Harburg
Sprötze

Für Kinderwagen verboten — Aufzug-Posse am Bahnhof

Ärgerlich: Der Lastenzug ist ohne Schlüssel nicht zu nutzen

Ärgerlich: Der Lastenzug ist ohne Schlüssel nicht zu nutzen

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Am Bahnhof Sprötze wurden Tausende Euro versenkt: In einen kaum genutzten Rollstuhl-Lift und eine Rampe, die zu Geistergleis führt.

Sprötze.  Als die 61-jährige Heidemarie Micheel kürzlich die Wahl zur Bürgermeisterin in Sprötze gewann, erbte sie auch eines der umstrittensten Projekte der kleinen Gemeinde. Seit der Schrägaufzug am Bahnhof Ende August dieses Jahres installiert wurde, sorgt er für reichlich Ärger. „Er ist unter anderen Voraussetzungen beantragt und beschlossen worden. Deshalb kann es so, wie es jetzt ist, nicht bleiben. Da würden wir uns komplett lächerlich machen“, sagt die CDU-Politikerin.

Als die Grünen im August 2015 den Antrag auf Installation eines Aufzugs stellten, ließen sie keinen Zweifel daran, dass er auch für Senioren mit Rollator, Eltern mit Kinderwagen und Radfahrer nutzbar sein sollte. So stand es später auch in der einstimmigen Empfehlung des Planungsausschusses vom November 2015. Die Gesamtkosten, die laut Stadtsprecher Heinrich Helms inklusive Installation und elektrischen Anschlüssen 20.000 Euro betragen, haben sich Ortsrat Sprötze und Stadtrat Buchholz geteilt.

Offenbar eine Fehlinvestition. Denn die Sprötzer haben nicht bekommen, was sie sich gewünscht hatten. „Tatsächlich können aus technischen wie haftungsrechtlichen Gründen lediglich Rollstuhlfahrer die Anlage mit einem speziellen Euro-Schlüssel nutzen“, so Helms. Und das, obwohl in den Verhandlungen mit dem Anbieter Hiro Lift aus Bielefeld angeblich Einigkeit über den späteren Nutzerkreis erzielt worden sei. Weil der dann jedoch nicht lieferte, was er sollte, wurde nachträglich ein Rechnungsabschlag von fast 10.000 Euro vereinbart.

So aber macht der Schräglift absolut keinen Sinn. Wie Abendblatt-Recherchen ergaben, machen Rollstuhlfahrer seit Jahren einen Riesenbogen um den Bahnhof Sprötze. „In den vergangenen vier Monaten gab es keine einzige Anfrage für den Transport eines Rollstuhlfahrers in unseren Metronom-Zügen“, berichtete Björn Pamperin, Sprecher der Eisenbahngesellschaft mit Sitz in Uelzen. Und auch davor hätten Anfragen absoluten Seltenheitswert gehabt.

Das ist der vorläufige Endpunkt einer Posse, die im Grunde schon im Oktober 2007 ihren Anfang nahm. Seinerzeit hatte die Stadt den Bahnhofsvorplatz für 470.000 Euro aufwändig umbauen lassen. Weil sich daran die Landesnahverkehrsgesellschaft Hannover mit fast der Hälfte beteiligte, ist unter anderem eine etwa zehn Meter lange Rampe angelegt worden, um für einen barrierefreien Zugang zum Bahnsteig am Gleis 1 zu sorgen.

Einziger Schönheitsfehler: Mit der Übernahme der Regionalbahn-Verbindung Hamburg-Bremen durch Metronom im selben Jahr änderte die Deutsche Bahn (DR) ihre Gleisführung. Fortan hielten die meistgenutzten Züge in Sprötze nicht mehr auf Gleis 1, sondern auf den Gleisen 2 und 3 am benachbarten Bahnsteig. Und der ist nur über eine feste Treppe zu erreichen.

Dennoch hatte die Bahn eine Kostenbeteiligung für den Schrägaufzug verweigert. „Mit dem ,Programm der DB‘ hat sich die Bahn die Selbstverpflichtung auferlegt, den barrierefreien Ausbau voranzutreiben. Deshalb wurde gemeinsam mit dem Eisenbahn-Bundesamt eine Prioritätsregel zum stufenfreien Ausbau mit Aufzügen und Rampen vereinbart“, erklärte Angelika Theidig vom DR-Regionalbüro Hamburg.

Laut der „1000-Reisende-Regel“ werden von der Deutschen Bahn aber zuerst Bahnhöfe mit mehr als 1000 Reisenden am Tag mit Aufzügen oder langen Rampen ausgestattet. So viele Passagiere hat Sprötze aber bei weitem nicht. „Werktags gibt es im Schnitt nur etwa 400 Fahrgäste, die am Bahnhof Sprötze aus- und zusteigen, am Wochenende sind es höchstens 200“, so Metronom-Sprecher Pamperin.

So ist es durchaus verständlich, dass im Rathaus Buchholz bis vor kurzem noch laut über ein „duales Schlüsselsystem“ nachgedacht worden ist. Das hatte als „Plan B“ der ehemalige Ortsbürgermeister Gerd Ulrich von den Grünen ins Spiel gebracht, um die Investition in den Schräglift noch irgendwie zu rechtfertigen: „Nach meinen Informationen könnte ein zweites Schlüsselschloss für etwa 400 Euro nachgerüstet werden, damit der Aufzug auch für Senioren, Familien und Radfahrer nutzbar ist.“

Wäre die Frage geblieben, wer diese Schlüssel für „Jedermann“ hätte ausgeben und wieder einsammeln sollen. Schon waren ein Supermarkt und ein Pflegedienst in der Nähe des Bahnhof ins Spiel gebracht worden. Wobei schnell klar wurde, dass solch ein System kaum praktikabel und zielführend gewesen wäre. Und sich schließlich durch die Nachricht erübrigte, dass eine Nutzungserlaubnis für das in Sprötze installierte Aufzugsmodell ohnehin nur für Rollstuhlfahrer zulässig ist.