Harburg
Schwarzenberg

Harburger Uni bekommt Denkmalpreis

Die Fassade der TUHH bunt beleuchtet. Das Bild von Jonas Lehmann ist das Oktoberbild des Harburg-Kalenders 2017

Die Fassade der TUHH bunt beleuchtet. Das Bild von Jonas Lehmann ist das Oktoberbild des Harburg-Kalenders 2017

Foto: Jonas Lehmann / HA

Der Museumsverein würdigt mit der Auszeichnung den Kampf um den Erhalt der alten Kaserne. Die Erhung wurde jetzt zum zweiten Mal vergeben.

Harburg.  „Mit dem neuen Hauptgebäude bekommt die Technische Universität ein unverwechselbares Gesicht.“ Mit diesen Worten adelte Dorothee Stapelfeldt, Hamburgs Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Ende August 2012 den trutzigen Bau auf dem Schwarzenberg-Plateau. Am 8. November dieses Jahres wird ihm nun eine weitere Ehre zuteil: Der Museumsverein Harburg verleiht der TUHH an diesem Tag den Denkmalpreis.

„Mit der Auszeichnung würdigt der Verein nicht zuletzt den zähen Kampf um den Erhalt dieses architektonischen Ensembles“, sagt Prof. Edwin Kreuzer, bis 2011 Präsident der Hochschule. Denn trotz des futuristisch anmutenden, zehn Meter hohen und drei Meter breiten Glasportals und der durch Hunderte Edelmetallrohre veränderten Fassaden des Ost- und Westflügels ist es in seinen backsteinernen Grundfesten alles andere als neu. Die stammen nämlich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und erzählen damit ein wesentliches Kapitel Harburger Geschichte.

Kaum ein anderes Harburger Gebäude war in den vergangenen Jahrzehnten so umstritten wie die 1877 vom Landbaumeister Kühtze entworfene und Ende 1880 ihrer Bestimmung übergebene Kaserne für das 2. Bataillon des Hanseatischen Infanterieregiments 75. Die ab 1893 dann das aus Rendsburg nach Harburg verlegte Schleswig-Holsteinische Pionierbataillon Nr. 9 beherbergte, bis es 1920 durch den Versailler Vertrag aufgelöst wurde. Bis 1933 diente der Rotklinkerbau auch der Schutzpolizei Harburg als Quartier, bis 1945 Verbänden der SA und der SS.

Doch nicht nur deshalb gab es viele, die das steinerne Relikt des deutschen Militarismus lieber heute als morgen geschliffen sehen wollten. Es sollte Anfang der 1990er-Jahre vor allem Platz für eine dringend benötigte bauliche Erweiterung der Technischen Universität machen, die seit dem Gründungsbeschluss im Mai 1978 nördlich der Eißendorfer Straße und der Denickestraße sukzessive errichtet worden war.

Im Verlauf der äußerst kontrovers geführten Debatte stand die Kaserne mehrfach vor dem Abriss. Im März 1991 konstatierte Professor Dittmar Machule, seinerzeit Vizepräsident der TUHH, konsterniert: „Die Liebe zur Kaserne ist so gut wie nicht da.“ Schweren Herzens habe sich der Städtebauexperte davon überzeugen lassen, dass der Abriss unumgänglich sei.

Zumal das Verschwinden sogar im Bebauungsplan Harburg 49 festgeschrieben war. Und auch alle Expansionsplanungen der TUHH stets vom „Neubau ohne Kaserne“ ausgingen. Als dann auch noch der Hamburger Denkmalschutz von einem nicht „erhaltenswerten Bauwerk“ sprach, schien das Schicksal der Pionierkaserne besiegelt.

Doch dann setzten sich nicht nur die TU-Studenten für deren Erhalt ein. Erinnert wurde auch daran, dass der erste TUHH-Präsident, Professor Günther Danielmeyer, versprochen hatte, dass jedes von der Uni bezogene Gebäude saniert werde. Der Ingenieur hatte selbst immer wieder eine Lanze für die alte Kasematte gebrochen. Sie sei nicht nur ein „seltener Typ Kaserne“, sondern „ein Monument der Stadtgeschichte“.

Rückendeckung erhielt er im März 1991 auch von Dr. Jürgen Ellermeyer, dem damaligen Leiter der Stadtgeschichtlichen Abteilung des Helms-Museums. „Die Kaserne steht für die lange Geschichte Harburgs als Garnisonsstadt und muss daher bewahrt werden“, so Ellermeyer. Sie erinnere nicht nur an die Räumung des früheren Festungsbereichs auf der Schloßinsel zugunsten des Hafens und der Industrie. Sie habe 1920 auch eine wichtige Rolle bei der Verteidigung der Weimarer Republik gegen den Kapp-Putsch gespielt: „Zu viel ist in Harburg verschwunden und abgeräumt worden. Es gilt Geschichte, auch in ihrer weniger glücklichen Dimension für die Nachwelt zu erhalten.“

So kam es Mitte der 1990er-Jahre tatsächlich zu ersten Sanierungsarbeiten an der Kaserne. Obwohl Karl-Heinz Ehlers, seinerzeit Chef des stadteigenen Immobilienverwalters Spri AG, ihr 1990 keine fünf Jahre mehr gegeben hatte.

Doch je länger sich der Streit um die Zukunft der Kasematte hinzog, umso mehr verfiel das alte Gemäuer. Durch das marode Dach hatte sich an vielen Stellen Hausschwamm ausgebreitet. 2006 schlug die TUHH deshalb selbst vor, die Kaserne abzureißen und durch einen Neubau für geschätzte 14 Millionen Euro zu ersetzen.

Dazu ist es nicht gekommen. Nicht nur, weil das Denkmalschutzamt letztlich doch sein entschiedenes Veto einlegte. Sondern auch, weil das renommierte Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner einen revolutionären Entwurf vorlegte. „Die Vision eines En­trees, das Alt und Neu auf faszinierende Weise kombiniert, und damit ein sichtbares Zeichen für eine weltoffene Universität setzte, war einfach überzeugend“, so Ex-Präses Kreuzer.

Anfang 2009 wurde schließlich beschlossen, die Fassaden weitgehend zu erhalten, dahinter aber eine zeitgemäße Raumaufteilung für die wissenschaftliche Ausbildung zu schaffen. Architektonisch, bautechnisch wie finanziell ein 25,8 Millionen Euro teurer Kraftakt. Der nur dank einer Finanzspritze des Bundes von zehn Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm II gestemmt werden konnte. 3400 Kubikmeter Beton und 380 Tonnen Stahl wurden innerhalb von 24 Monaten verbaut, 40 Firmen waren beteiligt.

Für Bezirksamtsleiter Thomas Völsch ist die alte Kaserne am Schwarzenberg geradezu identitätsprägend: „Schon allein dadurch, dass sie viele Jahre das höchste Gebäude Harburgs war, kennzeichnete sie das Stadtbild.“ Die Wandlung von einem Ort der einstigen militärischen Ausbildung hin zur Lernstätte einer technik- und zukunftsorientierten Universität sei wegweisend für den Bezirk.

Prof. Rainer-Maria Weiss, als Direktor des Archäologischen Museums zugleich Vorstandsmitglied des Muserumsvereins Harburg, bezeichnet das Hauptgebäude der TUHH als markantes, großartiges Bauwerk, das „allzu lange ein Schattendasein fristete“ und gerade noch rechtzeitig aus dem Dornröschenschlaf erweckt worden sei. „Dafür gebührt allen, die daran beteiligt waren, höchste Anerkennung, dieses Engagement ist für mich in jedem Fall preiswürdig“, so Weiss.

Auch wenn der Rechnungshof bitter die Platzverschwendung im repräsentativen Foyer beklagte. Dafür verfügt das Hauptgebäude der TUHH jetzt aber über die höchsten freitragenden Innenpfeiler der Hansestadt. Und ist sogar älter als das Hamburger Rathaus, das erst zwischen 1886 und 1897 erbaut wurde.