Harburg
Gesundheit

Wenn der Kniefall seinen Schrecken verliert

Volker Brandt,  hier mit Prof. Christian Heinrich Flamme, war nach der Operation schnell wieder auf den Beinen

Volker Brandt, hier mit Prof. Christian Heinrich Flamme, war nach der Operation schnell wieder auf den Beinen

Foto: Krankenhaus Buchholz / HA

Das Krankenhaus Buchholz setzt auf neuartige Prothese aus dem 3D-Drucker. Die ersten Erfahrungen sind durchweg positiv.

Buchholz.  Die Operation liegt gerade einmal vier Wochen zurück. Doch Volker Brandt bewegt sich schon wieder fast so, als hätte es diesen gravierenden Eingriff nie gegeben. Das ist deshalb ungewöhnlich, als es sich dabei um die Implantation eines kompletten, künstlichen Kniegelenks handelte. „Ich bin selbst überrascht, wie gut ich mit dieser Prothese klarkomme“, sagte der 52-Jährige dem Abendblatt.

Viele Jahre ist der ehemalige Steinsetzer für seine Kunden buchstäblich auf Knien durch die Gegend gerutscht. Dieser Einsatz hatte seinen Preis. „Erst bekam ich Rückenschmerzen, später immer öfter Probleme beim Gehen und Treppensteigen“, berichtet Brandt. An beiden Kniegelenken wurden schließlich Verschleißerscheinungen diagnostiziert. Und letztlich irreparable Defekte. Eine erfolgversprechende Option lautete daher: Ersatz durch ein künstliches Gelenk.

2015 wurde bei ihm im rechten Bein bereits eine sogenannte Schlittenprothese zum Ersatz der Knie-Innenseite implantiert. Vor zwei Wochen hat sich Brandt wegen der guten Ergebnisse schließlich selbst ins Krankenhaus Buchholz eingewiesen. Um nun auch das linke Bein „reparieren“ zu lassen.

Professor Christian Heinrich Flamme, Chefarzt der Orthopädie und Leiter des zertifizierten Endoprothetikzentrums, empfahl Brandt eine neuartige Knieprothese, die von einer US-Firma entwickelt wurde. „Sie ist ein Hightech-Produkt aus Polyethylen und Metall und per Laser im 3D-Druckverfahren hergestellt“, erklärt Flamme.

Buchholz gilt hier als Vorreiter. Erst drei Kliniken in ganz Norddeutschland setzen diese Prothese bislang ein, die etwa 20 bis 30 Prozent teurer ist als bislang verwendete Modelle. Ihr besonderer Vorteil liege darin, dass beim Implantieren kein Knochenzement verwendet werden muss, um sie zu fixieren. „Auf die neue Knieprothese wird eine individuell angepasste, poröse Schicht aufgetragen, die das Einwachsen in den Knochen erleichtert“, so Flamme. Dafür würden unter anderem Dorne als zusätzliche Halterungen sorgen.

Für den erfahrenen Operateur ist die Zementfreie Oberflächenersatzprothese ein gewaltiger Fortschritt der Medizintechnik. Nicht nur, weil der Kontakt der Prothese zum Knochen bislang ein Knackpunkt bei dieserart Operationen darstellte. Die Halbwertzeit klassischer Knieprothesen lag bislang bei 10 bis 15 Jahren. Spätestens dann wurde ein weiterer Eingriff notwendig. Bei dem das Knochenmaterial in dem Zement sitzt, jedes Mal entfernt werden musste.

„Überhaupt ist das Knie, biomechanisch gesehen, ein kompliziertes Gelenk“, sagt Flamme. Immerhin müssten hier zwei Partner miteinander verbunden werden, die eigentlich nicht zusammenpassen würden: der schmale Unter- und der weitaus massivere Oberschenkel. „Und dann haben wir da ja auch noch die Gewebescheiben, besser bekannt als Meniskus, und verschiedene Bänder, die optimale Beweglichkeit gewährleisten sollen.“

Bei herkömmlichen Knieprothesen lag das Beugungsziel bislang bei 90 Grad. Fürs Fahrradfahren sind aber schon 110 Grad vonnöten. Die und noch mehr sind mit der neuartigen Prothese aus dem 3-D-Drucker jetzt möglich. Das soll auch die Zufriedenheit der Patienten mit ihrem künstlichen Gelenk vergrößern. Bislang lag die im Durchschnitt bei gerade 80 Prozent. Bei künstlichen Hüftgelenken liegt sie hingegen bei 90 bis 95 Prozent.

„Die ersten Erfahrungen mit der neuen Knieprothese sind durchweg positiv“, sagt Professor Flamme. Bei den ersten drei Implantationen hätte es so gut wie keine Komplikationen gegeben. Im Gegenteil: Schon am Tag nach dem Eingriff können Patienten wieder aufstehen und nach nicht mal einer Woche das Krankenhaus bereits verlassen.

„Inzwischen sind die Schwellungen fast alle weg und tagsüber kann ich mich praktisch schmerzfrei bewegen“, sagt Volker Brandt. Nach drei Wochen Reha in der Jesteburger Waldklinik freue er sich, Ende der Woche nach Hause zu kommen. Um dann wieder das Leben mit seiner Frau und den drei Kindern, ungetrübt von lästigen Knieschmerzen, genießen zu können.

165.000 Fälle

Das Knie – Articulatio genus – ist das größte Gelenk des menschlichen Körpers. Es verbindet den Oberschenkelknochen (Femur), die Kniescheibe (Patella) und das Schienbein (Tibia) miteinander. Das Kniegelenk ist ein Dreh-Scharniergelenk. Es ermöglicht die Beugung und Streckung des Beins sowie eine leichte Ein- und Auswärtsdrehung in gebeugtem Zustand.



Etwa 165.000 Kniegelenke werden in Deutschland pro Jahr durch eine Prothese ersetzt.

Häufigste Ursache für den Ersatz sind eine fortgeschrittene Arthrose sowie dauerhafte Meniskus- und Kreuzbandschäden durch intensiv betriebenen Sport.

Zielgruppe für die neuartige Prothese aus Polyethylen und Metall sind Patienten bis zum 60. Lebensjahr. In diesen Fällen werden die bis zu 30 Prozent teureren künstlichen Gelenke von den Kassen in der Regel auch komplett übernommen.