Harburg
HR-Regional

Gute Chancen für Radschnellweg von Stade nach Hamburg

Metropolregion sieht großes Potenzial für eine Zweirad-Trasse über Buxtehude und Neu Wulmstorf. ADFC-Ortsgruppe in Neu Wulmstorf gegründet

Das Fahrradfahren liegt im Trend. Schon längst haben Freizeitradler es als Sport für sich entdeckt, weil es gesund und umweltfreundlich ist. Zunehmend sehen auch Berufspendler das Radfahren als wunderbares Mittel, um verstopfte Straßen zu umgehen. Mit E-Bikes lassen sich zudem weite Strecken in hohem Tempo zurücklegen. Doch jeder Radfahrer verliert die Lust, wenn das Radwegenetz lückenhaft ist und über holprige Strecken führt.

Die Lösung: der Radschnellweg. Überall in der Metropolregion Hamburg wird die neue Form des Radverkehrsnetzes diskutiert. Die Radschnellwege sollen Pendler, die täglich einen Arbeitsweg von zehn bis zwanzig Kilometern zurücklegen, zum Umstieg aufs Fahrrad bewegen. Für 33 Routen im Hamburger Umland hat die Metropolregion das Potenzial ermittelt. Dabei wurde unter anderem untersucht, ob Bahnhöfe mit Hilfe von Radschnellwegen in kürzerer Zeit erreicht werden können, ob sich die Anfahrt zu Schulen und Einkaufsläden verkürzt und wie viele zusätzliche Arbeitsplätze über die Radschnellwege angesteuert werden können.

Im Landkreis Harburg wurden diese Strecken unter die Lupe genommen: Stade-Buxtehude-Neu Wulmstorf-Hamburg; Lüneburg-Winsen-Hamburg sowie Tostedt-Buchholz-Hamburg. Potenzial haben laut Metropolregion alle drei Routen. Da mehr Arbeitsplätze und mehr Einrichtungen wie Bahnhöfe, Supermärkte und Schulen erreicht werden, steigen die Chancen für den Umstieg aufs Fahrrad. „Was wir bislang nicht angeschaut haben, ist die Situation vor Ort“, sagt Jakob Richter, Leiter der Geschäftsstelle Metropolregion Hamburg. „Jetzt gucken wir uns an, was geht und was nicht.“

Das wird innerhalb einer Machbarkeitsstudie ermittelt. Welche Routen aufgenommen werden, entscheidet die Metropolregion im September. Richter geht allerdings davon aus, dass die Strecke von Stade über Buxtehude und Neu Wulmstorf bis Hamburg mit dabei sein wird. „Die Route ist unter vielen Gesichtspunkten eine richtig gute Strecke und lässt sich gut nach Hamburg reinführen“, sagt er. Zudem eigne sich die Strecke, an die Velorouten in Hamburg anzuknüpfen.

Fahrradstellplätze sind zu175 Prozent ausgelastet

Parallel arbeitet auch der Landkreis Harburg daran, sein Radwegenetz auszubauen und zu sanieren. Dafür hatten Mitarbeiter eines Fachbüros aus Hannover im vergangenen Herbst 1400 Radwege an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen sowie Radwege für Touristen abgefahren. Sie machten sich ein Bild, welche Strecken saniert werden müssen, wo Fahrradstellplätze fehlen und wo sich Lücken in den Verbindungen zwischen Gemeinden und Städten auftun. Darauf soll jetzt eine Rangliste folgen, welche Radwege sich der Landkreis zuerst vornehmen soll.

Auch auf Gemeindeebene rückt der Radverkehr verstärkt in den Fokus. Wie beliebt das Radfahren ist, macht allein die Überbelegung der Fahrradboxen am S-Bahnhof Neu Wulmstorf deutlich. Dort gibt es 60 Stellplätze, die laut Verwaltung zu 175 Prozent ausgelastet sind. „Es gibt eine ständige Diskussion darüber, vorhandene Stellanlagen auszubauen, um mehr Fahrräder unterbringen zu können“, sagt Thomas Saunus, Fachbereichsleiter Ortsentwicklung in der Gemeinde Neu Wulmstorf. Im Zuge des Neubaus der Park-and-ride-Anlage hat die Gemeinde es allerdings versäumt, zusätzliche Fahrradboxen aufzustellen. Sie waren ursprünglich geplant, wurden dann aber aus finanziellen Gründen gestrichen.

Künftig sollen die Interessen der Radfahrer in Neu Wulmstorf aber stärker vertreten werden. Nach sieben Jahren Pause haben die Radfahrer jetzt wieder eine eigene Interessenvertretung. Joachim Franke, ehemaliger Fraktionschef der Grünen im Gemeinderat, und Elisabeth Steinfeld aus Neu Wulmstorf, beide leidenschaftliche Radfahrer, haben einen Neustart gewagt und eine neue ADFC-Ortsgruppe für Neu Wulmstorf gegründet. Ihr Ziel ist, das Radfahren in Neu Wulmstorf attraktiver und sicherer zu machen. „Wenn die Politik es mit dem Radverkehrskonzept im Landkreis ernst meint, muss auch die Gemeinde Neu Wulmstorf nachziehen und das Radwegenetz verbessern“, sagt Joachim Franke, Vorsitzender vom ADFC Neu Wulmstorf. Steinfeld und Franke wollen jetzt daran arbeiten, dass deutlich mehr Menschen das Rad im Alltag für kurze Strecken, beispielsweise zum Bahnhof und zum Einkaufen, nutzen und so den CO2-Ausstoß senken.

Bürger sorgten sich um die Sicherheit der Schüler

Beide fahren fast alle Strecken mit dem Fahrrad. Dabei mussten sie feststellen, dass sich Rad- und Autofahrer selbst in einer vergleichsweise kleinen Gemeinde wie Neu Wulmstorf einen unerbittlichen Kampf um den Platz auf der Straße liefern. „Viele Autofahrer handeln nach dem Motto, die Straße gehört mir!“, sagt Steinfeld, stellvertretende Vorsitzende des ADFC Neu Wulmstorf. Längst setzt sich der ADFC dafür ein, dass Radfahrer innerorts nicht mehr an die Seite auf Radwege gedrängt werden, sondern dass sowohl Auto- als auch Radfahrer auf der Straße fahren dürfen.

Die Straßenverkehrsordnung sieht das auch vor. Wenn vorhandene Rad- und Gehwege nicht über die nötige Breite verfügen, sind Radfahrer in der Regel nicht verpflichtet, den Radweg zu benutzen. Doch es gibt auch Ausnahmen – wenn Sicherheitsgründe dagegen sprechen. Beispiel: die Wulmstorfer Straße (Landstraße 235) in Neu Wulmstorf. Im Mai hatte der Landkreis Harburg an dieser Straße die Radwegebenutzungspflicht aufgehoben. Das bedeutete, dass auch Radfahrer ab elf Jahren die Straße benutzen mussten. Die Einwohner Neu Wulmstorfs reagierten mit Unverständnis und Unmut und sorgten sich vor allem um die Sicherheit der Schüler. Der ADFC schaltete sich ein und auch der SPD-Fraktionschef Tobias Handtke.

Inzwischen hat der Landkreis Harburg reagiert. Wer will, darf den Gehweg der Wulmstorfer Straße Richtung Elstorf mit dem Fahrrad befahren. „Wir haben die Bedenken und Hinweise der Verkehrsteilnehmer vor Ort eingehend geprüft und den Gehweg zumindest in einer Richtung für Radfahrer freigegeben“, sagt Susanne Wermuth, Abteilungsleiterin Bürgerservice und Verkehr des Landkreises. Der ADFC ist zufrieden. „Das macht das Fahren deutlich sicherer“, sagt Steinfeld.