Harburg
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Die jungen Gäste des Harburger Winterballs

Foto: Martina Berliner / HA

Tradition trifft Zukunft: Harburgs Schützengilde feiert ihren Winterball und die Jugend tanzt nicht nur in der Disco mit.

Harburg.  Lichtreflexe huschen über knorrige Eichen, glänzende Edelkarossen und makellos weiße Fassaden. Über dem Portal des Privathotels „Lindtner“ dreht sich eine Discokugel im Scheinwerferlicht. Im Heimfelder Privathotel wird am Vorabend des vierten Advents getanzt. Die Harburger Schützengilde von 1528 hat zum Winterball geladen, zum großen Fest zu Ehren ihres Königs.

Und doch dreht sich heute längst nicht alles um Majestät Rolf-Dieter Eckert, 61. Harburgs älteste Vereinigung präsentiert sich im schönsten Glanz, um im Gespräch zu bleiben. Vor allem mit der Jugend. Die Lichtpunkte, die draußen in der schwärze der Nacht und drinnen im Spiegelsaal unaufhörlich über die Gäste wandern, signalisieren: Wir pflegen unsere Traditionen, aber wir bleiben am Puls der Zeit.

Die Botschaft scheint angekommen. Jede Menge Jungvolk flaniert zwischen den 100 geschmückten Tannenbäumen im Foyer. Man sieht blutjunge Mädchen in langen Lederstiefeln und knappen Kleidchen, High Heels unter bodenlangen Netzlook-Schläuchen und klobige Boots zum duftigen Tüll-Mini. „Ist wohl doch ein bisschen kurz“, sagt Jytte Kostro und zupft an ihrem Saum.

Ein wenig underdressed fühlt sich die 21-Jährige hier schon. „Aber es ist o.k., man hat mich ja rein gelassen und ich werde mich ohnehin öfter in der Disco aufhalten als im großen Saal“, sagt sie. Jytte ist zum ersten Mal im Hotel Lindtner, sie begleitet ihre Freundin Nina Rutterschmidt, deren Großvater Gildemitglied war.

Auch Lena Marie Michels Vater ist Gildeschütze. Mit gerade einmal 14 durfte sie ihn erstmals zum Ball begleiten und kommt seither jedes Jahr gerne wieder. „Dass wir hier zu den Jüngsten gehören, hält uns nicht ab“, sagt die 18-Jährige, bevor sie mit Freundin Constanze Wolthausen Richtung Disco verschwindet, wo bunte Lichter zu stampfenden Bässen zucken.

Auch Viktoria Pawlowski, Freundin von Nico Ehlers, dem Chef der Fahnenjunkervereinigung, hat bereits viel Gildeball-Erfahrung. „Sehen und gesehen werden, darauf kommt es an“, sagt FDP-Bezirksabgeordnete. Sie verbindet das Nützliche – gesellschaftliches Netzwerken – mit dem Angenehmen. Hier trifft sie jede Menge Freunde und gute Bekannte. Allein schon deshalb, weil die Nachwuchsvereinigung der Harburger Schützengilde im Gegensatz zur alten Garde stark vertreten ist.

Bjarne Sahling, 18, ist gerade erst den Fahnenjunkern beigetreten und heute zum ersten Mal hier. Nur elf Euro hat der Maschinenbaustudent für den Eintritt berappt. Man kann am Winterball teil nehmen, ohne viel investieren zu müssen. „Ein dunkler Anzug genügt vollkommen“, sagt Bjarne. Er hat sich dennoch einen Smoking geleistet. Vermutlich wird er von nun an regelmäßig erscheinen. „Das ist doch mal was ganz anderes, man bekommt interessante Einblicke.“

Das sieht auch der Nachwuchs aus der Buxtehuder Schützengilde so. Jungschützenkönig Jan Dührkoop ist vom feinen Ambiente beeindruckt. „Das ist hier ist schon ein festlicherer Rahmen als ich ihn von unseren Bällen auf dem Land kennen.“

Die Kunde von der Pracht des Harburger Winterballs ist bis ins Alte Land gedrungen. „Das wollen wir erstmals erleben. Eine neue Erfahrung machen!“ Buxtehudes Jungschützenkönigin Julia Meyer freut sich vor allem aufs Tanzen, während ihre männlichen Begleiter dem Parkett eher distanziert gegenüber stehen.

Tanzen und flanieren, sehen und gesehen werden

Tristan Hruby und Natalie Schröder dagegen sind gerade wegen des Schwofens gekommen. Die beiden 18-Jährigen gehören zur „High-Class“ der Tanzschule Hädrich. „Da lässt man so eine Gelegenheit nicht aus.“

Beide sind Teil des Gefolges von Arne Wichers, dem König des Marmstorfer Schützenvereins. Der hat seine Frau Sandra, Tochter Kim und deren Freundin Melina Offermann mitgebracht. „Ist eine coole Party hier, schöne Stimmung und viele nette Leute“, lautet das einhellige Urteil der beiden jungen Frauen.

Dass Familien beim Winterball erscheinen, ist nicht ungewöhnlich. „Für uns ist das schon Tradition“, erklärt Holger Knappe. „Diesmal ist nur meine ältere Tochter Laura dabei, die jüngere ist verhindert und bedauert das sehr“, berichtet der Regionaldirektor der Haspa, der etliche Mitarbeiter an seiner Seite hat. „Für uns ist der Winterball inzwischen so eine Art gemeinsamer Weihnachtsfeier.“

Auch der Nachwuchs der Gildeschützen ist an diesem Abend dabei und bildet das fleißige Winterball-Team, das für reibungslosen Ablauf sorgt. Anna Maack, Enkelin des ehemaligen Königs Peter Maack, unterweist die Gäste im Laser-Gewehr-Schießen.

Maxi, Tochter des Deputierten Ingo Mönke, verkauft an der Abendkasse Flanierkarten, während ihr Bruder Bendix beim Torwandschießen assistiert. „Natürlich werde ich in die Gilde eintreten, sobald ich alt genug dafür bin. Genau wie mein großer Bruder Dominik“, sagt der 15-Jährige.

Dominik ist erst am Vorabend aus den USA eingeflogen und hat seine Freundin Jamie Beaver mitgebracht. Die 21-Jährige zeigt sich begeistert von der Winterball-Atmosphäre. So verbreitet sich die Kunde vom Fest der beinahe 500 Jahre alten Harburger Schützenvereinigung unter jungen Leuten weiter – sogar bis nach Amerika.