Wilhelmsburg

Sea-Watch entwickelt App gegen das Ertrinken

| Lesedauer: 2 Minuten
Thomas Sulzyc
Die Web-Entwickler Nicolas Zemke (v.l.) und Joshua-Krüger demonstrieren mit Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer die App zur Seenotrettung

Die Web-Entwickler Nicolas Zemke (v.l.) und Joshua-Krüger demonstrieren mit Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer die App zur Seenotrettung

Foto: Thomas Sulzyc

Software koordiniert Rettungseinsätze auf dem Meer. Die Erfinder arbeiten in den Wilhelmsburger Zinnwerken.

Wilhelmsburg.  Webentwickler programmieren in Wilhelmsburg für die Hilfsorganisation Sea-Watch eine Anwendungssoftware, die der zivilen Flotte bei der Koordinierung ihrer Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer helfen soll.

Die Entwickler und Crewmitglieder haben am Mittwoch einen Prototypen der App in dem neuen Hamburger Büro von Sea Watch in den Wilhelmsburger Zinnwerken vorgestellt. Spätestens im März 2017, wenn die meisten Schiffe der zivilen Rettungsflotte wieder auf das Meer hinausfahren und vor der libyschen Küste nach Schiffbrüchigen suchen, soll die App zum Einsatz kommen.

Bisher ergibt sich den zivilen Seenotrettern ein unübersichtliches Bild. Mit Flüchtlingen besetzte Schlauchboote sind auf dem Radar schwer zu erkennen, sehen wie eine Welle aus. Zehn bis 20 Schiffe von insgesamt 13 Hilfsorganisationen suchen an manchen Tagen auf dem Meer. Sie kommunizieren mit dem Mobiltelefon oder über den Nachrichtenübermittlungsdienst WhatsApp miteinander. Die Folge: Häufig finden sich zu viele Schiffe an einer Rettungsstelle ein, dringendere Fälle werden übersehen.

Die App zur Seenotrettung hilft, die Einsätze möglichst wirkungsvoll zu steuern, dorthin, wo Hilfe am Nötigsten ist. In weniger als einer Minuten haben Crewmitglieder die Möglichkeit, die wichtigsten Daten zu übermitteln: die Position des vom Kentern bedrohten Schiffes, die Anzahl der Menschen an Bord, Zustand und Art des Bootes.

Die Praxis auf dem Meer habe gezeigt, dass sich bei mündlich gemeldeten Positionsbestimmungen Fehler, meist Zahlendreher, einschleichen. „Mit der Folge, dass Retter 20 Meilen weit in die falsche Richtung fahren“, sagt Ruben Neugebauer, Crewmitglied und Sprecher von Sea-Watch.

Das mit Hilfe der App erstellte Lagebild könne zudem dazu dienen, Druck auf die Europäische Union auszuüben, mehr schiffe bei der Seenotrettung einzusetzen. Die Unterstützung der Marine verschiedener Mitgliedstaaten setze meist sehr spät ein, berichtet Ruben Neugebauer. Ein über die App dokumentiertes Lagebild dagegen brächte die Marine in Argumentationsnot, sollte sie sich zögerlich zeigen.

Erfinder der App sind die selbstständigen Webentwickler Joshua Krüger (23) und Nicolas Zemke (25), die seit Oktober das Büro in den Wilhelmsburger Zinnwerken bezogen haben. Von dort aus erfolgt auch später die technische Betreuung und Weiterentwicklung. Bislang arbeiten die beiden Kreativen ehrenamtlich an der App.

Im Idealfall will Sea-Watch allen 13 beteiligten zivilen Hilfsorganisationen die App zur Verfügung stellen. Am 19. Dezember präsentiert Sea-Watch bei einem treffen den Nichtregierungsorganisationen die App. Die Kosten für Router, die Infrastruktur wie die Büromiete und technische Betreuung sollen aus Spenden finanziert werden. Dazu hat Sea-Watch eine Crowdfunding-Kampagne gestartet mit dem Ziel, 30.000 Euro bei Unterstützern im Internet einzusammeln.

www.sea-watch.org/2017

( tsu )

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