Harburg
Otter

Herbert Busch geht in den Ruhestand

Lieder und Geschenke zum Abschied: Die Kleinen des Kindergartens bereiteten ihrem „Herrn Bürgermeister“, mit dem sie sich das Gebäude teilten, eine rührende Feier

Lieder und Geschenke zum Abschied: Die Kleinen des Kindergartens bereiteten ihrem „Herrn Bürgermeister“, mit dem sie sich das Gebäude teilten, eine rührende Feier

Foto: Bianca Wilkens / HA

Der Bürgermeister von Otter war 30 Jahre im Amt und machte aus dem Bauerndorf einen modernen Ort mit Neubaugebieten.

Otter.  Herbert Busch sitzt vor den vielen Kindern, lässt sich besingen und beschenken, aber, dass er tatsächlich geht, kann wohl keiner so recht glauben. Am wenigsten er selbst. Herbert Busch, der für die Kinder „Herr Bürgermeister“ ist, spricht in seiner Dankesrede von den Tagen, an denen er noch ins Bürgermeisterbüro von Otter kommt und die Kinder noch einmal sieht. Da Kindergarten und Gemeindebüro in einem Gebäude untergebracht sind, waren der Bürgermeister und die Kinder viele Jahre direkte Nachbarn.

Jetzt geht die Ära Busch zu Ende. „Ich muss mich erstmal wie ein Hochleistungssportler wieder heruntertrainieren“, sagt er. 30 Jahre lang war Herbert Busch Bürgermeister der Gemeinde Otter, von 1978 bis 1996 und von 2004 bis 2016. 1972 ist er für die CDU dem Gemeinderat beigetreten. „Ich bin ein alter Hase“, sagt der heute 74-Jährige. Das bestätigt die Statistik: 250 Sitzungen und 40 Ratsmitglieder, die ihn in 40 Jahren begleitet haben. In den Samtgemeinderat Tostedt ist Busch 1976 gewählt worden. Zwei Jahre später wurde er zum ersten Mal Bürgermeister.

Auf sein Konto geht die enorme Entwicklung des kleinen Ortes Otter. 1972 zählte die Gemeinde 929 Einwohner. Inzwischen hat sich die Einwohnerzahl fast verdoppelt. Heute leben 1750 Menschen in Otter. Die gute Infrastruktur habe dazu beigetragen, sagt Busch.

Der kleine Ort verfügt sowohl über einen Kindergarten mit Krippe als auch eine Grundschule. Die Schule ist die kleinste in der Tostedter Samtgemeinde, da nur eine Klasse pro Jahrgang unterrichtet wird. „Dadurch haben wir Kinder, die in Geborgenheit aufwachsen und weniger Schwierigkeiten, wie es sie oft in den großen Schulen gibt“, sagt Busch. „Je mehr Kinder, desto mehr Streit.“

Es war ihm ein Herzensanliegen, die Schule aufrecht zu erhalten. Daher hat sich Busch auch für die sukzessive Erweiterung stark gemacht. Im Laufe seiner Amtszeit bekam die Grundschule eine Turnhalle, neue Klassenräume, eine große Pausenhalle und eine Mensa. „Es war immer unser Bestreben, die Schule auszubauen. Dann macht sie auch keiner dicht“, sagt Busch.

Jetzt ist er stolz, dass er eine Schließung, die der Städte- und Gemeindebund vor drei Jahren aus finanziellen Gründen nahe gelegt hatte, abwenden konnte.

Besonders gerne denkt Busch an den Besuch von Alexej Leonow, der am 18. März 1965 als erster Mensch im freien Weltall schwebte, im Sommer 1989 zurück. Aufgrund guter Verbindungen eines Journalisten aus Otter kam der Besuch zustande. „Die Grundschule in Otter ist die einzige in ganz Deutschland, die je einen sowjetischen Kosmonauten zu Besuch hatte und nur wenige Monate später fiel die Mauer“, sagt Busch und lacht.

Neben diesen Höhen gab es auch Tiefen, die sich mit einem Wort umreißen lassen: der Kanalstreit. Busch spricht heute nicht mehr gerne darüber, aber der Streit um die Abwasserbeseitigung in der Gemeinde bestimmte lange Zeit die Schlagzeilen und kostete ihn letztlich auch das Bürgermeisteramt im Jahr 1996.

Damals hatte sich Herbert Busch für den Anschluss an den Kreiskanal zur Abwasserbeseitigung eingesetzt. Doch viele Bürger waren dagegen. Die Unabhängige Wählergemeinschaft Otter (UWO) formierte sich und setzte sich dafür ein, an der dezentralen Abwasserbeseitigung festzuhalten. Mit ihrem Wahlversprechen 1996, den Kreiskanal zu verhindern, konnte die UWO aus dem Stand mit fünf Mandaten in den Gemeinderat einziehen. Die CDU büßte die Mehrheit ein, und Busch räumte seinen Stuhl.

2004 wählte der Rat ihn wieder zum Bürgermeister. Aber auch diese Wahl verlief in einem denkwürdigen Verfahren. Weil Busch und seine Gegenkandidatin Gesa Sasse von der UWO jeweils fünf Stimmen bekamen, musste das Los aus einer leeren Kaffeekanne entscheiden. „Heute will keiner mehr etwas von den Verwerfungen hören“, sagt Busch. Heute läuft die Gemeindearbeit vergleichsweise harmonisch. „Es kommt meistens zu einstimmigen Beschlüssen“, sagt er.

Fragt man ihn selbst, was sein größter Verdienst in den 30 Jahren ist, hat Busch eine schnelle Antwort parat: „Ich habe aus dem Bauerndorf einen verstädterten Wohnort gemacht.“ Was das heißt, lässt sich leicht am Ortseingang von Otter erkennen. Ein neu gebautes Haus reiht sich an das nächste. Vor fünf Jahren hat die Gemeinde das Neubaugebiet mit 60 Häusern entwickelt. Als Architekt und Hochbauingenieur erkannte Busch schnell, welche Entwicklungschancen Otter angesichts des Siedlungsdrucks in Hamburg hatte. „Die Anbindung an Hamburg ist das Faustpfand der Gemeinde“, sagt Busch. Von Otter bis zum Tostedter Bahnhof sind es nur vier Kilometer. Deshalb scheute sich Busch nicht davor, die Gemeinde die Grundstücke selbst erschließen zu lassen. Das ist insbesondere im Landkreis Harburg eher ungewöhnlich. Meistens übernehmen Investoren diesen Part. „Der Rat hat es mitgemacht, zwar mit berechtigten Zweifeln, aber die Aufgabe war mein Steckenpferd“, so Busch. Der Erfolg gab ihm Recht. In kurzer Zeit waren die Grundstücke verkauft. Er ist jedenfalls froh über den Wandel in Otter, weiß aber auch, dass der seine Grenzen hat. „Otter wird nicht auf Gedeih und Verderb weiterwachsen“, sagt er.

Jetzt bestimmen andere, welche Entwicklung die Gemeinde Otter nimmt. „Die Zeit ist reif für ein neues Gesicht“, findet Busch. Der Gemeinderat wählt am Mittwoch, 9. November, 20 Uhr, im Feuerwehrgerätehaus, den neuen Bürgermeister oder die neue Bürgermeisterin.