Harburg
Neu Wulmstorf/Buxtehude

Radweg um Wachtelkönig bekommt eine neue Chance

Heiner Schönecke, selbst viel mit dem Rad an der Bahnstrecke in Buxtehude-Ovelgönne unterwegs, versucht, bei der Landesregierung den Bau des Radwegs zwischen Neu Wulmstorf und Buxtehude zu erwirken

Heiner Schönecke, selbst viel mit dem Rad an der Bahnstrecke in Buxtehude-Ovelgönne unterwegs, versucht, bei der Landesregierung den Bau des Radwegs zwischen Neu Wulmstorf und Buxtehude zu erwirken

Foto: Day-Press,Hans-Jürgen Kraft

Aktuelle Studie zur möglichen Besucherlenkung soll die Schutzzone für den gefährdeten Vogel vergrößern.

Neu Wulmstorf/Buxtehude.  Er hat es schon geschafft, Millionenprojekte zu kippen. Projektgegner hoffen auf ihn, Bauplaner fürchten ihn. Kaum ein Tier hat so viel Einfluss auf Baumaßnahmen wie der Wachtelkönig. Zuletzt hat er die Pläne für den Bau eines Radwegs zwischen Neu Wulmstorf und Buxtehude gestoppt.

Das Amt für regionale Landesentwicklung verkündete vor zwei Jahren das Aus des Radwegs, der teilweise durch das Schutzgebiet „Moore bei Buxtehude“ führen sollte. Ein Gutachten kam zu dem Schluss, dass der Radweg entlang der Bahnstrecke zwischen Neu Wulmstorf und Buxtehude die Brutplätze des seltenen Vogels gefährden könnte. Doch jetzt gibt es neue Hoffnung auf den Lückenschluss des Radwegs zwischen Neu Wulmstorf und Buxtehude.

Anlass dazu gibt eine aktuelle Studie zu einer möglichen Besucherlenkung im Flurbereinigungsverfahren Rübke. Das Amt für regionale Landesentwicklung hat die Untersuchung in Auftrag gegeben. „Damit wollen wir herausfinden, ob man den Besucherstrom so konzentrieren kann, dass eine größere Schutzzone und ein besseres Rückzugsgebiet für gefährdete Vögel entsteht“, sagt Bernd Beitzel vom Amt für regionale Landesentwicklung Lüneburg.

Als Dezernatsleiter für die Flurbereinigung beschäftigt sich Beitzel mit dem Flächenmanagement für den Bau der Autobahn 26, den resultierenden Nutzungskonflikten und damit auch mit einem möglichen Radweg zwischen Neu Wulmstorf und Buxtehude. Die zentrale Frage ist jetzt, ob die Ergebnisse der Untersuchung neue Ansatzpunkte zur Realisierung des Radwegs liefern.

Kern der Studie ist eine Befragung der Menschen, die das EU-Vogelschutzgebiet besuchen. An jeweils zwei Tagen pro Quartal befragen Mitarbeiter des Büros SHP-Ingenieure aus Hannover die Besucher, wohin sie sich im Schutzgebiet bewegen, warum sie sich dort aufhalten, welche Wege sie zurücklegen und wie sie sich die weitere Entwicklung der Region vorstellen.

Davon erhofft sich das Amt für regionale Landesentwicklung ausführliche Informationen zur Anzahl der Besucher, zu den benutzten Routen und den Grund des Besuchs – ob sie sich dort beispielsweise erholen oder Sport treiben möchten. „Wir gehen davon aus, dass es sich hauptsächlich um Freizeitnutzer handelt“, sagt Beitzel. „Die meisten drehen dort wahrscheinlich eine Runde mit ihrem Fahrrad oder führen ihren Hund aus.“

Die ersten Befragungen liefen bereits in der vergangenen Woche. Auch an Feiertagen, etwa Himmelfahrt und Pfingsten, erheben die Gutachter Daten im Naturschutzgebiet „Moore bei Buxtehude“. Zudem sollen Kameras Aufschluss darüber geben, wie viele Personen bestimmte Wege nutzen. „Die Besucher selbst sind dabei nicht zu erkennen“, erklärt Beitzel. „Es geht nur darum, außerhalb der Befragungszeiträume zu ermitteln, in welche Richtungen sich die Besucher bewegen.“

Von den Ergebnissen hängt nun ab, ob eine Besucherführung im Naturschutzgebiet möglich ist oder nicht. Eine vergleichbare Besucherlenkung gibt es bereits für das Naturschutzgebiet Steinhuder Meer bei Hannover.

Zugleich hat sich der CDU-Landtagsabgeordnete Heiner Schönecke, der selbst viel mit dem Rad unterwegs ist, eingeschaltet. Er versucht, bei der Landesregierung die Realisierung des Radwegs voranzutreiben und hat diese jetzt mit einigen Fragen konfrontiert.

Unter anderem möchte er wissen, welche Ergebnisse der Runde Tisch mit Vertretern der Gemeinde Neu Wulmstorf, der Stadt Buxtehude und des Amtes für regionale Landesentwicklung in Bezug auf den Radweg erzielt hat, wie hoch die Population des Wachtelkönigs in dem Naturschutzgebiet „Moore bei Buxtehude“ ist und wann er zuletzt gesichtet worden ist.

Schönecke verweist auf den geplanten Ausbau von Radschnellwegen in ganz Deutschland, der Berufspendler in Ballungsräumen dazu bewegen soll, auf das Rad umzusteigen. Auch im Landkreis Harburg wurden dafür Strecken untersucht, unter anderem eben der Korridor von Hamburg-Harburg über Neu Wulmstorf und Buxtehude nach Stade.

„Auf der einen Seite soll die Umwelt durch das Umsteigen auf das Rad entlastet werden. Auf der anderen Seite steht der Schutz eines Vogels, der nur wenige Monate im Jahr bei uns brütet und von dem keiner so richtig weiß, ob er überhaupt noch da ist“, sagt Schönecke.

Für ihn und viele andere Buxtehuder und Neu Wulmstorfer ist vor allem eines nicht nachvollziehbar: Dass ein Radweg an einer bereits vorhandenen Bahnstrecke tatsächlich den Wachtelkönig gefährden soll. Sie fragen sich, wie es sein kann, dass ein Rattern der Züge den streng geschützten Vogel nicht stören soll, Radler hingegen schon.

Vielleicht liefert die Befragung der Besucher genau die Ergebnisse, die sich alle Radwegbefürworter wünschen. „Vielleicht kann der Besucherverkehr so gelenkt werden, dass er im Lärm der Bahn untergeht“, sagt Bernd Beitzel.

Wachtelkönig

Der Wachtelkönig ist selten zu sehen, aber oft zu hören. Der lateinische Name Crex crex beschreibt den häufigen und lauten Doppelruf des Männchens, der vor allem in der Dämmerung und nachts ertönt. Die bräunliche Ralle ist etwa 25 Zentimeter groß und verbirgt sich in hoher Vegetation.

Sie besiedelt feuchtes Grünland der Fluss- und Bachauen sowie Niederungslandschaften. Weil aber diese in Deutschland rar geworden sind, wird der Vogel auf der Roten Liste bedrohter Arten als „stark gefährdet“ eingestuft.


Vor 20 Jahren wurden im Schutzgebiet „Moore bei Buxtehude“ noch rund 20 Wachtelkönig-Paare gezählt. Der Bestand ist inzwischen auf zwei bis fünf Paare geschrumpft.

Ob sich Bauvorhaben mit dem seltenen Vogel vertragen, wird deshalb genau durchleuchtet. So verhinderte der Wachtelkönig in den 1990er-Jahren ein Bauprojekt für 3000 Wohnungen in Fischbek.


Das Neubaugebiet Apfelgarten in Neu Wulmstorf konnte nur mit aufwendigen Schutzmaßnahmen entstehen. Sogar die Trasse der Autobahn 26 bei Rübke musste wegen des Wachtelkönigs verschoben werden.