Koordinator

Von fünf auf 25 Prozent: Er plant Harburgs Radverkehr

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Martina Berliner
Carsten Stein ist Harburgs Fahrradbeauftragter

Carsten Stein ist Harburgs Fahrradbeauftragter

Foto: Martina Berliner / HA

Carsten Stein ist seit Oktober Radverkehrskoordinator in Harburg. Im Vordergrund steht der Ausbau von zwei Velorouten im Bezirk.

Harburg.  Hamburg will Fahrradstadt werden. Im Juni haben Senat und Bezirksvertreter das „Bündnis für den Radverkehr“ unterzeichnet. Angestrebtes Fernziel: Jedes vierte Fahrzeug auf den Straßen der Hansestadt soll künftig ein Drahtesel sein. Damit das klappt, gibt es nun in jedem Bezirk einen Radverkehrskoordinator.

In Harburg ist seit Oktober Carsten Stein zuständig. Ein kompetenterer Kandidat hätte sich kaum finden lassen: Der 49-Jährige ist studierter Geowissenschaftler und Biologe. Als selbstständiger Umwelt- und Verkehrsgutachter hat er unter anderem Radfernwege geplant, bevor er für das Bezirksamt Wandsbek im Dezernat Wirtschaft, Bauen und Umwelt tätig wurde.

Während in zentralen Stadtvierteln wie Eimsbüttel, Winterhude und Altona schon verhältnismäßig eifrig geradelt wird – dort tritt ein Fünftel der Bevölkerung in die Pedale – setzen die allermeisten Bewohner der Peripherie nach wie vor auf Kraftstoffantrieb. In Harburg sind bisher erst etwa fünf Prozent der Verkehrsteilnehmer mit dem Rad unterwegs.

Der Ausbau des Radwegenetzes wird viele weitere zum Umstieg animieren, so die Hoffnung. Hamburg-weit stehen zunächst 33 Millionen Euro für die Finanzierung der Maßnahmen zur Verfügung. Die Stadt zahlt davon nur zehn Prozent. 90 Prozent kommen vom Bund. Allerdings ist Eile geboten: Die Bundesmittel müssen bis Ende 2018 investiert sein.

Bei Carsten Stein laufen nun die Fäden zur Realisierung der südlich der Elbe liegenden Abschnitte der Hamburger Radschnellstrecken zusammen. Vorrangig geht es um den Ausbau zweier Strecken: Veloroute 10 führt von der Brücke des 17. Juni über Nartenstraße, Veritaskai, Kanalplatz zur Harburger Schloßstraße.

Route 11 verläuft vom Harburger Ring über Eißendorfer Straße und Denickestraße bis zur Triftstraße und soll vor allem die Technische Universität mit mehr als 7000 Studierenden besser ans Velonetz anbinden. Der Anblick junger Leute auf Fahrrädern könnte auch andere Bevölkerungsschichten zum Aufsatteln animieren, glaubt Carsten Stein.

„Dank E-Bikes sind heute schon viel mehr ältere Menschen auf Rädern unterwegs als früher.“ Er würde es begrüßen, wenn mittelfristig auch Lastenräder und Elektroräder an den Stadtrad-Stationen angeboten würden.

Carsten Stein ist überzeugt: Die Förderung des Radverkehrs ist unverzichtbar für den Erhalt städtischer Mobilität. Das bewiesen gerade die aktuellen Stauprobleme. „Je weniger Autos auf der Straße sind, desto besser fließt der Verkehr und desto weniger Lärm, Abgase und Feinstaubbelastung gibt es für Verkehrsteilnehmer, Fußgänger und Anwohner. Radverkehr verbessert die soziale Teilhabe und die Familienfreundlichkeit der Stadt. Bei Strecken bis zu fünf Kilometer ist das Fahrrad schneller als das Auto. Die meisten Fahrten mit dem Pkw werden innerhalb dieser Distanz zurückgelegt.“

Weiterer Vorteil: Auch die Bewegung wirke sich positiv aus. „Wer Rad fährt, lebt gesünder und senkt Gesundheitskosten.“

Für seine Recherchetouren kreuz und quer durch den Bezirk Harburg hat Carsten Stein deshalb nicht Autos der Behördenflotte genutzt, sondern Stadträder, die in Harburg mittlerweile an 13 Stellen zu leihen sind. Er hat dabei beobachtet, dass die Nutzer überwiegend von der Peripherie ins Zentrum fahren, so dass Lastwagen die Räder regelmäßig zurück zu den Stationen der Randbezirke bringen müssen. „Das ist vermutlich so, weil es in dieser Richtung bergab geht“, meint Carsten Stein.

Ab kommendem Frühjahr wird er auch die 24 Kilometer lange Strecke vom heimischen Buchholz bis in sein Büro im klassizistischen Bau gleich neben dem Harburger Rathaus per Rad zurücklegen. Noch fährt er witterungsbedingt mit der Bahn. „Das ist schnell und sehr bequem“, schwärmt er. Dennoch will der überzeugte Velofan möglichst bald selbst strampeln. „Bevor ich Kinder hatte, habe ich jährlich bis zu 10.000 Kilometer im Sattel gesessen.“

Heute ist seine gesamte Familie zweiradbegeistert. Auch in den Urlaub geht es entweder per Zug oder per Fahrrad. Stein besitzt ein ganzes Arsenal verschiedener Modelle vom Rennrad über Reiserad und Mountainbike bis zum Tandem. Ein Auto haben die Steins allerdings auch. „Aber wir tanken nur einmal pro Viertel Jahr. Denn jede Fahrt wird sorgfältig geplant.“

Auch beruflich hat Carsten Stein schon Pläne und Ideen für die Zeit nach Abschluss des Velorouten-Ausbaus: „Nach 2018 hoffe ich, dass es mit der Verdichtung des Alltagsrouten-Netzes weiter geht. Harburg hat ein gutes Potenzial für Bezirksrouten, im Göhlbachtal oder an der Außenmühle beispielsweise. Desweiteren sind Fahrradstationen am Bahnhof Harburg und in Neugraben-Fischbek geplant. Das Findungsverfahren für die entsprechenden Standorte läuft noch.“

Bis es zur Umsetzung der Pläne kommt, wird der Radverkehrskoordinator noch viel Zeit im Büro verbringen müssen. Es gibt jede Menge bürokratische Hürden und Schriftverkehr zu bewältigen, vielfältige Interessen zu berücksichtigen. „Schließlich wollen Politiker und Bürger am Verfahren beteiligt werden. Wenn alles klappt, werden wir Ende 2018 ein Harburg haben, das wesentlich familien-, senioren- und umweltgerechter ist als heute.“

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