Harburg
Hörsten

Hörstener fühlen sich durch Brückensperrung abgehängt

Astrid Reeßing findet, dass es kein „echtes Kümmern“ der Gemeinde Seevetal für die Hörstener gibt

Astrid Reeßing findet, dass es kein „echtes Kümmern“ der Gemeinde Seevetal für die Hörstener gibt

Foto: Christiane Tauer / HA

Decatur-Brücke ist seit zwei Monaten gesperrt. Seitdem müssen Betroffene weite Umwegein Kauf nehmen.

Hörsten.  Mehr als zwei Monate ist es mittlerweile her, dass die Decatur-Brücke für den öffentlichen Verkehr gesperrt wurde. Nur Fahrzeuge der Bahn dürfen das Bauwerk, das über den Rangierbahnhof Maschen führt, aus südlicher Richtung bis zur ersten Rampe noch nutzen – der Rest muss Umwege über Meckelfeld und Stelle in Kauf nehmen.

„Es bleibt uns ja nichts anderes übrig“, sagt Astrid Reeßing aus Hörsten resigniert. Für viele Bürger bedeute das schlicht und einfach mehr Fahrerei. Die Steuerfachgehilfin war schon Monate vor der Sperrung wie viele andere Bewohner des Orts in großer Sorge, welche Auswirkungen das Kappen der wichtigen Lebensader für ihren Alltag haben würde. Und so ganz sind diese Sorgen nicht zerstreut worden.

„Ein wirkliches Kümmern sehe ich seitens der Gemeinde nicht“, sagt sie. Auch bei den Bürgervertretern habe sie größtenteils das Gefühl, dass sich niemand wirklich ernsthaft für die Interessen der Hörstener einsetze. „Man sagt immer, wir sind ja nur 700 Einwohner.“

An mehreren Punkten sieht Astrid Reeßing dringenden Handlungsbedarf, um den Alltag der Bürger im Ort zu erleichtern. Zum einen wäre da die Frage der Umleitungsstrecken und die damit verbundene Räumpflicht im Winter. Die Gemeinde Seevetal hat offiziell nur die Verbindung über Meckelfeld als Ausweichroute genannt, tatsächlich nutzen aber auch viele Bürger den Weg über Stelle und die Straße „Hinter der Bahn“.

Das Problem daran: Wie Seevetals Gemeindesprecher Andreas Schmidt gegenüber dem Abendblatt bestätigt, hat die Straße aus Winterdienst-Sicht nur eine untergeordnete Bedeutung. „Und daran hat sich auch nach der Brückensperrung nichts verändert.“

Für Astrid Reeßing hatte das bereits handfeste Konsequenzen. Als es Anfang November zu Glatteis im Landkreis Harburg kam, hatte sie morgens auf dem Weg zur ihrem Arbeitsplatz in Maschen einen Unfall. Auf der Straße „Hinter der Bahn“ geriet eine Frau auf spiegelglatter Fahrbahn mit ihrem Auto plötzlich auf ihre Straßenseite und kollidierte mit Astrid Reeßings Wagen.

An ihrem Fiesta kam es zu einem Totalschaden, beide Fahrerinnen erlitten außerdem ein leichtes Schleudertrauma. Angesichts der bevorstehenden Wintermonate findet die Hörstenerin, dass auf der Strecke dringend gestreut werden müsse – zumal sie jetzt von sehr viel mehr Fahrzeugen als bisher genutzt werde.

Als Zweites fragt sie sich, wann es Neuigkeiten in Sachen Ertüchtigung des Viehtrift-Tunnels gibt, der von den Hörstenern nur „Rattentunnel“ genannt wird. Der düstere Tunnel führt unter dem Rangierbahnhof hindurch und verläuft an der Seeve entlang.

Zumindest für Fußgänger und Radfahrer stellt er eine weitaus kürzere Alternativverbindung nach Maschen dar, auch wenn er zum Teil nur eine Höhe von 1,80 Meter hat, es kein Geländer zur Seeve gibt und er bei Hochwasser unpassierbar ist. „Von dem Tunnel habe ich bisher gar nichts mehr gehört“, sagt sie. Dazu erklärt Gemeindesprecher Andreas Schmidt, dass über das Bauwerk im Zuge der Alternativenprüfung für die Decatur-Brücke gesprochen werde.

Dieser Prozess wird allerdings erst im kommenden Jahr starten und von der Firma Sweco geleitet werden (siehe Infokasten). Sweco könne dann mitteilen, welche Kosten eine Ertüchtigung in welcher Form nach sich ziehe, so Schmidt.

Als Drittes beschäftigt Astrid Ree­ßing die Beförderung der Hörstener Schüler zur Grundschule Maschen. Morgens fahre der Schulbus nun vier Minuten früher ab, das funktioniere reibungslos, berichtet sie. Am Nachmittag jedoch starte der letzte Bus um 13.25 Uhr in Maschen, obwohl der Großteil der Schüler bis 16 Uhr in der offenen Ganztagsbetreuung bleibe – so auch ihre Tochter Angelina. „Es war schon vor der Brückensperrung kompliziert, dass wir Eltern dann immer selbst fahren mussten. Aber durch die Umwege ist es nun noch schwieriger geworden“, findet sie.

Laut Information der Gemeinde besuchen insgesamt 15 Kinder aus Hörsten die Grundschule Maschen, zwölf sind im offenen Ganztag. Dass der Bus sie nicht um 16 Uhr nach Hause bringe, liege an der Schulform „offener Ganztag“, die eben nicht verpflichtend, sondern freiwillig sei, erklärt Andreas Schmidt. Für den Busverkehr würden nur die Pflichtstunden zählen.

Für Eltern wie Astrid Reeßing dürfte diese Antwort ernüchternd sein. Sie werden sich bis auf weiteres damit abfinden müssen, für Fahrten zur Schule, aber auch zum Einkaufen, zum Sport oder zum Arzt längere Wege in Kauf nehmen zu müssen.

Etwas anderes hat Astrid Reeßing ebenfalls festgestellt: In Hörsten gibt es mittlerweile viele verängstigte Bürger, die befürchten, dass Polizei oder Notarzt trotz gegenteiliger Beteuerung der Gemeinde im Ernstfall nicht mehr so schnell vor Ort sind. „In letzter Zeit gab es hier wieder einige Einbrüche, viele Einwohner sind verunsichert.“

Auf den Veranstaltungen des Sparclubs im Dörpshus würden sich die Hörstener regelmäßig untereinander austauschen, bei vielen herrsche das Gefühl, abgehängt zu sein, so Reeßing. Doch es gibt auch die andere Seite. Ein Teil der Bürger freue sich, dass es nun weniger Durchgangsverkehr im Ort gebe, sagt sie. Damit hätte die Brückensperrung wenigstens etwas Gutes für Hörsten.