Harburg
Neu Wulmstorf

Wer ist Udo W., der „Reichsbürger“?

Polizeibeamte vor dem Haus des Neu Wulmstorfers Udo W. im Neu Wulmstorfer Gewerbegebiet

Polizeibeamte vor dem Haus des Neu Wulmstorfers Udo W. im Neu Wulmstorfer Gewerbegebiet

Foto: JOTO

Udo W. aus Neu Wulmstorf hortete Waffen in seinem Haus. Er behauptet von sich, „Reichsbürger“ zu sein. Annäherung an einen Gesetzlosen.

Neu Wulmstorf.  Große Tannen schützen das Grundstück von Udo W. mitten im Gewerbegebiet in Neu Wulmstorf vor Blicken. Hier lebt Udo W. mit seiner Lebensgefährtin seit mehreren Jahren unauffällig in einem Einfamilienhaus. Nichts deutete daraufhin, dass er der Reichsbürgerbewegung nahe steht.

Am Dienstag holten Spezialkräfte der Polizei 17 Pistolen, Revolver und Gewehre aus dem Haus des Mannes (das Abendblatt berichtete). W. hatte sich geweigert, sie freiwillig abzugeben, weil er die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik nicht anerkennt. Bei einer ähnlichen Aktion in Bayern hatte ein Reichsbürger die Beamten beschossen, einen Polizisten getötet.

Der 67-Jährige W. hatte in den achtziger Jahren zwei Waffenbesitzkarten für historische Gewehre und Pistolen bekommen. Im Dezember 2015 forderte der Landkreis Harburg von ihm im Rahmen einer Routineprüfung einen Nachweis für eine ordnungsgemäße Lagerung der scharfen Waffen. Diese Aufforderung ignorierte der Neu Wulmstorfer. Erst als der Landkreis drohte, die Waffenbesitzerlaubnis zu widerrufen, meldete sich Udo W. schriftlich bei der Behörde.

„In diesem kryptischen Schreiben erkannte er die Bundesrepublik und den Landkreis Harburg nicht an“, sagt Johannes Freudewald, Sprecher des Landkreises Harburg. Er sei ein Selbstverwalter und so nicht mehr den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland unterworfen.

Udo W. schrieb in seinem Brief zudem, dass die Bundesrepublik lediglich eine GmbH wäre und er der Aufforderung des Landkreises nicht nachzukommen brauche, weil es in Deutschland keine Beamten und damit keine Behörden gebe.

Anfang des Jahres entzog ihm die Waffenbehörde daraufhin seine Waffenbesitzkarten, weil sie ihn als unzuverlässig eingestuft hatte. Da Udo W. die Waffen nicht freiwillig herausgab, stellte die Behörde Strafanzeige wegen illegalen Waffenbesitzes. Schon im Juli fiel Udo W. offenbar auf: Bei einer Verkehrskontrolle fiel er Beamten, die seine nicht angeschnallte Ehefrau ermahnten, ins Wort.

Er soll den Beamten erklärt haben, dass sie gar keine Befugnisse hätten, weil er deutscher Reichsbürger sei und kein deutscher Bundesbürger. Für ihn würden die Gesetze folglich nicht gelten. Die Beifahrerin verletzte bei der Kontrolle eine Beamtin leicht am Arm und gab eine falsche Identität an. Deswegen laufen weitere Ermittlungen in dem Fall.

Am Dienstagvormittag griffen dann das Sondereinsatzkommando (SEK) und das Mobile Einsatzkommando (MEK) der Polizei im Neu Wulmstorfer Gewerbegebiet zu. Sie nahmen den Reichsbürger und seine Lebensgefährtin in Gewahrsam, durchsuchten das Haus, beschlagnahmten die Waffen, Diese werden nun kriminaltechnisch überprüft und danach vernichtet.

Der Einsatzleiter der Polizei begründete das große Polizeiaufgebot mit der Unberechenbarkeit von „Reichsbürgern“: „Illegaler Waffenbesitz ist kein Kavaliersdelikt. Die aktuelle Situation im Zusammenhang mit sogenannten Reichsbürgern war ausschlaggebend, mit größtmöglicher Vorsicht vorzugehen.” Nach dem Einsatz wurden Udo W. und die 72-Jährige aus dem Gewahrsam entlassen. Seitdem sind die beiden nicht mehr an ihrem Wohnhaus aufgetaucht. Telefonisch waren sie gestern nicht zu erreichen.

Udo W. ist bekennender Autoliebhaber. Immer wieder sei Udo W. mit großen amerikanischen Wagen vor seinem Wohnhaus auf und ab gefahren, berichten Mitarbeiter aus einer benachbarten Firma. Nach Recherchen des Abendblatts hatte Udo W. bis 2013 eine Autoimportfirma. Auch mindestens eine Firma aus Amerika ist auf die Wohnadresse und Telefonnummer von Udo W. registriert. Der Wert dieser Firma aus Miami wird auf etwa 125.000 Euro geschätzt.

Zu dieser Firma gehört auch eine gut laufende Reiseagentur aus Florida, die für Touristen Reisetouren durch Florida anbietet. Bekannt ist diese Agentur durch mehrere deutsche Fernsehsendungen. Die Pro7-Sendung „Galileo“ und die VOX-Show „Auf und Davon“ zeigten das Unternehmen in Beiträgen. Wie der Reichsbürger mit der Firma verbunden ist, dürfte auch die Ermittler interessieren.

Die Reichsbürgerbewegung

Reichsbürger erkennen die Bundesrepublik Deutschland nicht als einen Staat an. Seit 2010 gibt es die sektenartige Gruppe verstärkt in Deutschland. Sie besteht aus Verschwörungstheoretikern und auch Rechtsextremen. Zu ihrer Ideologie gehört die Ablehnung der Demokratie und häufig die Leugnung des Holocaust.

Die Anhänger behaupten, das Deutsche Reich bestehe in den Grenzen von 1937 fort. Manche Behörden und Gerichte werden durch unzählige Anfragen der Reichsbürger lahm gelegt. In den vergangenen Wochen hatte es in Deutschland mehrere Angriffe von Reichsbürgern auf Polizeibeamte gegeben. In Bayern hat ein Reichsbürger einen Polizisten bei einer Razzia erschossen.

Weiterer Fall

Ein weiterer „Reichsbürger“ steht am Donnerstag vor dem Winsener Amtsgericht. Der Mann soll 2015 heimlich Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit Gerichtsmitarbeitern angefertigt und unter dem Titel „Festnahme der von der Darstellerin xy als Urkundsbeamtin“ auf Youtube veröffentlicht haben. Der Prozess beginnt um 9.30 in Saal 214