Wir bezeugen unsere Umwelt wahrhaftig. 5. Wir benutzen alle Arten von Medien. 6. Wir unterstützen einander und zeichnen zusammen. 7. Wir veröffentlichen unsere Zeichnungen online. 8. Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung.

Neben dem internationalen Blog haben sich inzwischen mehrere regionale Gruppen gegründet, wie etwa die Hamburger Gruppe. Deren entworfene Skizzen sind auf Facebook unter dem Stichwort „Urban Sketchers Hamburg“ zu finden.

Kunstfest

Die Urban Sketchers sind auch beim Kunstfest dabei. Das trägt die Hansestadt Buxtehude am Sonnabend, 26. August, 10 Uhr bis 19 Uhr und Sonntag, 27. August, 11 Uhr bis 18 Uhr, in und um den historischen Kern der Stadt, am romantischen Fleht und am Ufer der Este aus. Die Urban Sketchers sind mit einem Stand vertreten und stehen zum Austausch bereit. Natürlich machen sie sich auch mit Stift und Papier auf den Weg durch die Stadt. Wer möchte, kann mitmachen.

Auch die Leuphana Universität in Lüneburg befasst sich mit dem Trend Urban Sketching. Studierende haben in einem Workshop die Stadt Lüneburg mit Zeichenstift und Pinsel erkundet. Die Skizzen, Zeichnungen und Aquarelle zeigt das Kulturbüro des Studentenwerks in einer Ausstellung im International Office auf dem Campus der Universität, Gebäude 4, in Lüneburg.