Harburg
Eissendorf

Der größte Kirchenfriedhof des Nordens wird niemals alt

Albrecht Schmidt-Sondermann ist Geschäftsführer des Evangelisch-Lutherischen Gesamtverbands Harburg auch Hausherr des Friedhofs

Albrecht Schmidt-Sondermann ist Geschäftsführer des Evangelisch-Lutherischen Gesamtverbands Harburg auch Hausherr des Friedhofs

Foto: Lars Hansen / xl

An der Bremer Straße liegt der größte kirchliche Friedhof Norddeutschlands. Er feiert 125-jähriges Bestehen und entwickelt sich immer weiter.

Eissendorf.  Das schmiedeeiserne Tor an der Südostseite lässt ahnen, dass Harburgs „Neuer Friedhof“ schon ein bisschen älter ist, als der Name vermuten lässt. Dabei wurde dieser Eingang erst 1902 errichtet. Da gab es den Friedhof schon 10 Jahre. Am 20. Mai feiert der Neue Friedhof sein 125-jähriges Bestehen. Zur Feier des Tages wird ein neues Gräberfeld eingeweiht: Harburger können die Asche verstorbener Angehöriger jetzt in einem Streuobsthain versenken lassen.

Hausherr auf dem Friedhof ist Albrecht Schmidt-Sondermann. Sein offizieller Titel ist etwas umständlich, denn er ist „Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Evangelisch-Lutherischen Gesamtverbands Harburg“ dem Verein, den die Harburger Kirchengemeinden 1924 gründeten, um gemeinsam den Friedhof zu betreiben. „Davor war der Neue Friedhof in Verwaltung der Harburger Dreieinigkeitskirche“, weiß Schmidt-Sondermann, „aber das konnte eine Gemeindes allein nicht schaffen.“

1892 wurde es auf dem alten Harburger Friedhof am Mopsberg langsam eng. Die Stadt wuchs und damit auch der Bedarf an Grabstätten. Der Neue Friedhof entstand damals zwei Kilometer außerhalb der Stadt, die ihn mittlerweile längst eingeholt und umschlossen hat, an der Bremer Chaussee, der heutigen Bremer Straße. „Für das erste Areal wurden noch Flächen eingeebnet“, sagt Schmidt-Sondermann, „das gab aber schnell Probleme, weil sie erodierten.“

Die rettende Idee hatte der Landschaftsgärtner Adolf Hopp: Statt das Gelände zu formen, müsse man ihm folgen, schlug er der Kirche vor und drängte sich der Gemeinde so lange auf, bis sie ihn einstellte. Allerdings – die evangelische Kirche war offenbar ein knauseriger Arbeitgeber – nur zum Gehalt eines Totengräbers. Der Friedhof wurde Hopps Lebenswerk. Bis in die 50er-Jahre wirkte er hier.

„Die Idee, Grünanlagen der Landschaft anzupassen und nicht umgekehrt war damals neu, aber erstens richtig und zweitens verbreitete sie sich schnell“, sagt Hans-Dieter Peters, der für den Gartenbau zuständige Fachbereichsleiter des Friedhofs. „Die Erosionsprobleme hörten bald auf und der Friedhof konnte wachsen. Für den Harburger Stadtpark nahm Georg Friedrich Hölscher die Idee später auf.“

Im Vergleich mit Hölschers Anlage in Wilstorf ist der Neue Friedhof übrigens größer – und als Park fungiert er noch dazu. „Diese doppelte Aufgabe ist manchmal eine Herausforderung“, sagt Schmidt-Sondermann. „Vor allem, wenn wir Flächen stillegen. Dann müssen wir sie immer noch als Park erhalten.“

In der Tat hat der Friedhof immer weniger Platzbedarf. Dabei hören die Harburger nicht etwa auf, zu sterben. Danach beanspruchen sie allerdings weniger Raum. „Wir haben inzwischen 65 Prozent Urnenbestattungen“, sagt Schmidt-Sondermann, „und Grabstätten werden weniger oft verlängert, wenn die erste Ruhezeit von 25 Jahren vorbei ist. Familiengräber gibt es auch kaum noch.“

Das Verhältnis der Hinterbliebenen zu ihren Verblichenen wird zunehmend zwiespältig, merken die Friedhofsverwalter. „Wir bieten seit einigen Jahrzehnten Gräber an, welche die Trauernden nicht selbst pflegen müssen“, sagt Claudia Sändker, die für den Bereich Kundenkontakt verantwortlich ist. „Diese werden auch angenommen. Aber gerade nach der ersten Trauerphase kommen viele Menschen und pflanzen doch selbst Blumen oder legen Gedenkgaben ab.“

Bei Rasengräbern stört das. Sie können dann nicht mehr flächig gemäht werden. Deshalb gibt es eine Kompromisslösung: Gräber, die mit bodendeckenden Stauden bepflanzt sind und ein kleines Beet haben. Wird dies gepflegt, ist es gut, wenn nicht auch. Dann wuchert es unauffällig zu.

Die neuste Idee ist der Streuobsthain. Im Schatten von Obstbäumen sind Urnenschächte im Boden eingelassen. Auf dem Deckel des Schachts ist Platz für vier Namensschilder. So viele Urnen können darunter begraben werden. „Der Obstaum mit Blüte, Früchten, Herbstlaub und Winterästen symbolisiert den Lebenkreislauf“, sagt Albrecht Schmidt-Sondermann. „Das ist für viele Trauernde tröstlich.“

Rosenhain und Eichenhain als Ruhestätte

Mit 32 Hektar Fläche ist der Neue Harburger Friedhof der größte zusammenhängende Kirchenfriedhof Norddeutschlands. Über ihren Gesamtverband sind 16 Harburger Kirchengemeinden gemeinsam Träger der Ruhestätte. 33 fest angestellte Mitarbeiter sorgen dafür, dass der Parkfriedhof gleichermaßen eine würdevolle Atmosphäre und nicht trauernden Besuchern dennoch einen Erholungswert bietet. Jedes Jahr im Frühling bringen die Friedhofsmitarbeiter gut 23.000 Stiefmütterchen in die Rabatten. 700 Bestattungen werden hier jährlich durchgeführt. Besonders beliebt sind Urnenbeisetzungen im Rosenhain oder im Eichenhain.