Harburg
Drage

Wie ein Winsener norddeutsche Höfe rettet

Ulf Schönheim (2.v.r) mit Kuh und Gründungskollegen auf der Michelwiese

Ulf Schönheim (2.v.r) mit Kuh und Gründungskollegen auf der Michelwiese

Foto: Carsten Buck/Regionalwert AG

Ulf Schönheimliebt Produkte aus der Winsener Marsch und machte ein Unternehmen daraus.

Drage-Fahrenholz.  „Bis vor ein paar Jahren war ich Spitznamen-frei. Jetzt habe ich einen: Ein paar Blogger nannten mich Regional-Ulf, und dabei ist es geblieben“, sagt Ulf Schönheim, Diplom-Soziologe und Marketing-Fachmann. Der Name passt. Denn der zweifache Vater aus Fahrenholz hat einen Faible für regional erzeugte Lebensmittel, für gutes Essen aus der erweiterten Nachbarschaft. Inzwischen ist die Vorliebe zum Beruf geworden: Schönheim ist einer von zwei Vorständen der Regionalwert AG Hamburg.

Das kleine, im Mai 2014 gegründete Unternehmen will eine andere, nachhaltige Form von Landwirtschaft fördern, die auch zukünftigen Generationen die Chance für ein gutes Leben bietet – Schönheim verwendet dafür das Adjektiv „enkeltauglich“. „Wir müssen anders rechnen. Wichtige Werte werden derzeit nicht in die wirtschaftliche Kalkulation einbezogen“, sagt er.

„In der heutigen Rechnung kommt zum Beispiel die Bodenqualität als Grundlage der Nahrungsmittelproduktion nicht vor. Deshalb ist es heute lukrativ, den Boden maximal auszubeuten – und dabei schlimmstenfalls zu zerstören – anstatt seine Fruchtbarkeit langfristig zu sichern.“

Alles ordne sich der kurzfristigen Rentabilität unter, dem Paradigma „wachse oder weiche“, beklagt der 45-Jährige und verweist auf die mittlerweile weltumspannende Prozesskette der landwirtschaftlichen Produktion: „Wer weiß schon, dass die Saat eines in Norddeutschland angebauten Kohlrabis aus Südostasien stammt, der Keimling in den Niederlanden gezogen wurde und der Kunstdünger aus Osteuropa oder sonst wo her kommt.“

Immerhin lehne eine deutliche Mehrheit der Konsumenten die industrielle Tierhaltung ab, sagt der Genussmensch, dem die Wertschätzung von „ehrlichen Lebensmitteln“ schon in die Wiege gelegt wurde.

„Seit Generationen achtet meine Familie auf vernünftige Nahrungsmittel“, sagt Schönheim. „Wenn mein Großvater im Urlaub in Frankreich war, fragte er immer an der Tankstelle oder in Läden die Leute, wo sie selbst essen gehen und fand so Gasthäuser mit guter regionaler Küche.“

Noch heute treffe sich die Familie jährlich bei den Eltern in Aukrug bei Neumünster, um gemeinsam nach dem Rezept der Urgroßmutter schleswig-holsteinische Grützwurst zu machen. Zum Wurstrezept gehört Buchweizen. Schönheim: „Mit dem Buchweizen hatten wir jahrelang Pro­bleme. Er kam aus der Türkei oder aus der Ukraine und passte nicht zur Schleswig-Holsteiner Wurst.“ Inzwischen komme wieder regional angebauter Buchweizen in die Wurst.

Er lebe mit seiner Familie nach dem Motto: bio-regional ist erste Wahl, sagt der Öko-Unternehmer. Es darf auch mal konventionelle Ware sein, wenn sie handwerklich erzeugt wurde und Schönheim den Betrieb und dessen Arbeitsweise gut kennt. Sein Wohnort Drage-Fahrenholz hat da einiges zu bieten.

Als Regional-Ulf mit seiner Frau Antje vor zehn Jahren von Hamburg aufs Land ziehen wollte, verliebte sich das Paar in die Region der Winsener Marsch. Nach wenigen Anläufen war das Domizil gefunden.

Gleich gegenüber liegt die Landkäserei Fehling. Ulrike Fehling macht aus der Milch ihrer kleinen Kuhherde eine Palette von Frischkäse bis zu Rohmilch-Schnittkäse in den Geschmacksrichtungen Natur, Schnittlauch, Bockshornklee, Paprika, Knoblauch, Kümmel und Pfeffer. Inzwischen sorgt sie auch für gutes Fleisch: „Seit knapp drei Jahren lässt Ulrike Ochsen auf der Weide laufen, anstatt die von ihren Milchkühen geborenen männlichen Kälber zu verkaufen“, erzählt Schönheim.

Eier und Mettwurst liefert der „Regiomat“ vom Landwirt Patrick Bertram im Nachbardorf Hunden. Auf dem Hof steht neben einer Milch-Tankstelle ein Automat, aus dem die tierischen Erzeugnisse zu kaufen sind. Zuerst war Ulf Schönheim etwas skeptisch: „Ich dachte, das gibt Rührei, als die Packung in das Ausgabefach fiel. Aber das ist so gut gepolstert, dass die Eier heil bleiben.“

Für den Investor Regionalwert reicht’s für die beiden Betriebe allerdings nicht, denn die AG setzt auf öko-zertifizierte Kleinbetriebe. Ihre Idee: Das Unternehmen sammelt durch die Emission von Aktien im Wert von jeweils 500 Euro Geld ein. Dieses investiert die AG in „enkeltaugliche“ Bio-Betriebe mit Finanzbedarf. Im ersten Anlauf kamen 850.000 Euro zusammen, derzeit läuft die zweite Emissionsphase.

Bislang hat Regionalwert erst in einen Betrieb investiert: Er führte den Bioland-Hof Koch zusammen mit dem Junior Lennart Koch in Glüsingen aus der Insolvenz. Der Hof verkauft selbstgemachte Suppen und Fonds, auch Brot aus eigenem Getreide, Heidekartoffeln, Eier, Gemüse, Salat.

Zwei weitere Betriebe sind in der Pipeline: eine kleine traditionelle Meierei im Ort Horst bei Elmshorn und ein Projekt, das Thomas Sampl, ehemaliger Küchenchef des Restaurants Vlet, verfolgt. Er möchte in Hamburg eine regionale Markthalle mit Gastronomie eröffnen. Langfristig sollen dort bevorzugt Produkte von Regionalwert-Partnern zu kaufen und zu probieren sein.

Schönheim hat die beiden „Wunschpartner“ nach den Beteiligungskriterien der Regionalwert AG (u.a. unternehmerische Praxis, regionale Vernetzung, Transparenz) geprüft und für gut befunden. Er begutachtet potenzielle Partnerbetriebe im Bereich Verarbeitung und Handel. Sein Vorstandskolllege Malte Bombien ist als Agraringenieur für Bauernhöfe zuständig.

Was bei den Schönheims zu Weihnachten auf den Tisch kommt, kann Regional-Ulf noch nicht sagen. Vermutlich wird es Rindfleisch werden. „Nächste Woche gibt es wieder Fleisch vom Weideochsen bei Ulrike Fehling“ sagt der Vater zweier Töchter, neun und sieben Jahre alt. Nicht nur er, auch viele andere Nachbarn wissen das Privileg der Nähe zum geschlachteten Weiderind zu schätzen. Schönheim: „Das Fleisch bleibt in einem Umkreis von zehn Kilometern.“

Informationen im Internet:
www.regionalwert-hamburg.de