Harburg
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Prostituierte nutzte Gutgläubigkeit eines Freiers aus

Die Beschuldigte verbirgt im Harburger Amtsgericht ihr Gesicht hinter einer Mappe. Rechts ihre Anwältin Stefanie Martens

Die Beschuldigte verbirgt im Harburger Amtsgericht ihr Gesicht hinter einer Mappe. Rechts ihre Anwältin Stefanie Martens

Foto: Jörg Riefenstahl / HA

Harburger glaubte an eine Zukunft mit der Dame – und zahlte ihr bis zu 50.000 Euro. Richterin verurteilte die 29-Jährige wegen Betruges und Urkundenfälschung.

Harburg.  Mit dem falschen Versprechen einer gemeinsamen Zukunft soll die Harburger Prostituierte Sabine M. (Name geändert) einen Harburger Kunden Matthias G. (Name geändert) jahrelang betrogen haben. Die 29-Jährige habe von ihrem Freier „wenigstens 50.000 Euro verlangt, damit sie sich angeblich ,freikaufen’ könne“, sagte die Staatsanwältin bei der Verlesung der Anklageschrift im Prozess gegen Sabine M., die sich gestern vor dem Harburger Amtsgericht gegen den Vorwurf des Betrugs in mehreren Fällen und Urkundenfälschung verantworten musste.

Der offenbar schwer verliebte Freier hatte die Prostituierte nach eigenen Angaben Ende 2012 über eine Partnerschaftsagentur kennengelernt. Er gab Sabine M., die sich angeblich aus dem Rotlichtmilieu lösen wollte, immer wieder Geld.

„Ich brauche 18.000 Euro für eine Kosmetik-Ausbildung“

Kurze Zeit später erzählte ihm die junge Frau, sie wolle eine Ausbildung zur Kosmetikerin beginnen und brauche dafür 18.000 Euro. Zum „Beweis“ zeigte sei ihm angebliche Unterlagen einer Hamburger Fachschule. Erneut zückte der Freier das Portemonnaie. Aber aus der zum Jahreswechsel 2012/13 versprochenen „gemeinsamen Zukunft“ wurde nichts. Tatsächlich habe sie „zu keinem Zeitpunkt die Absicht gehabt, eine partnerschaftliche Beziehung“ mit dem Mann einzugehen, so die Anklage.

Sabine M., in Polen geboren, nahm wortlos neben ihrer Verteidigerin Stefanie Martens auf der Anklagebank Platz. Die Angeklagte trug eine Sonnenbrille, weiße Turnschuhe, Blue Jeans und ein dunkles Hoody, unter dem sie ihr Gesicht zeitweise verbarg. Ihr blondes Haar hatte sie zum Zopf hochgesteckt. Zu den Tatvorwürfen äußerte sie sich nicht.

Ihr ehemaliger Freier Matthias G. (60) sagte als Zeuge aus. Mit schweren Schritten ging der schwarz gekleidete Rentner, der unter den Folgen eines Schlaganfalls leidet, in den Zeugenstand.

„Sie hat mich von Anfang an hinters Licht geführt“, sagte er mit schwacher Stimme. Nach dem ersten Treffen habe sie gesagt, dass sie Geld brauche, weil sie „erpresst“ werde. Er habe zunächst ihre Zahnarztrechnungen und Mietschulden beglichen. „Ich wollte ihr helfen. Dann hat sie mir gesagt, sie sei abgerutscht und wolle sich freikaufen. Dafür brauche sie Geld.

Ich habe ihr 20.000 Euro in bar gegeben“, sagte Matthias G. Doch damit nicht genug: Als er in ein neues Haus im Finkenwerder Norderdeich zog, und dort eine neue Küche einbauen wollte, habe ihm Sabine M. erzählt, dies könne ihr Onkel, ein Tischler aus Polen, erledigen. „Ich gab ihr 3600 Euro“, sagte Matthias G. Doch der „Tischler“ kam nie wieder. Die Küche wurde nie eingebaut, das Geld war futsch.

Doch Sabine M. ließ nicht locker. Sie sagte ihrem Freier, dass sie 13.000 Euro für eine Ausbildung zur Kosmetikerin an der Hamburger „Face Art Academy“ brauche. Sie zeigte ihm Unterlagen der Akademie, die aber nachweislich gefälscht waren. Der Freier bemerkte nichts und zahlte.

„Ich war doof und habe ihr alles geglaubt“, sagte der Zeuge. „Sie ist nach London geflogen, um angeblich einen Schule zu besuchen. Sie ist im Porsche und BMW rumgefahren, und ich habe gezahlt.“ Das Geld nahm er aus einer Erbschaft und vom Konto seiner Mutter, für das er eine Vollmacht besaß.

Doch als das Versprechen der gemeinsamen Zukunft nicht eingelöst wurde, wurde er skeptisch – und ging zur „Face Art Academy“, um sich zu erkundigen, ob Sabine M. dort tatsächlich eine Ausbildung macht. „Niemand kannte sie dort. Ich fiel aus allen Wolken.“

Die Inhaberin der „Face Art Academy“, Hanne Maehl, bestätigte als Zeugin, dass Sabine M. niemals eine Ausbildung an ihrer Fachschule gemacht habe. „Ich habe immer 14 bis 18 Schülerinnen. Ich kenne sie alle. Sie kenne ich nicht“, sagte die Geschäftsfrau und deutete auf die Angeklagte. Die Geschäftsfrau konnte sich an den Besuch des Mannes in der Akademie erinnern. „Er war total enttäuscht, weil sie ihn belogen hatte.“

Die Richterin ging über das geforderte Strafmaß hinaus

Die Richterin bohrte bei Matthias G. nach, warum er in der Vernehmung der Polizei zunächst von 50.000 Euro, später dann aber von 20.000 Euro gesprochen habe, die er für den „Freikauf“ berappt habe. „Es waren 20.000 Euro, als wir uns kennengelernt haben“, sagte er. Er könne sich aber nicht mehr genau daran erinnern, was er wann und wieviel in bar bezahlt habe.

Die Staatsanwältin sah es als erwiesen an, dass die Angeklagte ihren Freier um 3600 Euro für die Küche und 13.000 Euro für die angebliche Ausbildung betrogen hatte und die Unterlagen der Akademie gefälscht habe. Dass die 20.000 Euro für den Freikauf geflossen seien, lasse sich nicht nachweisen.

Sie forderte eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten auf Bewährung. Die Richterin ging im Urteil über das Strafmaß hinaus und verurteilte Sabine M., die heute als Rezeptionistin arbeitet, zu neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Betruges in zwei Fällen und Urkundenfälschung. Außerdem muss sie Matthias G. 16.600 Euro zurückzahlen.