Harburg
Landkreis Harburg

Hitzige Diskussion um Wölfe im Landkreis

Seit der Wolf im Landkreis Harburg wieder nachgewiesen ist, gibt es heftige Kontroversen zwischen Schäfern und Naturschützern

Seit der Wolf im Landkreis Harburg wieder nachgewiesen ist, gibt es heftige Kontroversen zwischen Schäfern und Naturschützern

Foto: Patrick Pleul / dpa

Im Winsener Marstall hatten die Gegner der Raubtiere die Oberhand – sie fordern Abschussquoten und Entschädigungen.

Winsen.  Die rasche Ausbreitung des Wolfes macht den Weidetierhaltern im Landkreis Harburg zu schaffen. Wie berichtet gibt es Risse an Schafen, verunsicherte Herden und Besitzer. Die Betroffenen beklagen, dass es schwierig ist, vom Land Entschädigungen zu bekommen, die Liste der Beschwerden ist lang. Nach zwei Mahnfeuern im Landkreis lud der Förderverein der deutschen Schafhaltung die Landtagsabgeordneten André Bock (CDU) und Dr. Gero Hocker (FDP), sowie Landtagskandidaten Hendrik Frese (SPD) und betroffene Bürger der Region zur Diskussion in den Winsener Marstall. Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) sagte kurzfristig ab.

„Trotz unzähliger Risse an Schafen und Schäden in Familienbetrieben ist das konkrete Handeln unserer Politiker nicht zu erkennen“, forderte Hauptredner Ulrich Merz, Polizeibeamter a.D., gleich zu Beginn des Abends die neben ihm sitzenden Politiker heraus. Der Uelzener eröffnete die Diskussionsrunde mit einem Vortrag, der die Angst der betroffenen Bauern und Bürger darstellte: „Das Leben von den Weidetieren, von uns allen und auch unseren Besuchern wird immer stärker bedroht durch den Wolf.“ Seiner Meinung werde an den wichtigen Stellen nichts getan, denn Tierhalter, deren Existenzen durch Wolfsrisse bedroht werden, müssten unzählige Anträge stellen, lange warten und bekämen meist nichts am Ende.

Geld vom Land nur bei eindeutigem Nachweis

Die Rechtslage bestimmt, dass Betroffene nachweisen müssen, dass es sich bei einem Biss tatsächlich um einen Wolf handelte. Nur dann gibt es Entschädigungen. Viele Schafhalter beklagen große Schäden, weil ihre Herden verunsichert sind und deshalb auch weniger Lämmer geboren werden. Hilfe aus Hannover aber bleibe aus.

„Wir diskutieren über das Thema seit 2013 im Landtag, nicht erst seit es die Mahnfeuer in diesem Jahr gab“, erklärte André Bock. Der CDU-Abgeordnete betonte, seine Partei habe fünf Anträge zu dem Thema im Landtag eingebracht. Über den jüngsten müsse noch entschieden werden. „Wir haben einen Sieben-Punkte-Plan ausgearbeitet. Uns geht es vor allem um die Beweislastumkehr, verbesserte Entschädigungsleistungen bei Rissen und die Frage, wie mit Jungwölfen umzugehen ist“, zählt er auf. Wie sein Berufskollege Dr. Gero Hocker (FDP) ist er unzufrieden, dass diese Forderungen von der Landesregierung nicht gehört werden. „Wir leisten uns Wolfsbüros und besendern Tiere, aber leisten keine Entschädigungen“, so Hocker.

Die Zuhörer im Marstall äußerten mehrfach Unmut darüber, dass Umweltminister Wenzel die Veranstaltung abgesagt hatte. Bock und Hocker nutzten die Gelegenheit, ihren Standpunkt umso deutlicher zu unterstriechen. So forderten sie eine Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht. Hocker ist für eine ganzjährige Schonzeit, Bock für eine Quote, unter die die Wolfspopulation nicht schrumpfen darf. Aus dem Publikum im gut gefüllten Saal im Marstall ernteten sie dafür Applaus.

Ein weiteres großes Problem seien nicht nur die Schafsrisse, sondern die zunehmende Gewöhnung des Wolfes an den Menschen. Nach eigenen Hochrechnungen würden 39.800 Menschen im Landkreis Harburg auf ein Wolfsrevier kommen, so Ulrich Merz. In dem von ihm gezeichneten Zukunftsszenario wird der Wolf Überhand nehmen und es wird zu Revierkämpfen kommen, weil sich die Tiere in den benachbarten Revieren nicht ausbreiten können.

„Sie gehen von einem exponentiellen Wachstum der Wölfe aus. Aber die Tiere können doch aus Niedersachsen abwandern, wenn der Lebensraum hier nicht reicht. Sie sind ja schließlich auch irgendwann zugewandert“, warf Dr. Kathleen Schwerdtner Manez, eine Agrarökonomin, aus dem Publikum kritisch ein. Die Antwort: Hier ist das Territorium begrenzt. An natürliche Abwanderung glaubt Merz nicht.

Abschuss und Entschädigung als einzige Lösungsansätze

Auch ein Kontakt zwischen den Tieren und Bürgern sei unabwendbar. „Wir hatten schon 2013 das erste Rudel im Ort“, sagte Jochen Studtmann, der einen Pferdehof in Amelinghausen betreibt. Als fünfter Redner forderte auch er die Politik zum Handeln: „Die SPD versteckt sich hinter europäischen Normen.“ Hendrik Frese, wies zurück: „Wir wollen uns auf Bundesebene dafür einsetzen, dass die rechtlichen Grundlagen geschaffen werden. Ob das über das Jagdrecht laufen wird, ist noch unklar.“

Einen alternativen Lösungsansatz neben dem Abschuss der Problemwölfe und verbesserten Entschädigungsverfahren gab es an diesem Abend nicht. Einzig Marco Röhrs, interessierter Bürger, warf zum Ende der Diskussion ein: „Wäre es nicht möglich, anstatt den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, die Abschussquoten für anderes Wild herunter zu setzen, damit der Wolf auch eine andere Nahrungsquelle als Schafherden hat?“