Harburg
Kirchdorf-Süd

Neue Ideen zur Zukunft von Kirchdorf-Süd

Sigrun Clausen (l.) und Margret Markert vor der Hochhauskulisse in Kirchdorf-Süd

Sigrun Clausen (l.) und Margret Markert vor der Hochhauskulisse in Kirchdorf-Süd

Foto: Thomas Sulzyc

Vorschläge gehen in Richtung zusätzliche Bebauung rund um die umstrittene Großsiedlung – Ausstellung und Podiumsdiskussion.

Kirchdorf-Süd.  Irgendwann um das Jahr 2040: Die Hochhaussiedlung Kirchdorf-Süd mit ihren mehr als 6200 Bewohnern wirkt städtebaulich nicht mehr allein gelassen. Etwa 2000 neue Wohneinheiten, Geschosswohnungsbau und Reihenhäuser an Wettern, sind in dem einst verrufenen Ortsteil entstanden und umarmen die frühere Trabantenstadt. Die Bezirksversammlungsabgeordnete Kesbana Klein (SPD), selbst Bewohnerin der Großsiedlung, hat die Idee zusätzlichen Wohnungsbaus in Kirchdorf-Süd im Regionalausschuss Wilhelmsburg öffentlich ins Spiel gebracht.

Die geplante Autobahn A26-Ost müsste dazu auf etwa einem Kilometer Länge unter die Erde gebracht werden. Ein Autobahndeckel wie in den Stadtteilen Bahrenfeld oder Schnelsen. Ein Antrag dazu ist laut dem Wilhelmsburger Bürgerschaftsabgeordneten Michael Weinreich (SPD) in Vorbereitung. Die Lösung soll Autobahnbau und Stadtentwicklung miteinander versöhnen.

Um die Zukunft Kirchdorf-Süds geht es auch in einem Podiumsgespräch am 24. November. Es ist ein Programmhöhepunkt der bis Ende Januar 2017 laufenden Ausstellung im Laurens-Janssen-Haus aus Anlass des 40-jährigen Bestehens der Großsiedlung. Der frühere Harburger Baudezernent Peter Koch ist eingeladen. Und Dr. Andreas Pfadt von dem Planungsbüro ASK Architektur Stadterneuerung Kommunale Planung wird sich zu Chancen und Grenzen einer Sanierung äußern. Der Experte war in den Jahren 1992 bis 2004 dafür verantwortlich, die Bausünden der Entstehungsgeschichte zu korrigieren.

Bereits während der Bauzeit galt Kirchdorf-Süd als Teil einer vergangenen Architekturepoche. Die Architekten Georg Heinrichs und Hans-Christian Müller haben im Jahr 1973 wegen massiver Umplanungen von fremder Hand die Verantwortung für den in Kirchdorf-Süd vorgesehenen Hochhaustyp abgelehnt. Die um drei auf insgesamt 14 Geschosse erhöhten Wohntürme nannten die Wilhelmsburger wenig schmeichelhaft „Wohnwarzen“.

Ende 1976 gilt Kirchdorf-Süd als fertig gebaut. Tatsächlich aber fehlen Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Jugendhäuser, eigentlich die komplette Infrastruktur. Sigrun Clausen spricht von einer „menschenfeindlichen Architektur“. Fünf Jahre habe es gedauert, bis die Spielplätze im Quartier endlich mit Sitzbänken für Mütter und Väter ausgestattet wurden. Die Journalistin aus Wilhelmsburg ist gemeinsam mit Margret Markert (Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg) und Roswitha Stein (Freizeithaus Kirchdorf-Süd) Initiatorin der Ausstellung „40 Jahre Kirchdorf-Süd“.

Sigrun Clausen ist eine Expertin für das Innenleben von Kirchdorf-Süd. In keinem anderen Quartier Hamburgs leben mehr Menschen von „Hartz IV“. In dieser Hinsicht nehme Kirchdorf-Süd eine herausragende Position innerhalb der Freien und Hansestadt ein, heißt es in der Sozialraumbeschreibung des Bezirksamts Hamburg-Mitte.

Die Journalistin und Autorin hat 40 Bewohner der Großsiedlung, die bis heute das Image der Elbinseln im übrigen Hamburg prägt, interviewt. „Viele Bewohner fühlen sich wohl in Kirchdorf-Süd, obwohl sie Hochhäuser eigentlich für scheußlich halten“, sagt sie. Selbst auf der Elbinsel habe nicht jeder einen Fuß nach Kirchdorf-Süd gesetzt. Sie kenne Leute aus dem Reiherstiegviertel, die seien noch nie in der Großsiedlung gewesen, sagt Sigrun Clausen.

Die Internationale Bauausstellung Hamburg hat in den Jahren 2007 bis 2013 neuartige Architektur in Wilhelmsburg geschaffen und dem Stadtteil zu einem besseren Ruf verholfen. Kirchdorf-Süd habe nichts von dem Investitionskuchen abbekommen, sagt Sigrun Clausen.

Der Blick in die Vergangenheit soll Aussichten für die Zukunft eröffnen. Über die besondere Form des Städtebaus in Hochhaussiedlungen gebe es bis heute nur wenig Erkenntnisse, sagt Margret Markert. Die Leiterin der Geschichtswerkstatt beschäftigt sich damit ob sich eine architektonisch unzureichende Siedlung sanieren lasse und gibt Antworten in der Ausstellung „40 Jahre Kirchdorf-Süd“. Auf die Frage, wie sich die vertikale Kleinstadt in Zukunft entwickeln könnte, sagt sie: „Es gibt ja Hochhäuser, die begrünt sind.“

Podiumsgespräch: Sanierung einer Großwohnsiedlung – geht das?“, Donnerstag, 24. November, 19 Uhr, Laurens-Janssen-Haus, Kirchdorfer Damm 6