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Wie Ochs und Esel in die Krippe kamen

Weihnachten 2016 – Gedanken zum Fest von Helge Adolphsen, langjähriger Abendblatt-Kolumnist und ehemaliger Hauptpastor im Michel

Eine Legende erzählt, dass ein Engel, lange bevor Maria und Josef in Bethlehem eintrafen, übers Land geflogen ist, um Tiere auszuwählen, die der Heiligen Familie später im Stall helfen könnten.

Der Löwe kam nicht in Frage. Er wollte nämlich jeden zerreißen, der in die Nähe des Stalles kommt. Der Fuchs auch nicht. Der wollte für das Gotteskind den süßesten Honig rauben. Auch den Pfau lehnte der Engel ab. Der wollte den armseligen Stall schöner schmücken als Salomos Tempel. „Um Gottes willen, verschwinde“, sagte der Engel. Dann entdeckte er Ochs und Esel auf einer Weide.

„Was habt ihr anzubieten als Hilfe für die Familie?“ „Wir haben nichts anzubieten außer ein wenig Geduld, Ausdauer und einen starken Willen“, antwortete der Esel. Und der Ochse: „Mit meinem Schwanz könnte ich ein paar Fliegen vom Kind vertreiben. Mehr nicht.“ Daraufhin der Engel: „Ihr seid genau die Richtigen. Kommt mit!“

Aber so kamen Ochs und Esel nicht in die Krippe. Legenden sind keine Tatsachenberichte. Aber oft beruhen sie auf Tatsachen und schmücken diese wunderbar anschaulich aus. Sie enthalten immer eine tiefere und tiefsinnige Wahrheit. Es ist nun eine Tatsache, dass Ochs und Esel seit dem 3. Jahrhundert zur Basisausstattung der Krippe gehören. Still stehen sie links und rechts vom Jesuskind, das auf dem Boden liegt. Es ist auch eine Tatsache, dass beide Tiere sowohl im Alten wie im Neuen Testament vorkommen. Ochs und Esel werden beim Propheten Jesaja sogar zusammen genannt: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn.“ Da liegt der tiefere Grund, warum beide in die Krippe kamen. In der biblischen Begründung. Aber auch darin, dass der Esel, dieses oft so störrische Last- und Reittier, drei Mal in den Weihnachtsgeschichten der Evangelien zu Ehren kommt. Er durfte die hochschwangere Maria tragen. Aber das ist auch eine schöne Legende. Wenn es tatsächlich so gewesen wäre, wäre Maria nach wenigen Metern abgestiegen. Der stöckerige Gang hätte die Wehen sofort in Gang gesetzt. Zum anderen ist nachweisbar, dass er wie der Ochse einen Ehrenplatz im Stall hat, wie schon erwähnt. Und drittens ist die Flucht nach Ägypten ohne Esel nicht denkbar. Hier geht es um mehr und Tieferes als um Fakten. Nämlich um die symbolische Bedeutung der Tiere und des weihnachtlichen Geschehens.

Damit auch um die tiefere Wahrheit. Um Staunen und die Verehrung des Gotteskindes. Von Natur aus ist der Esel dumm, störrisch, eigensinnig. Aber im symbolischen Sinn ist er demütig und ausdauernd im Tragen von Lasten und Menschen. Wie Jesus. Der Ochse, auch nicht gerade klug, wurde zum Sinnbild für Güte, Ruhe und friedliche Kraft. Auch Eigenschaften Jesu.

Martin Luther schreibt in einer seiner schönsten Predigten zur Adventszeit seitenlang über den Esel. Er sei ein störrisches Tier, ein Schelm und fauler Geselle, der alte Esel. Wie der alte Adam, der alte Mensch, der sich dagegen wehrt, den Herrn Jesus Christus zu tragen. Der neue Mensch aber ist der andere Esel, der Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem und auf seinem Weg ins Leiden und ans Kreuz trägt. Der steht für den neuen Menschen. Dieser Esel trägt gern und bereitwillig eine teure Last. Daran macht Luther deutlich, dass es kein größeres Werk gibt als Christus zu tragen und das Reittier zu schmücken.

Wir sollen dafür sorgen, dass Gott in seinem Licht und in seiner Gnade einziehen kann in Herzen, Wohnungen, Familien, ja in unsere Welt. So stehen sie also da, Ochs und Esel. Stehen einfach so da im Stall. Sie tun nichts. Treten mal von einem Bein aufs andere, zupfen am Stroh. Der Ochse wärmt mit seinem Atem das kleine Kind. So sind sie eine einfache und tiefsinnige Botschaft:

Kommt herein! Ihr müsst nichts mitbringen, gar nichts. Kommt einfach herein! Hier geht es nicht um einen König und einen Hofstaat. Hier geht es um Gott, der unter ganz normale Menschen kommt, um ihnen ganz nahe zu sein. Klein wie ein Kind, angewiesen auf Zuwendung und Zärtlichkeit.

Nein, ihr müsst wirklich nichts mitbringen. Ihr habt ja etwas dabei. Ihr habt euch selbst mitgebracht. Mit eurem Verlangen nach Freude, die das Herz bewegt. Mit eurer Sehnsucht nach Leben, das mehr ist als Jagen, Schaffen und Verdienen. Mit eurer Wärme, mit der ihr das Kind wärmen könnt. Mit eurer Geduld wie der Esel. Mit eurem Willen, nicht so schnell aufzugeben mit eurem Lieben wie der Ochse.

So sind Ochs und Esel unsere Seelenverwandten. Denn: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn.“ Darum gehören beide unbedingt in die Krippe. Sie dürfen nicht fehlen. Sie bringen uns keine Geschenke und kein Geld. Aber viel Wertvolleres und Schöneres: Sie bringen Nestwärme und Geborgenheit, Staunen und leise, innige Freude.

Wenn zu Weihnachten oder irgendwann irgendeiner Sie als Esel oder als Hornochse beschimpft, dann wissen Sie es jetzt: Etwas Schöneres hätte der Ihnen gar nicht sagen können!