Harburg
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Sie gehen neue Wege im Chorgesang

Popchor „Pur Calluna“ aus Marxen mit Chorleiterin Andrea Henke (vorn): „Wir haben den Chor gegründet, um den musikalischen Nachwuchs zu sichern“

Popchor „Pur Calluna“ aus Marxen mit Chorleiterin Andrea Henke (vorn): „Wir haben den Chor gegründet, um den musikalischen Nachwuchs zu sichern“

Foto: Pur Calluna / HA

Strukturwandel – Traditionelle Chöre kämpfen um ihr Überleben. Neue Ensembles mit neuen Ideen treten auf den Plan.

Harburg.  „Tach“, ruft Chorleiter Jens Peikert in die Runde der Sänger, die sich im Vereinshaus des Schützenvereins Neu Wulmstorf aufgestellt haben. „Tach“ schallt die Antwort aus gut 30 kräftigen Männerkehlen durch den Raum. Mit diesem Ritual beginnt jede Probe des Shanty-Chors „De Windjammers“ aus Neu Wulmstorf.

Die Frage ist nur, wie lange es traditionelle Chöre wie „De Windjammers“ noch geben wird. Insbesondere die Männerchöre im Landkreis plagen seit Jahren Nachwuchssorgen. Andererseits verändert sich die Chorlandschaft: Es entstehen neue, jüngere Gruppen. Sie setzen auf Pop statt Shantys. Sie treffen sich in Projekten statt einmal pro Woche. Sie singen auswendig statt nach Noten. Anzeichen eines schleichenden Strukturwandels, der die Chorszene in der Stadt und auf dem Lande ergriffen hat.

Für den Niedergang traditioneller Chöre gibt es verschiedene Gründe. „Jüngere Leute haben heute andere Interessen“, sagt Hans Wöbcke, Vorsitzender der „Windjammers“. „Wir konkurrieren mit einem riesigen Freizeitangebot“. Die großen Zeiten der 90er-Jahre mit 60 Aktiven und Aufnahmestopps sind bei den „Windjammers“ vorbei.

Früher hätten Jugendliche ein Musikinstrument erlernt, denn ein Freizeitangebot gab es nicht. Und heute? „Wir haben Mühe, einen Akkordeonspieler zu finden. Das Repertoire mit Shantys zieht bei den jungen Leuten nicht. Wer fährt denn heute noch zur See?“, fragt Wöbcke. Zudem habe die Generation 40 Plus mit Job und Familie meist schon genug um die Ohren. Und am Wochenende lockten Computerspiele statt Chor.

Die Zeitenwende hat auch den Harburger Polizeichor „Blaue Jungs“ erfasst. Darüber kann die Tatsache, dass 900 Besucher zum Jahreskonzert in die Friedrich-Ebert-Halle in Harburg kamen, nicht hinwegtäuschen. „In den 80er-Jahren wurde das Fach Chormusik und der Musikunterricht von einer neuen Generation von Kultusministern abgeschafft“, erzählt Gerhard Elies, Schatzmeister der „Blauen Jungs“.

„Wir mussten uns sogar schon anhören, wir würden ja Lieder singen, die ,bei Adolf’ gesungen wurden, als wir einmal ,Wir lieben die Stürme’ intoniert haben.“ 30 aktive Mitglieder zählt die Gruppe heute, das Durchschnittsalter liegt über 70 Jahre. Wenn der Chor weiter schrumpft, werde man eben auf vierstimmige Songs verzichten.

Die Klientel, die Elies als Nachwuchs anspricht, hat ein Einstiegsalter von 55 plus. Junge Leute für den Chor zu gewinnen, sei quasi unmöglich: „Die Jugend läuft lieber mit Knöpfen in den Ohren und Handy durch die Gegend“, sagt Elies.

Gleichwohl schaffen es andere, jüngere Gruppen, mit frischem Repertoire, Sänger für Chorgesang zu begeistern. So erlebt etwa der Popchor „SingING“ von der TU Harburg seine Blüte. Die Bandbreite reicht von englischen und deutschen Popsongs wie „And So It Goes“ (Billy Joel) und „Angel“ (Robbie Williams) über Gospels bis hin zu eigenen Arrangements wie dem „Hamburg-Medley“ mit viel Lokalkolorit.

Um Nachwuchs braucht sich ,SingIng’ keine Sorgen zu machen. „Das universitäre Umfeld spielt eine wesentliche Rolle“, sagt „SingING“-Sprecher Jonathan Meinert. „Wir begeistern die jungen Leute, weil wir tolle Konzerte für ein junges Publikum machen. Etwa, wenn wir zur Eröffnungsfeier im Audimax vor 500 Bachelorstudenten singen. Das zieht neue Leute!“

Wie wandlungsfähig „SingING“ ist, zeigt der Chot, der auswendig singt, einmal mehr im Februar: Dann wird er unter der Leitung von Jonas Vogler erstmals mit „SinfonING“, dem Orchester der TUHH, auf der Bühne stehen und neben Pop erstmals ein klassisches Repertoire präsentieren.

Strahlkraft über Harburgs Stadt- und Landkreisgrenzen hinaus haben auch die „Harburger Kantorei“ und der „Harburger Kammerchor“ entwickelt. Die hohe Qualität ist ein Verdienst des perfekten Zusammenspiels der Sänger und ihres musikalischen Leiters Werner Lamm. Stimmbildung wird groß geschrieben.

Bei Konzerten großer oratorischer Chorwerke mit Orchesterbegleitung und Solisten bringt die Kantorei ohne Probleme 120 Sängerinnen und Sänger auf die Bühne. „Wir sind ein Chor, der weiter wächst und Nachwuchs generiert“, sagt Chorvorstand Stefan Wendt-Reese.

60 Prozent der Sänger kommen aus Hamburg mit Schwerpunkt im Süden, 40 Prozent kommen aus dem Landkreis. Wer in die Kantorei einsteigt, hat die 50 in der Regel überschritten, bringt Chorerfahrung und Notenkenntnisse mit. Gesungen wird auch a cappella, bis zu achtstimmig.

„Ich glaube, dass wir attraktiv sind, weil wir mit Profi-Orchestern und Solisten zusammenarbeiten. Und weil sich unser Chorleiter Ziele setzt, die er verfolgt und auch weiß, wie er sie mit den Sängern erreichen kann“, sagt Wendt-Reese. Übrigens: Der Harburger Kammerchor singt am Sonnabend, 19. November, um 18.30 Uhr in der Nikolaikirche in Finkenwerder (Eintritt frei).

Das „Hittfelder Dutzend“ kann sich vor Nachfragen kaum retten. Der Chor mit einer Altersspanne von 15 bis 60 Jahren ist unter der Leitung von Axel Schaffran auf 17 Sängerinnen und Sänger angewachsen. Das „Dutzend“ begeistert sein Publikum mit Perfektion, Ideenreichtum und eigenen Arrangements. 2013 hat das „Dutzend“ den Kulturpreis „Blauer Löwe“ erhalten.

„Wir könnten, aber wir wollen nicht mehr werden“, sagt Schaffran. „Ich glaube, es ist die gute Mischung, das Niveau und die Qualität im Bereich Popularmusik, die motiviert. Wenn man etwas gut macht, engagieren sich die Leute im Chor.“ Für das Reformationsjahr erarbeitet das „Dutzend“, das gern auch schon mal neunstimmig singt, zeitgenössische Musik zu Luther-Texten.

Ein glänzendes Beispiel ist Marxen, das „singende Dorf“ in der Nordheide. Vier Chöre mit 120 Aktiven und 80 Förderer gibt es – den Männerchor, Singkreis, einen Frauen- und einen Kinderchor. Um drohender Überalterung vorzubeugen, war in Marxen 2011 extra der Popchor „Pur Calluna“ gegründet worden. Das Konzept ging voll auf: Bei „Pur Calluna“ singen inzwischen 40 Leute. Derzeit herrscht Aufnahmestopp.

„Für viele Chöre ist es fast zu spät“

Kreis-Chorleiter Stefan Roßberg im Interview zur Krise uns ihren Ursachen

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Chöre aktuell Nachwuchssorgen haben? Gesungen wird doch immer noch gern.

Stefan Roßberg: Wir erleben seit einigen Jahren so etwas wie einen Pillenknick, der vor allen Dingen Chöre im ländlichen Raum betrifft. Dieser Pillenknick wurde durch eine Neuausrichtung der Musikpädagogik in den 50er- und 60er-Jahren ausgelöst. Das Singen in Gruppen, politisch-ideologisch instrumentalisiert in der Zeit des Nationalsozialismus, galt in Abgrenzung zur Geschichte als verpönt. Singen wurde systematisch von Unterrichtsplänen und aus der Lehrerausbildung gestrichen. Kinder und Schüler in Kindergärten und allgemeinbildenden Schulen wuchsen ohne Singen auf.

Welche Altersgruppe ist in besonderem Maß betroffen?

Roßberg: Es betrifft genau die Zielgruppe der heute 50 bis 65 jährigen, die für Chöre als Nachwuchs interessant sind. Zudem hat sich unsere Gesellschaft in den letzten 25 Jahren als Konsequenz aus der Medien- und Technikentwicklung von einer produzierenden hin zu einer konsumierenden Gesellschaft verändert, Stichwort Walkman, Smartphones und MP3-Player.

Was können traditionelle Chöre tun, um ihre Situation zu verbessern?

Roßberg: Für viele ist es fast schon zu spät. Ich würde versuchen, mich im Kleinen zu arrangieren: Kann ein Chor mit anderer Literatur, etwa dreistimmig oder zweistimmig mit Instrumentalbegleitung, auch in einer kleinen Gruppe weiter zusammen singen? Muss ich mich mit den Auflagen eines eingetragenen Vereins auseinandersetzen, oder genügt auch ein nicht eingetragener, gemeinnütziger Verein?

Hilft es, wenn sich traditionelle Chöre musikalisch neu ausrichten?

Roßberg: Chöre sollten ihre musikalische Identität beibehalten. Es lässt sich kein neuer Mitstreiter gewinnen, nur weil im Chor „Über sieben Brücken musst du gehen“ gesungen wird.

Gibt es so etwas wie ein Erfolgsrezept für Chöre?

Roßberg: Es zeigt sich, das bestimmte Formate besonders attraktiv sind. Das sind Projekte, wie wir sie vom Kreis-Chorverband anbieten und die Interessierte für einen kurzen Zeitraum in einem Projektchor zusammenbringen. Und Chöre, die eine spezielle inhaltlich-musikalische Ausrichtung verfolgen, etwa die Pop- oder Gospelchöre.

Wie sehen Sie die Zukunft der Chöre?

Roßberg: Die Chorlandschaft wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren drastisch verändern. Traditionelle Chöre werden von der Bildfläche verschwinden, neue kleine und junge Chöre werden sich etablieren. Die Chorszene wird sich neu erfinden, und aus den jetzigen Bemühungen in Kindergärten und Grundschulen den Pillenknick überwinden. Denn: Das Singen ist keinesfalls tot, es ist lebendig.