Harburg
Social Food Challenge

In dieser Denkfabrik dreht sich alles ums Essen

So sehen Sieger aus: Anna Gerken und Stefan Krursel gewinnen den Wettbewerb mit der Idee eines Interkulturellen Restaurants

So sehen Sieger aus: Anna Gerken und Stefan Krursel gewinnen den Wettbewerb mit der Idee eines Interkulturellen Restaurants

Foto: Thomas Sulzyc

Bei der Social Food Challenge in Neugraben entwickeln Unternehmer soziale Gründungsideen – wie ein interkulturelles Pop-up-Restaurant.

Neugraben-Fischbek.  Ein interkulturelles Restaurant, in dem Geflüchtete und Einwanderer als Praktikanten die Hauptrolle spielen und Länderschwerpunkte auf der Menükarte setzen, sowie eine interkulturelle Unternehmerbörse, die Geflüchtete auf die Übernahme eines Restaurants vorbereitet, – das sind die besten sozialen Geschäftsideen in der Ernährungsbranche, die bei der ersten Süderelbe Social Food Challenge am Wochenende in Neugraben-Fischbek ausgezeichnet wurden.

Etwa 50 Teilnehmer aus der Wirtschaft und Studierende hatten sich im Bildungs- und Gemeinschaftszentrum Süderelbe zu einer Denkfabrik zusammengefunden, um Geschäftsmodelle zu entwickeln, die keinen Gewinn erwirtschaften, aber einen gesellschaftlichen Gewinn bedeuten. Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) eröffnete den Kreativtag. Gastgeber waren der Verein Foodactive der Süderelbe AG und das Stadtteilbüro Neugraben der Stadtentwicklungsgesellschaft steg Hamburg.

Die steigende Wertschätzung von Bioprodukten und regionalen Erzeugern oder auch die öffentliche Diskussion um zu niedrige Milchpreise zeigen: Das Thema Ernährung und ihre Qualität nehmen in der Gesellschaft eine zunehmende Bedeutung ein. Ausdruck dessen sind auch Kochshows im Fernsehen oder eine mediale Aufmerksamkeit. Weil Regionales zu essen im Trend ist, unternahm die Deutsche-Welle-Reporterin Kiyo Dörrer jüngst den Selbstversuch, sich für eine Reportage eine Woche lang nur von Nahrungsmitteln zu ernähren, die lokal, also in einem Umkreis von 100 bis 150 Kilometern angebaut werden. Und der Verlag Burda vergibt einen „Oscar“ für die besten „Food-Blogger“.

Wettbewerbe in der Ernährungsbranche gibt es wie Kaffeebohnen in der Speicherstadt. Das Besondere der Süderelbe Social Food Challenge ist ihr sozialunternehmerischer Ansatz. Ein Kriterium, dass die Jury bei der Bewertung zu beachten hatte, war deshalb der Beitrag der Geschäftsidee zur Integration von geflüchteten Menschen. „Der Berufseinstieg ist für Menschen ohne passende Vorqualifikation oft steinig und langwierig. Dabei gibt es viele ungenutzte Potenziale, die wir erkennen und heben wollen“, sagte Olaf Krüger, Vorstand der Süderelbe AG.

Insgesamt fünf, den Tag über entwickelte Geschäftsideen gingen am Abend in den Wettbewerb. Die Jury setzte sich aus drei in der Ernährungsbranche tätigen Experten zusammen: Dr. Kerstin Filipzik vom Großmarkt Hamburg, Amadeus Hajek von der Alster Food GmbH der Evangelischen Stiftung Alsterdorf und dem Texter Marco Borth, der „Guwa“ vermarktet, ein Erfrischungsgetränk aus Hamburg mit 19,2 Prozent Anteil Gurkenwasser.

Am Ende setzten die Jurymitglieder zwei Geschäftsideen auf den ersten Platz. „Schlau gedacht“ sei die Idee eines interkulturellen Restaurants, hieß es in der Begründung. Diese sieht vor, dass Praktikanten auf der Speisekarte und bei der Dekoration wechselnde Nationenschwerpunkte setzen. „Die Idee könnte auch als Pop-up-Restaurant umgesetzt werden“, sagte Marco Borth. Flüchtlinge und Einwanderer bekämen die Möglichkeit, als Servicekräfte und Köche zu arbeiten.

Ebenfalls erster Sieger ist die Idee einer Börse, die Unternehmer, die einen Nachfolger suchen, mit Geflüchteten zusammenbringt. Erfahrene Unternehmer sollen Flüchtlinge, die eine Geschäftsübernahme nicht stemmen können, in Zusammenarbeit mit Handwerksinnungen vorbereiten. „Die Idee ist gesellschaftlich relevant und unterschreibt man sofort“, so das Jurymitglied Marco Borth.

Mit dem zweiten Platz zeichnete die Jury noch die Idee eines Stadtteilgartens aus. Diese sieht vor, viele Gärten auf Dächern zu realiseren, auf denen regionales Gemüse und Obst angebaut würden. Die Gärten würden wie Hof­cafés dezentral in der Stadt verteilt. Kindergärten und Schulen könnten miteinbezogen werden, lobt Dr. Kerstin Filipzik den Bildungseffekt.

Weitere Geschäftsmodelle sahen die Entwicklung einer App vor, die Direktvermarkter mit Verbrauchern zusammenbringen soll, und einen „Food Truck“, der gesundes Essen nach dem Motto „Gesundes to go“ an Orte bringt, wo Berufstätige und Studenten sonst nur zu Fast Food greifen.

Ob die Sieger-Ideen jemals Wirklichkeit werden, ist offen. Betreiber für potenzielle Unternehmen vermittelt die Süderelbe Social Food Challenge nicht. Anna Gerken-Stamm, Jägerin und Gründerin von „Wild in Hamburg“, die an der Idee des interkulturellen Restaurants beteiligt war, erklärt den Nutzen des Kreativtags so: „Wenn man nicht über Ideen spricht, wird sie niemand erfahren.“