Harburg
Eckel/Buchholz

Zurück zu den Wurzeln

Die Mundwerk-Pioniere (v.l.): Ortsbürgermeister Marco Stöver, Ahmad Alizada, Mathias Schwichow, Uthe Fischer, Sabina Haluszka-Seidel, Naim Farasi (vorn), Eike Seidel, Thomas Penz, Annelie Steckel und David Arndt (hintere Reihe)

Die Mundwerk-Pioniere (v.l.): Ortsbürgermeister Marco Stöver, Ahmad Alizada, Mathias Schwichow, Uthe Fischer, Sabina Haluszka-Seidel, Naim Farasi (vorn), Eike Seidel, Thomas Penz, Annelie Steckel und David Arndt (hintere Reihe)

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Zwischen Eckel und Buchholz ensteht ein neues Selbstversorger-Projekt mit Gärten für Singles, Familien und Gruppen. Initiatorin ist Annelie Steckel.

Noch ist der Acker braun. Durchzogen von Bindfäden, die der kargen Fläche eine Struktur geben. Doch schon in wenigen Monaten soll hier ein Gemüsegarten entstehen, wie er in Norddeutschland seinesgleichen sucht. Mitten auf dem Feld steht ein Gewächshaus, an deren Folie sich etliche Wildschweine ihre Nase plattgedrückt haben. Salat und Tomaten, Thymian, Petersilie und etliche Kräuter gedeihen unter der blassen Folie.

Mitten auf dem Acker steht Annelie Steckel, 37 Jahre alt. Sie ist Geologin, eine Frau, die sich auskennt mit der Beschaffenheit von Böden und die genug hat von der Lebensmittelindustrie mit ihrer Massenproduktion. Weil sie um die katastrophalen Folgen für die Umwelt weiß. Annelie Steckel findet, dass es höchste Zeit ist, umzudenken, sich den Wert eines Produktes wieder bewusst zu machen und so zu wirtschaften, dass die Natur nicht ausgebeutet, sondern bereichert wird.

Wie das geht, will sie künftig möglichst vielen Menschen zeigen. Also hat sie einen Acker gepachtet, Saatgut besorgt, Pflanzen gezogen und eine Firma gegründet. „Mundwerk Nordheide“ heißt das Projekt, dass am Sonnabend an den Start geht und noch Mitstreiter sucht.

„Menschen, die Lust haben, ihr eigenes Gemüse, Kräuter und vieles mehr anzubauen. Regional, saisonal, giftfrei – und von der Jungpflanze bis auf den Teller transparent“, sagt Annelie Steckel. Die Idee ist einfach: Wer Interesse hat, kann sich ein Stück Land auf dem Acker mieten. Neben der Anbauanleitung gibt es Saatgut, Pflanzen und Arbeitsgeräte sowie fachliche Unterstützung zur Selbstversorgung. Kohlrabi, Lauchzwiebeln, Spinat, Rucola, Tomaten und Kräuter stehen auf dem Anbauplan. Darüber hinaus gibt es Gemeinschaftsflächen für Pflanzen mit hohem Platzbedarf sowie einen Folientunnel zur Anzucht von Jungpflanzen.

Gärtnerische Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Es geht vor allem darum zu lernen, allein und gemeinsam. „Und zu erkennen, wieviel Freude es macht, den eigenen Salat wachsen zu sehen“, sagt Annelie Steckel. Die Bodenkundlerin wünscht sich, dass die Menschen, die kommen, erfahren, welchen Wert jedes Lebensmittel hat. Sie wünscht sich, dass sie erkennen, wie befriedigend es ist, ein Gemüse direkt vom Feld zu ernten.

„Ich weiß, dass ich nicht die Welt verändern kann“

„Wenn wir wollen, dass unsere Enkelkinder noch sauberes Wasser aus der Leitung bekommen, dass die kommende Generation noch Gemüse ernten kann, müssen wir jetzt handeln“, sagt die Geologin. Die 37-Jährige weiß, wovon sie spricht. Dreieinhalb Jahre hat sie als Bodenkundlerin Untersuchungen auf Mülldeponien gemacht. Sie hat berechnet, welche Schadstoffe in die Erde dringen und wie die Folgen für das Grundwasser aussehen.

Irgendwann konnte sie die Zahlen nicht mehr ertragen. „Ich habe die Kubikmeter von Plastikmüll gesehen, die Tag für Tag in jeder Mülldeponie entstehen“, sagt sie. Und plötzlich war ihr klar, dass damit Schluss sein muss. „Ich weiß, dass ich nicht die Welt verändern kann“, sagt sie. „Aber ich kann mich entscheiden, anders zu leben. Und ich kann Menschen mitnehmen.“

Die Entscheidung fällt sie vor zwei Jahren. Annelie Steckel kündigt ihren gut bezahlten Job, sucht sich Arbeit bei einer solidarischen Landwirtschaft und sammelt Erfahrungen rund um die Selbstversorgung. „Ich habe viel gelernt“, sagt sie. „Und gesehen, dass man vieles noch besser machen kann.“

Sie macht sich auf die Suche nach einen Stück Land. Gute Erde, unverbraucht, naturbelassen, im Landkreis - das ist es, was ihr vorschwebt. Sie wünscht sie einen Pächter, der ihr freie Hand lässt. Oder besser noch, jemanden, der ihre Idee unterstützt.

Sie investiert ihr Erspartes, begeistert Bekannte

Mit Gerd Naujokat, genannt Charlie, findet sie einen passenden Partner. Der Hobby-Biobauer aus Eckel verpachtet ihr 3700 Quadratmeter Land an der Buchholzer Straße zwischen Eckel und Vaensen. Annelie Steckel beginnt zu rechnen. „Wieviel Fläche brauche ich, wie viele Saatkörner für eine Rille, wie viele Pflanzen pro Person für ein Jahr Selbstversorgung und welcher Nachbar passt zu diesem Saatkorn?“

Sie investiert ihre Ersparnisse, begeistert Freunde und Bekannte für das Projekt. Eine der ersten Mitstreiterinnen ist Uthe Fischer. „Ich möchte wissen, woher mein Gemüse kommt“, sagt die Buchholzerin. 45 Quadratmeter hat sie gepachtet. Was sie nicht verbrauchen kann, überlässt sie Flüchtlingen, die sie betreut.

„Ich freue mich, dass ich mich hier engagieren darf“, sagt Naim Farasi. Der 21 Jahre alte Afghane hilft künftig im Garten von Selbstversorger Eike Seidel. Auch die Bewohner des Haus Eckel, einer Behindertenwohneinrichtung, werden dabei sein. Unterstützt wird das Projekt von Eckels Ortsbürgermeister Marco Stöver.

„Wer sich bücken mag, auf allen Vieren auf dem Boden kriechen, wer auch mal nass werden und sich die Fingernägel schmutzig machen will, ist bei uns richtig“, sagt Annelie Steckel. Zwei Stunden pro Woche rechnet sie an Arbeit für jeden Teilnehmer. Hinzu kommen drei Arbeitseinsätze pro Jahr an den Wochenenden.

Die Initiatorin, die am Projekt nicht einen Cent verdienen wird, ist sich sicher, dass sich der Einsatz für jeden Einzelnen lohnt. „Die Menschen werden ihren Salat lieben“, sagt sie. „Sie werden mit einem guten Gewissen schlafen und künftig jedem einzelnen Kräutchen ihren Respekt zollen.“

Das Projekt

Bei Mundwerk Nordheide können Gärten in drei Größen gemietet werden. Der XS-Garten, ca. 25 qm groß, kostet 180 Euro pro Jahr, der S-Garten für ein bis zwei Personen, ca. 45 qm groß, 300 Euro im Jahr, der M-Garten für die Familie, ca. 80 qm groß kostet 540 Euro.

Im Preis enthalten sind Jungpflanzen, Steckzwiebeln, Bio-Saatgut für Gemüse und Kräuter und Gemeinschaftsflächen wie das Gewächshaus und der Kompostplatz.

Vorkenntnisse über die Gärtnerei müssen nicht mitgebracht werden. Das Mundwerk-Team steht jederzeit mit Rat zur Seite.

Interessenten können das Projekt am 29. April ab 13 Uhr anschauen und kennenlernen. Das Feld liegt an der Buchholzer Straße zwischen Vaensen und Eckel vor der Einfahrt zum „Haus Eckel“ (BHH Sozialkontor).

Informationen gibt es im Internet unter www.mundwerk-nordheide.de oder direkt bei Annelie Steckel, Telefon 0175-6945347.

Weitere Anlaufstellen für Bio-Gärtnerei und Selbstversorgung in Hamburg und Umland sind unter anderem Overmeyer Landbaukultur, Biohof Wulksfelde, die Ackerhelden und Meine Ernte.