Harburg
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Was heute Zukunft ist, gab’s gestern schon

Hamburg spricht von urbaner Elektromobilität und emissionsfreien Bussen. In Harburg fuhren wichtige Linien bereits neun Jahre mit Strom

Harburg. Bis 2020, so plant die Stadt Hamburg, sollen die Verkehrsbetriebe nur noch emissionsfreie Fahrzeuge kaufen. Das ist nicht mehr lange hin. Lange her ist es, dass Harburg Pionierquartier der Elektromobilität war: Bis vor 60 Jahren fuhren O-Busse auf Strecken, die die Hamburger Hochbahn heute noch mit Dieselbussen bedient. Das O in O-Bus steht für Oberleitung. Wie eine Straßenbahn bezogen die Busse ihre Fahr-Energie aus zwei Gleichstromkabeln, die weit über der Straße hingen.

„Wir sind damals gerne mit dem O-Bus gefahren“, erinnert sich Gerda Laschge aus Wilstorf, „auch wenn der manchmal sehr voll war, weil viele andere Leute auch gerne damit gefahren sind. Damit ging das fix in die Stadt zum Einkaufen oder am Wochenende mit der Familie nach Fleestedt und dann weiter ins Grüne. Wir waren ja Anfang 20 und hatten kein Auto.“

Bereits Ende der 1930er-Jahre hatte es bei der Hochbahn Überlegungen gegeben, in Harburg Oberleitungsbusse einzusetzen. Gleich drei Straßenbahnlinien waren hier in die Jahre gekommen und lagen dringend zur Sanierung an. Stahl allerdings, wie man ihn für neue Schienen benötigt hätte, wurde bereits knapp, weil die Nazis den Krieg vorbereiteten. Der Krieg kam dann auch, und zwar schneller, als die bereits bestellten O-Busse. Im Zuge der Kriegswirtschaft wurden alle zivilen Infrastrukturprojekte auf Eis gelegt. Bei Kriegsausbruch war als Jahr der O-Bus-Einführung dann 1941 im Gespräch. So siegesgewiss war man. Auf den maroden Strecken fuhren zunächst die Straßenbahnen weiter.

Erst 1949 – Stahl war immer noch knapp, aber immerhin gab es wieder Geld – kamen die ersten vier O-Busse in Harburg an. Sie bedienten die Linie „O2“ zwischen Sand und Bostelbek. Als „O1“ war eine Verbindung zwischen dem Harburger Bahnhof und Moorburg geplant , die mit dem O-Bus jedoch nie verwirklicht wurde. Mit weiteren Fahrzeugen, die im Lauf des Jahres hinzukamen, wurde auf der Linie O1 ein Sieben-Minuten-Takt erreicht.

1950 wurde dann die zweite von sieben vor dem Krieg geplanten O-Buslinien in Betrieb genommen: die „O4“ zwischen Bahnhof Harburg und Eißendorf. Auf der O4 fuhren zeitweilig auch Dieselbusse, um die Bedarfsspitzen abzudecken. Im Streckenverlauf der Oberleitungen waren bereits Luftweichen eingebaut, um Leitungen in Richtung Schwarzenberg und Bremer Straße abzweigen zu können. Die Linien wurden aber nie verwirklicht. Die „O4“ wurde allerdings verlängert und umbenannt: Als „43“fuhr sie ab 1953 nach Fleestedt. Dafür hatte zuvor die Winsener Straße verbreitert werden müssen. Die 43 war dermaßen beliebt, dass es trotz der extra angeschafften Doppeldeckerbusse – eine Sensation, denn sie waren die ersten elektrischen Doppeldecker in Deutschland – zu Stoßzeiten sehr eng wurde. „Morgens schaffte es der Schaffner oft nicht, alle Zugestiegenen abzukassieren, bis der Bus in der Stadt war“, erinnert sich Gerda Laschge. „Manchmal kam man aber auch in Wilstorf gar nicht mehr rein.“ Die HHA richtete eine Verstärkerlinie ein, die nur bis Sinstorf fuhr In die Gegenrichtung mussten Fahrer und Schaffner den Bus mit Muskelkraft wenden. Später wurde die Wendeschleife um die Schule (heute ein Kindergarten) angelegt, die die HHA heute noch nutzt. Ohne Vorankündigung stellte die HHA 1959 den Busbetrieb komplett auf Diesel um. Die erst wenige Jahre zuvor sensationellen Doppeldecker kamen zum Schrott.

Viele Elektrobusse, mit denen die Hamburger Hochbahn AG (HHA) und die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH) derzeit für ihre emissionsfreie Zukunft experimentieren, haben immer noch Stromabnehmer auf dem Dach. Damit können sie auf den Betriebshöfen und an den Endhaltestellen an Akku-Ladestationen andocken. Dass sie an den Endhaltestellen Ladepausen brauchen, stört die Hochbahn-Planer noch: „Ein Bus muss den ganzen Tag fahren können“, sagt HHA-Sprecher Christoph Kreienbaum. Man arbeitet am Problem. Weniger Sorgen haben da die VHH. Ihre „elektrische Bergziege“ im Blankeneser Treppenviertel lädt beim Bergabrollen fast soviel Energie in den Akku, wie sie bergauf verbraucht.