Harburg

Schwarzenberg: Die letzten Flüchtlinge ziehen aus

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Katharina Gessler
Ayatullah Moradi malt gern und freut sich, dass er in Harburg bleiben kann

Ayatullah Moradi malt gern und freut sich, dass er in Harburg bleiben kann

Foto: Katharina Geßler / HA

Rückbau für 350.000 Euro: Nur noch 24 Flüchtlinge leben aktuell in den Containern. Bis Dienstag ziehen auch sie um.

Wie ausgestorben wirkt das Flüchtlingscamp am Schwarzenberg. Vor vielen der rund 180 Wohncontainer stehen Bettgestelle, zerlegt in ihre Einzelteile, oder Stühle, die dort jetzt niemand mehr braucht. Die meisten der knapp 230 Bewohner, die dort im Februar noch lebten, sind bereits umgezogen.

Und bis Dienstag werden auch die letzten der jetzt noch hier untergebrachten 24 Flüchtlinge ihre neue Bleibe bezogen haben: Der im Februar angekündigte und schätzungsweise 350.000 Euro teure Rückbau des Schützen-Festplatzes (geplante Übergabe an Bezirk: 30. Juni) läuft aktuell nach Plan. Für die Betroffenen ist es ein Abschied, der zwei Seiten hat: „Die Bewohner freuen sich auf mehr Selbstständigkeit“, sagt Emrah Dertli, Leiter der Einrichtung. Aber: „Es tut vielen leid, dass sich unsere Wege jetzt trennen.“

Die Auflösungserscheinungen sind unübersehbar. In den Leichtbauhallen, die zum Beispiel für Deutschkurse oder Kinderbetreuung genutzt wurden, stapeln sich jetzt Matratzen (die allesamt entsorgt werden), Bettgestelle, Stühle und andere Möbelstücke, die demnächst auf andere Einrichtungen verteilt oder eingelagert werden.

Die Erstaufnahme am Schwarzenberg, am 5. November 2014 in Betrieb genommen, war eine der ersten und größten in Hamburg. Mehr als 700 Geflüchtete – vor allem aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Eritrea – waren hier während der Hochzeit des Flüchtlingszustroms untergebracht, betreut von 24 Mitarbeitern des Betreibers fördern & wohnen, einem sozialen Dienstleistungsunternehmen der Stadt Hamburg, sowie etlichen ehrenamtlichen Helfern, allen voran jenen der benachbarten Technischen Universität.

Man habe sich bemüht, die meisten Camp-Bewohner in anderen Harburger Einrichtungen unterzubringen – je nach Aufenthaltsstatus in andere Erstaufnahmen (z. B. an der Harburger Poststraße) oder in Folgeunterkünften wie dem Pavillondorf „Am Röhricht“ in Neugraben-Fischbek, wo seit Ende vergangenen Jahres unter der Regie des DRK Harburg ein Dorf aus 28 Häusern für 700 Menschen entstanden ist.

Dort findet auch Ayatullah Moradi (27) eine neue Bleibe. Der 27 Jahre alte Afghane kam vor etwas mehr als einem Jahr nach Hamburg, von den Strapazen der Flucht gesundheitlich stark angeschlagen. Vom Container in ein Pavillonhaus: für ihn bedeutet das zwar, dass er sich auch künftig ein Zimmer mit einem anderen Flüchtling teilen muss, aber endlich kann er dort sein eigenes Essen kochen.

Und auch die Kontrollen durch das Sicherheitspersonal beim Betreten oder Verlassen des Areals fallen weg – ein weiterer Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Ein Weg, den er konsequent weitergehen will. Der gelernte Schweißer hat unlängst ein Praktikum in diesem Beruf bei einer Firma im Hamburger Hafen absolviert. Der Eindruck, den er dort hinterlassen hat, ist so gut, dass er auf eine Anstellung hoffen kann, vorausgesetzt, dass er nun zügig seine Deutschkenntnisse verbessert.

Und das tut er. Die Zeit, die ihm dann noch bleibt, verbringt er gern im Keller der Gaststätte Kaiserlich. Dort, im Atelier Habibi, treffen sich Menschen aus der Nachbarschaft mit Camp-Bewohnern, um künstlerisch zu arbeiten. Moradis Leidenschaft beispielsweise ist das Malen. Das hilft ihm nicht nur über dunkle Erinnerungen und Sorgen hinweg, es dient auch der Integration.

Der bauliche Rückbau auf dem rund 10.000 Quadratmeter großen Gelände beginnt am 17. April. Dann gehen die gut 200 gemieteten Wohncontainer und zwölf Leichtbauhallen zurück an den Besitzer. Der Stahlmattenzaun, mit dem das Areal jetzt noch umstellt ist, wird ab- und an anderen Standorten wieder aufgebaut. Sämtliche Leitungen (Strom, Abwasser etc.), die im Boden verlegt worden sind, müssen wieder entfernt werden.

Die gesamte Oberfläche werde abgezogen, sagt Marion Koch, Ingenieurin beim Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge: „Eine fünf bis sechs Zentimeter dicke Schicht wird abgetragen und dann alles neu eingesät.“ Am Ende, sagt sie, werde der Festplatz tipptopp übergeben: „Wahrscheinlich in einem besseren Zustand als vorher.“

Bis es soweit ist, müssen Emrah Dertli und seine Mitarbeiter dafür sorgen, dass auch die letzten Bewohner ihren Umzug problemlos bewältigen können. Dafür werden Transportfahrzeuge oder Taxen organisiert. Vor allem bei denjenigen, die ein Jahr oder länger am Schwarzenberg gelebt haben, hat sich inzwischen einiges an Habseligkeiten angesammelt, vor allem dann, wenn es sich um Familien handelt. Für Ayatullah Moradi stellt sein Umzug in dieser Hinsicht kein Problem dar: Was er besitzt, passt in einen Rucksack.

Kennenlernen der neue n Nachbarn

Das Kennenlernen steht beim Nachbarschaftsfest am Sonnabend, 25. März, bei den Wohnunterkünften „Am Röhricht“ und „Am Ascheland I“ in Neugraben-Fischbek im Vordergrund. Ab 15 Uhr erwartet alle Besucher ein buntes und familienfreundliches Rahmenprogramm mit Musik, Spiel und Spaß sowie internationalem Essen. Unter den Gästen wird auch die Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Melanie Leonhard (SPD), sein.

Das Nachbarschaftsfest, das das DRK Harburg und der Zentrale Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF) gemeinsam mit der Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft (steg) veranstaltet, bietet allen Anwohnern die Gelegenheit, neue nachbarschaftliche Kontakte zu knüpfen.

Die Folgeunterkunft „Am Röhricht“ wurde Ende 2016 eröffnet. Betreiber ist das DRK Harburg. Aktuell leben dort 550 Menschen mit Bleibeperspektive, die meisten aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea, in insgesamt 25 Holzhäusern mit jeweils vier Wohneinheiten.

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