Harburg
Starschnitt-Ausstellung

Sie waren der Hit in den 70ern: Idole zum Sammeln

Bravo-Starschnitt

Bravo-Starschnitt

Foto: Katharina Geßler / HA

KulturBäckerei Lüneburgzeigt bis zum 19. März eine Ausstellung von Starschnitten der Jugendzeitschrift Bravo – eine Zeitreise.

Lüneburg.  Ein Besuch der KulturBäckerei Lüneburg, das ist aktuell eine Zeitreise. In schaurig-schöne Verzückung versetzt sie vor allem die Generation Ü 50. Die Sparkassenstiftung zeigt dort bis zum 19. März knapp 120 der legendären Starschnitte der Jugendzeitschrift Bravo: Mick Jagger, ABBA, Ricky Shayne, Elvis Presley, und, und, und – wir haben sie (fast) alle gehabt, an der Wand überm Bett, lebensgroß und bunt. Wir haben sie angeschmachtet und/oder bewundert. Vor allem haben sie unseren Eltern gezeigt: Das ist es, was für uns zählt – Flower Power statt Bausparvertrag, Rock’n’Roll und nicht James Last.

Dass es zu dieser ungewöhnlichen Ausstellung deutscher Jugendkultur gekommen ist, liegt an Carsten Junge (57), Geschäftsführer der Sparkassenstiftung, und seinem Drang nach Ordnung: Beim Aufräumen seines Dachbodens, entdeckte er eine Schachtel, darin ein lang vergessener Schatz: die vier Bravo-Starschnitte, die die Wände seines Jugendzimmers zierten – T. Rex („Hot Love“), eine 1967 von Marc Bolan und Steve Peregrin Took gegründete Band, der Rockmusiker Alice Cooper („School’s Out“), dann Suzi Quatro („Can the Can“) und der Sänger und Schauspieler David Cassidy. Letzterer eher ein Mädchenschwarm, deshalb „ziemlich uncool“, wie Junge nun rückblickend einräumt. Ebenso wie den Umstand, dass seiner Suzi Knie und Busen fehlte. Eine Tatsache, die das Wesen des Starschnitts markiert: Man durfte keine Ausgabe verpassen, wollte man am Ende sein Idol komplett und lebensgroß an die Wand tackern. Durchhaltevermögen war gefragt. Besonders viel davon brauchten Beatles-Fans. Aus 39 (!) Ausgaben mussten sie die Einzelteile für ihren Starschnitt ausschneiden.

Was Junge auf seinem Dachboden entdeckt hat, ließ ihn jedenfalls nicht mehr los: „Ich war geflasht.“ Vieles von damals war wieder da: „Sogar der Geruch des Klebers.“

Der Kauf der Bravo am Donnerstag: für viele Jugendliche in den 70er- und 80er Jahren ein Pflichttermin, selbst oder gerade, wenn die Eltern es strikt verboten. Wenn Kids heute ein Smartphone brauchen, um cool zu sein, damals war es für viele die Bravo. Dass das so war, hing auch mit der Rubrik von Dr. Sommer zusammen, der ganz entscheidend zur Aufklärung der Teenager damals beitrug. Heute schwer vorstellbar, was für eine heikle Sache das Thema Sex seinerzeit noch war. Wer etwa darüber schrieb, dass das Glied nicht nur Bestandteil einer Kette ist, der traute sich etwas.

Damals waren die Dinge auch noch „astrein“, „knorke“ oder „dufte“ und nicht „geil“ oder „abgefuckt“. Einen Freund nannte man Kumpel, nicht Digga. Wer’s besonders drauf hatte, war ein Macker: Er hatte Schlag bei anderen, vom Swag wusste da noch keiner was.

Wie sich die Zeiten ändern! Das hat auch Inge Voltmann-Hummes gedacht (63), die zu den ersten Besuchern der Ausstellung zählte. Sie hatte ihr Déjà-vu beim Anblick von Winnetou: „Der hing jahrelang in meinem Zimmer“.

Heute erinnert sie sich mit wohligem Entsetzen: „Den hab ich angeschmachtet bis ins gesetzte Alter von 22 Jahren.“ Unantastbar sei der für sie gewesen, auch noch zu der Zeit, als sie die andere Hälfte der Wand mit einem Konterfei von Che Guevara verzierte. Das ist ja das Schöne am Jungsein: Vorbehalte wachsen erst mit den Jahren. Und geschadet hat es auch nicht. Inge Voltmann-Hummes hat jedenfalls ihren Weg gefunden, zum Beispiel für die Sozialdemokraten in den Lüneburger Kreistag.

Überhaupt: Winnetou. In Sachen Starschnitt nimmt der eine Sonderstellung ein. Ganze drei Mal wurde er auf diese Weise durch die Bravo geadelt und war damit unangefochtener Spitzenreiter. Muss bitter gewesen sein für den Schauspieler Pierre Brice – einmal Indianer, immer Indianer. Dafür cool bis heute: reitet auf Iltschi, die Silberbüchse fest im Griff und kämpft für Frieden und Gerechtigkeit. Das ist nun mal kaum zu toppen.