Harburg
Naturschutz

Wolfsjagd sollte kein Tabu sein

Schafszüchter Wendelin Schmücker, Ministerpräsident Stephan Weil und SPD-Landtagskandidat Hendrik Frese (v.l.) mit Patenschaf Steffi

Schafszüchter Wendelin Schmücker, Ministerpräsident Stephan Weil und SPD-Landtagskandidat Hendrik Frese (v.l.) mit Patenschaf Steffi

Foto: Angelika Hillmer / HA

Ministerpräsident Stephan Weil besucht Schafszüchter in Winsen und fordert Ausnahmeregeln beimderzeit gültigen EU-Recht.

Winsen.  Der Termin beim Schafzüchter Wendelin Schmücker in Winsen-Borstel war für Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil kein Vergnügen. Musste der Landesvater doch zugeben, dass ihm EU-rechtlich weitgehend die Hände gebunden sind, um Haltern von Weidevieh die Koexistenz mit den sich ausbreitenden Wölfen zu erleichtern. Aber er kündigte an, sich über die Hannoveraner und Berliner Umweltministerien stark zu machen, dass die Brüsseler Vorschriften gelockert werden.

Grundsätzlich sind Wölfe in Deutschland nach dem EU-Recht so lange streng zu schützen, bis ein sogenannter guter Erhaltungszustand erreicht ist, also eine Bestandsgröße, bei der die Art sicher überlebt. Das sei noch längst nicht der Fall, sagte Weil. „Aber ich werde mich dafür einsetzen, dass dort, wo bereits relativ viele Wölfe leben und Probleme machen, der Bestand reguliert werden darf.“ Mit anderen Worten: Nicht nur verhaltensauffällige Tiere sollten – wie heute schon möglich – abgeschossen werden dürfen, sondern auch Mitglieder aus einzelnen Rudeln, die die Weidewirtschaft stark beeinträchtigen.

Auf dem Schmückerschen Schafshof traf Weil nicht nur sein inzwischen erwachsen gewordenes Patenlamm Steffi, das er im November 2016 auf der Messe Eurotier übernommen hatte, sondern auch aufgebrachte Schafs- und Rinderhalter aus dem Landkreis. Sie beklagen seit längerem, dass immer wieder Tiere von einem Wolf gerissen wurden und dass die herumstreifenden Raubtiere auch dann Schäden in der Herde anrichten, wenn sie nur an den Weidezäunen entlang streifen. Ihre knapp 800 Schafe zählende Herde sei dadurch so in Stress geraten, dass sie im vergangenen Jahr nur 170 statt der geplanten 350 Lämmer hervorbrachte, sagte die Inzmühlener Schäferin Andrea Herold. Ihr und ihrem Mann Hermann seien dadurch 15.000 Euro Schaden entstanden (das Abendblatt berichtete).

Jochen Studtmann, Eigentümer eines Reiterhofs mit 75 Pferden und 90 Gästebetten, beschrieb eine weitere Folge der Anwesenheit von Wölfen: „Das Verhalten der Dorfbevölkerung ändert sich massiv“, sagte Studtmann. „Bei uns mögen Frauen nicht mehr allein mit ihren Hunden in den Wald gehen, weil sie Angst haben, dass ein Wolf den Hund als Konkurrenten attackiert“, erzählte der stellvertretende Bürgermeister der Samtgemeinde Amelinghausen. Er wisse auch von einer Reiterin, die ihren Hund nicht mehr auf Ausritte mitnimmt.

Wölfe seien neugierig und näherten sich durchaus Menschen, betont der FDP-Politiker. Dies sei gerade für Reiter eine potenzielle Gefahr, da Pferde schnell scheuten. Studtmann könnte sich Wolfsschutzgebiete vorstellen, etwa auf dem nahegelegenen Truppenübungsplatz Munster. Außerhalb solcher Refugien müssten die Tiere bejagt werden können. In Ländern, in denen dies geschehe, zeigten Wölfe sehr viel mehr Scheu, was das Zusammenleben mit ihnen deutlich erleichtere.

Wolfschutzgebiete sind in den EU-Regeln ebenso wenig vorgesehen wie die Wolfsjagd in einzelnen Problemzonen. Der Ministerpräsident sagte selbst, er habe einen langen Weg zu gehen, um eine solche Regelung zu erreichen und versprach den Viehhaltern zunächst nur „eine anständige Förderung des Herdenschutzes, unbürokratische Entschädigung bei Wolfsrissen und konsequentes Vorgehen gegen verhaltensauffällige Tiere“.

Niedersachsen sei das erste Bundesland, das einen Problemwolf bereits getötet habe, betont Weil – das Umweltministerium habe nach dem Abschuss im Frühjahr 2016 im Heidekreis rund 500 Strafanzeigen erhalten. Weil: „Ich bin kein besonderer Freund von Wölfen und kann mir Niedersachsen auch ohne sie gut vorstellen.“