Harburg
HR-Regional

21 Jahre unschuldig hinter Gittern

Marek Glinski wurde in Polen für einen Mord verurteilt, den er nicht begangen hat. Jetzt arbeitet er als Altenpfleger in Seevetal

Der 13. April dieses Jahres ist ein bitterkalter Tag in Dzierzon­iów bei Breslau. Es liegt noch Schnee auf den Straßen der niederschlesischen Kreisstadt, als sich hinter Marek Glinksi gegen 22 Uhr zwei schwere Stahltore schließen. Für den 55-jährigen Polen bedeutet dieser Moment das Ende eines ganz realen Alptraums, der ihm 21 Jahre seines Lebens raubte. Wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hat.

Als das Abendblatt Marek Glinski besucht, sitzt er im Obergeschoss eines Einfamilienhauses in der Hittfelder Bahnhofstraße. Dort arbeitet er seit 17. Dezember als Altenpfleger. Das Ehepaar, das er und seine Lebensgefährtin Maria Linert rund um die Uhr betreuen, ist hoch betagt, dement und gebrechlich. Vor allem der Mann muss mehrfach am Tag gewaschen und gewindelt werden.

„Die Aufgabe ist ein Knochenjob, körperlich wie mental“, sagt Glinski. Er sei jedoch nichts im Vergleich zu dem, was er in der ihm schier endlos erscheinenden Zeit erlebte, seit jenem verhängnisvollen Tag im Dezember 1994.

Am 19. Dezember, fünf Tage vor Weihnachten, trifft der damals 33 Jahre alte Geschäftsmann im Hotel „Ikar“ in Poznan (Posen) auf zwei Subunternehmer. Mit ihnen will er einen Auftrag besprechen. Glinski hat sich auf den Bau französischer Kamine spezialisiert. Seine gut gehende Firma hat Kunden in Deutschland, Frankreich, Österreich, Luxemburg und den Niederlanden.

An der Bar trifft das Trio auf den deutschen Versicherungsvertreter Eduard E. Es wird getrunken und gelacht. Als Glinski noch einen Abstecher ins Spielcasino machen will, lassen sich die beiden Subunternehmer von dem Deutschen aufs Zimmer einladen, wo das Gelage weitergeht.

Irgendwann, mitten in der Nacht, gibt es Streit. Auslöser ist, dass sich E. über den Nachnamen eines der beiden Polen lustig macht, der ebenso heißt wie eine bekannte Nazigröße. Es kommt zu einer Schlägerei, in der Blut fließt. Damit es nicht auf den Hotelteppich tropft, wird dem Deutschen eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt. Kurz darauf ist er tot.

Von all dem weiß Glinski nichts. Am nächsten Morgen bricht er planmäßig zu einer Geschäftsreise in die Niederlanden auf. Dort erfährt er ein halbes Jahr später auch, dass er per internationalem Haftbefehl gesucht wird. Am 13. Juni stellt er sich in Heerlen, unweit von Maastricht, der Polizei. Glinski: „Dort erfuhr ich, dass meine Subunternehmer behauptet hatten, ich hätte den Deutschen getötet.“

Zurück in Polen wird ihm der Prozess gemacht. Nach nur fünf Verhandlungstagen und 14 Stunden Beweisaufnahme fällt das Gericht am 26. August 1997 das vernichtende Urteil: 25 Jahre Gefängnis. Glinski: „Ich war geschockt und fassungslos. Ich sollte aufgrund einer Falschaussage und kaum belastbarer Indizien für einen Mord büßen, mit dem ich nichts zu tun hatte.“

Der Fall gilt heute als einer der größten Justizskandale des Nachbarlandes. Die Behauptung der Mitangeklagten Wojciech G. und Jerzy M., Glinski habe Eduard E. mit einem Kabel erdrosselt, entbehrt jeder Grundlage. Die Gerichtsmediziner haben keinerlei Würgemerkmale feststellen können. Und als Todesursache Verbluten protokolliert.

Noch viel gravierender ist indes die Tatsache, dass G. und M., die zu 15 und 10 Jahren Haft verurteilt werden, ihre Aussage bereits im Mai 1997 widerrufen und Glinski damit entlastet haben, also vier Monate vor der Urteilsverkündung. Auch Jahre später scheitern alle Versuche, den Fall neu aufzurollen. Selbst als polnische Medien anfangen, dem Fall nachzugehen.

Damit beginnt für Glinski eine Odyssee durch die schlimmsten Gefängnisse seines Heimatlandes. „Immer wenn ein Journalist den Antrag für einen Besuch stellte, wurde ich verlegt.“ Auf diese Weise sitzt er in etwa 300 Haftanstalten ein. Die etwa 2000 Zellen teilt er sich mit Perversen, Pädophilen und Gewaltverbrechern. „Ich bin im Knast auf den Abschaum der Menschheit getroffen. Auf einen Mann, der seine Frau umbrachte, um ihre Leber zu essen. Auf Mörder, die das Fleisch ihrer Opfer verkauft haben. Auf einen Mann, der seine Freundin nur tötete, um die Alimente für das gemeinsame Kind zu sparen“, berichtet Glinski.

Während der gelernte Automechaniker im Monat gerade viermal fünf Minuten telefonieren und nur selten Familienbesuch empfangen darf, verliert er alles. Seine Ehefrau Beate lässt sich bald scheiden. Seine Firma geht zugrunde. Und auch zu den Töchtern Isabella und Natalie reißt der Kontakt ab. Als er 2003 auch noch einen Herzinfarkt erleidet, fürchtet er, das Gefängnis nur als Toter verlassen zu können.

Zweimal erhält er das Angebot, gegen Zahlung einer großen Geldsumme entlassen zu werden. „Bis zu meiner Verhaftung galt ich als wohlhabender Mann“, sagt Glinksi: „Diese unlauteren Angebote zeigen sehr deutlich, wie korrupt die polnische Justiz bis 2015 war, als die Partei Recht und Gerechtigkeit an die Macht kam“.

So kommt wieder Bewegung in den Fall. Alle großen polnischen Fernsehsender, viele Zeitungen und Zeitschriften greifen ihn auf, der mediale Druck auf die Justiz wächst. In diese Zeit fällt auch ein Brief der beiden Mitangeklagten an den polnischen Premier. Darin haben sie noch einmal dargelegt, dass Glinski unschuldig ist.

„Marek hat sich sehr verändert“, sagt Frank Schubert, ein guter Freund aus Schwerte im Ruhrgebiet. Er hatte ihm schon in den 1980er-Jahren geholfen, als Glinski das erste Mal nach Deutschland geflohen war. „Marek wirkt hektisch und ruhelos. Als wollte er alles mit einem Mal aufarbeiten und nachholen. Ist ja auch kein Wunder, ihm fehlen immerhin 21 Jahre seines Lebens“, so Schubert.

Den ersten Job in Freiheit als Apotheken-Belieferer im Ruhrgebiet hat Glinski schnell geschmissen. Zu viel Zeitdruck, zu viel Stress. Seine Lebensgefährtin Maria, eine studierte Sozialpädagogin und ausgebildete Krankenpflegerin, hat ihn schließlich zu einem polnischen Pflegedienst gelotst, der viele Kunden in Deutschland hat.

Marek und Maria kennen einander schon aus Kindertagen. Jetzt sind sie wieder unzertrennlich. Die kleine, stille Frau ist zur größten Stütze in Glinskis neuem Leben geworden. „Das Umsorgen der alten Leute hilft mir, zur Ruhe zu kommen“, sagt er. Allein auf der Straße habe er noch immer mit Panikattacken zu kämpfen: „Es ist schwer, nach so langer Zeit des Eingesperrtseins wieder Fuß zu fassen. Doch gemeinsam werden wir es schaffen.“