EISSENDORF

Sie lernen, wenn andere entspannen

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Katharina Gessler

An der Schule Ehestorfer Weg bereiten sich 60 Schüler in den Ferien auf ihre Abschlussprüfungen vor

EISSENDORF. Lange ausschlafen, abhängen, chillen: Das sind so die Sachen, die aktuell bei den meisten Jugendlichen gerade hoch im Kurs stehen. Immerhin sind Ferien. Ganz anders die 60 Jungen und Mädchen, 14 bis 16 Jahre alt, die gestern und heute in die Stadtteilschule Ehestorfer Weg 14 gekommen sind – freiwillig und zum Lernen!

Lernmarathon nennt Manuela Kamp (31) dieses Angebot, das sie im vergangenen Jahr mit soviel Erfolg aus der Taufe hob, dass es jetzt eine Neuauflage gibt. Die Mädchen und Jungen, die hierher kommen, bereiten sich an zwei Tagen auf die nach den Ferien beginnenden Abschlussprüfungen für den Ersten beziehungsweise Mittleren Schulabschluss (früher: Haupt- bzw. Realschulabschluss) vor. Was das Ganze so besonders macht: nicht nur die Schüler, sondern auch die Kolleginnen, die Manuela Kamp unterstützen, sind freiwillig da. „Wir machen das in unserer Freizeit“, sagt Manuela Kamp, die 2014 als Referendarin an die Stadtteilschule kam. Inzwischen unterrichtet die Pädagogin, die Chemie und Bio studiert hat, zudem Deutsch, Gesellschaft und Schach.

Warum sie sich so reinhängt, zumal während der Ferien? Die Antwort kommt prompt und ist so simpel wie einleuchtend: „Um die Schüler zu unterstützen.“ Schließlich hätten viele von ihnen zu Hause nicht einmal einen Platz, an dem sie in Ruhe lernen könnten, geschweige denn jemanden, der sie dabei unterstützen könnte.

Um ergründen zu können, wo genau in den Fächern Mathe, Englisch oder Deutsch der Hebel anzusetzen ist, mussten die Schüler sich zuvor anmelden und konkrete Angaben zu Lernzielen und Themenschwerpunkten machen. Am Montag dann traf sich Manuela Kamp mit einigen Kolleginnen, um für jeden einzelnen Jugendlichen ein individuelles Lernpaket zu schnüren: Aufgaben, Übungen und – da wo notwendig – mitsamt Lösungen. Ein Vorbereitungsmarathon, der am Montag um 8 Uhr begann und sich hinzog bis abends um 22 Uhr.

Tatkräftig unterstützt wird Manuela Kamp bei Organisation und Durchführung dieses Lernmarathons von Juliane Eggert und Anne-Linda Scherfenberg, zwei sogenannte Fellows von Teach First, einer Bildungseinrichtung, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Chancengleichheit im Bildungswesen voranzutreiben. Außerdem kommen immer wieder einzelne Kollegen vorbei, die stundenweise mit den Mädchen und Jungen arbeiten.

Die waren aufgefordert, Getränke und Essbares mitzubringen für eine kleine Stärkung während der gemeinsamen Pausen in der Aula. Ansonsten arbeiten die Schüler in kleinen Lerngruppen oder einzeln und selbstständig an ihren Lernpaketen – immer mit der Möglichkeit, eine der Lehrerinnen oder Fellows zu fragen, wenn sie nicht weiter wissen.

Zum Beispiel Sevda-Gül Kalender (15). Sie besucht die Klasse 9 c der Stadtteilschule Ehestorfer Weg und ist gekommen, um Englisch für die Prüfung zum Ersten Schulabschluss zu büffeln. Sie sieht dieses Lernangebot während der Ferien nicht als lästige Qual, sondern vielmehr als Chance: „Ferien kann ich immer wieder machen, aber diese Prüfung nur einmal.“

Abdu Sarihaya (16), Schüler der Klasse 10 e, nimmt am Lernmarathon teil, weil er unbedingt seinen Traum verwirklichen will: „Ich möchte Polizist werden.“ Weil es aber für ihn in Mathe gerade nicht ganz so rund läuft, sitzt er jetzt also hier in der Klasse – und nicht etwa zu Hause vorm Computer. Der junge Mann ist selbstkritisch genug, um genau zu wissen, dass das seine Chance ist: „Ich würde in den Ferien sonst niemals Lernen.“

Lehrerin Manuela Kamp hofft jedenfalls, dass sie da ein Angebot ins Leben gerufen hat, das möglichst rasch Schule macht. Sie fände es toll, wenn sich künftig noch mehr Kolleginnen und Kollegen bereitfänden, die Aktion in den Ferien zu unterstützten. Und wenn es gelingen könnte, ein Netzwerk von Schulen aufzubauen, die sich beim Lernmarathon gegenseitig unterstützen. „Denkbar wäre ja auch, dass lernstarke ältere Schüler, vielleicht auch von Gymnasien, zum Beispiel Lernpatenschaften für Schwächere übernehmen, um gemeinsam mit ihnen den erforderlichen Stoff zu erarbeiten“, sagt Manuela Kamp.

Dass der von ihr initiierte Lernmarathon, sie in ihrer Arbeit ganz generell beflügelt, daraus macht die Lehrerin keinen Hehl: „Das ist auch Beziehungsarbeit“, sagt sie. Der wechselseitige Umgang miteinander bekomme eine neue Qualität. Auf einmal hat sie einen Draht zu Schülern, die sie sonst im normalen Schulbetrieb gar nicht unterrichtet.

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