Terrorabwehr

Islamisten hinter unauffälliger Fassade: Razzia in Harburg

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Der Eingangsbereich der Moschee in Wilstorf

Der Eingangsbereich der Moschee in Wilstorf

Foto: dpa

Beim Verteilen des Korans zeigen Islamisten häufig Gesicht, ihr Zentrum in Harburg ist indes unauffällig. Die Geschichte des Verbots.

Hamburg. Die Al-Taqwa-Moschee in Hamburg-Harburg ist leicht zu übersehen. Hinter mit Folie verklebten Fenstern liegt im Erdgeschoss von zwei nebeneinanderliegenden zweistöckigen Wohnhäusern der etwa 15 Meter lange Gebetsraum. Von außen sieht die Etage mit den sechs großen Sprossenfenstern wie ein Gewerberaum aus. Am Eingang steht auf einem Schild „Die Gemeinschaft des Olivenbaumzweigs e.V. Harburg“ und direkt über der Tür ein Glasschild mit vier arabischen Wörtern. Nur wer einen Blick in den Windfang wirft, sieht zwei angerissene Plakate mit derselben Koransure auf Deutsch. „Ich wusste gar nicht, dass da eine Moschee ist“, sagt eine etwa 30 Jahre alte türkische Nachbarin.

Früh morgens fährt die Polizei vor

Um kurz nach 6.30 Uhr fahren fünf Polizeitransporter mit Blaulicht vor. Rund 20 Polizisten in Uniform und Zivil eilen zu dem Haus an der Ecke Anzengruberstraße/Reeseberg in Wilstorf. Es dauert nicht lange, dann sind die drei Türen geöffnet. Gewalt ist nicht nötig. Die Beamten gehen mit blauen Plastiküberschuhen und -handschuhen hinein. Mit der Durchsuchung vollstrecken die Beamten das Verbot des Vereins „Die wahre Religion“, der seine Koran-Verteilkampagne „Lies!“ zur Rekrutierung gewaltbereiter Islamisten missbraucht haben soll.

Die Straße gehört zu den wenigen in Harburg, die eine geschlossene Struktur aus Altbauten haben. Die Gegend im Stadtteil Wilstorf wirkt nicht nobel, aber auch nicht verkommen. Gleich gegenüber der Al-Taqwa-Moschee befindet sich eine städtische Fahrradverleihstation. Tür an Tür mit dem Verein liegt ein Versicherungsbüro. Es wirbt mit der Erfahrung einer Kundin: „Das größte Unglück passiert manchmal auf dem kürzesten Weg!“

Heimat von Mohammed Atta

In der Bäckerei 200 Meter weiter in der Querstraße hat die Verkäuferin die Polizeiaktion mitbekommen. Als sie erfährt, dass es um Islamisten geht, reagiert sie angewidert: „Das ist eklig!“, sagt die Mittvierzigerin. „Ich bin türkisch, aber das mag ich nicht. Das mögen wir auch bei uns nicht“, fügt sie hinzu. Harburg hat schlechte Erfahrungen mit Islamisten gemacht. Auch der Terrorpilot Mohammed Atta wohnte vor dem Attentat vom 11. September 2001 mit mehreren Komplizen in dem Stadtteil.

Nach anderthalb Stunden tragen Beamten rund zehn Kartons mit Unterlagen aus dem Haus der Moschee. Kurze Zeit später gehen die Polizisten mit einem Rechner, einer großen Papiertüte und einem Einkaufstrolley zu ihren Autos. Auf dem leuchtend roten Trolley steht in großer goldener Schrift „Lies!“

Nach dem Abzug der Beamten bleiben im Vorraum der Moschee zwei nahöstlich gekleidete Männer zurück. „Wir sind nur wegen der Polizei hier“, wehrt einer von ihnen Fragen ab. Die Ausstattung ist spartanisch. Graue Teppichauslegware zieht sich vom Vorraum bis in den Gebetssaal. Von der Einrichtung sind nur die Schuhregale zu sehen. Keine Dekoration, keine Plakate, keine religiösen Symbole.

Anlaufpunkt der dschihadistischen Szene

Hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich nach Erkenntnissen des Hamburger Verfassungsschutzes ein zentraler Anlaufpunkt der dschihadistischen Szene. Das Verbot des Vereins „Die wahre Religion“ sei ein wirkungsvoller Schlag und „Rückenwind für unsere harte Hamburger Linie gegen gewaltorientierte extremistische Fanatiker“, meint Innensenator Andy Grote (SPD).

Nach Ansicht des innenpolitischen Sprechers der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Dennis Gladiator, hat der Rechtsstaat eine „knallharte Botschaft für null Toleranz gegenüber Terroristen“ gegeben. Auch die FDP-Innenexpertin Anna von Treuenfels-Frowein sieht sich in ihrer alten Forderung nach einem Verbot des Vereins bestätigt. „Religiöse Extremisten haben in Hamburg und in ganz Deutschland keinen Platz“, erklärt die Liberale. Die Chefin der Linksfraktion, Cansu Özdemir, stimmt zu: Das Verbot der „Lies!“-Kampagne sei ein lange fälliger, wichtiger Schritt.

( dpa )

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