Harburg
Wasser

Mehr als 100 Millionen Euro für Wasserwerke

Foto: Rolf Zamponi / HA

Hamburg Wassermuss die Anlagen in den kommenden 30 Jahren modernisieren. Im Kreistag befürwortete Menge reicht Stadt nicht aus.

Nindorf/Weihe.  Ein Kompromiss über die Wasserversorgung Hamburgs aus der Nordheide ist noch immer unsicher. Zwar hat der Kreistag als oberstes politisches Gremium des Kreises Harburg jetzt eine gehobene Erlaubnis für die Förderung von 12,1 Millionen Kubikmeter beschlossen, bei der sich die Menge flexibel anpassen lässt. Doch endgültig muss die Verwaltung entscheiden. Für Hamburg Wasser, das vor einem Investitionstau von mehr als 100 Millionen Euro steht, ist diese Erlaubnis dagegen „nicht rechtssicher“.

Hintergrund: Die Anlagen mitten im Forst bei Nindorf sind zum Teil älter als 40 Jahre. Innerhalb der nächsten 30 Jahren sollen nun wesentliche Teile ersetzt werden. Nach einer Analyse des Bestandes würde ein kompletter Neuaufbau sogar mehr als 146 Millionen Euro kosten. Zwar muss nicht alles ersetzt werden.

Denn das mit Stahlbeton errichtete Gebäude in Nindorf dürfte noch lange halten. Ein Gegenbeispiel sind jedoch die Leittechnik und die EDV, die in den drei Jahrzehnten mindestens zwei Mal zur Modernisierung anstehen dürften. Allein das Ausbohren von Brunnen, deren Ergiebigkeit mit den Jahren der Förderung nachlässt, schlägt bei Tiefen von 300 Metern mit je 500.000 Euro zu Buche.

Klar ist: Die notwendige Summe, ist für die Wasserwerke nicht ohne weiteres zu schultern. Zum Vergleich: Die Werke erzielten bei einem Umsatz von 250 Millionen Euro zuletzt 25 Millionen Euro Gewinn.

Dem städtischen Unternehmen reicht zudem die beschlossene Fördermenge nicht. „Wir können von niemanden im Umfeld zusätzlich Wasser bekommen“, sagt Christoph Czekalla, der Bereichsleiter Wasserwerke. „Wir erwarten aber nicht, dass der von uns nachgewiesene Bedarf von 18,4 Millionen Kubikmeter in Frage gestellt wird.“

Die Hamburger stützen sich dabei auf den niedersächsischen Runderlass für die Mengenermittlung. Danach wird der Bedarf über Gutachten errechnet. Von dieser Menge wird das Volumen abgezogen, das die Hamburger über eigene und andere Werke außerhalb der Heide beziehen können.

„Wir haben die Endfassung aller Gutachten im August eingereicht. Sie wurde auch von Experten bestätigt, die vom Landkreis ausgewählt und von uns bezahlt wurden“, sagte Czekalla. In das Volumen von 18,4 Millionen Kubikmeter geht eine gesetzlich geregelte Reserve von 2,3 Millionen Kubikmetern ein. Mit 16,1 Millionen Kubikmeter werden gut 200.000 Hamburger vor allem in Altona sowie im Bereich Harburg versorgt.

Ziel der Wasserwerke ist eine Bewilligung für 30 Jahre bis 2045, die die Entscheidung der inzwischen aufgelösten Bezirksregierung Braunschweig über 15,7 Millionen Kubikmeter von 2004 ablöst. Zuletzt wurde das Genehmigungsverfahren auf das Wasserwerk Schierhorn in Weihe ausgedehnt. Die fünf Brunnen dort sind seit Ende 2004 stillgelegt. Der Wasserbeschaffungsverband Harburg hatte damals kein Interesse mehr an dem dort geförderten Wasser. „Das Werk wieder zu nutzen, ist aber sinnvoll“, sagt Czekalla.

Der Hintergrund: Weil die Brunnen im Osten und Westen Nindorfs gemeinsam mit Schierhorn geregelt werden, lässt sich die Förderung mit Schierhorn besser steuern. Dazu kommt: Wird Schierhorn einbezogen, sinken die Fördermengen in den aktiven Bereichen um die 1,8 Millionen Kubikmeter, die dann von Schierhorn aus kommen.

Von dem Wasserwerk aus soll eine Leitung bis zu den westlichen Brunnengebieten verlegt werden. Allein für das Anfahren des Werkes sind rund fünf Millionen Euro vorgesehen. „Solche Investitionen in die Wasserförderung werden per Gesetz geschützt“, sagt Czekalla, der bei den Hamburger Wasserwerken Prokura hat.

Die Hamburger gehen ohnehin davon aus, dass es in der Heide genug Grundwasser für alle gibt. „Wir wollen Umweltschäden vermeiden und würden die Förderung sofort reduzieren, wenn sich Folgen des Klimawandels abzeichnen“, sagt Czekalla. Zudem habe man dem Landkreis angeboten, auch bei einer Genehmigung über 30 Jahre alle zehn Jahre die Lage zu prüfen. „Das gilt sowohl für die Fördermenge als auch für die Frage, ob wir von anderen Brunnen Mengen dazu gewinnen können.“

Die Unterlagen des im Jahr 1999 begonnene Verfahrens sind inzwischen auf 17 Ordner angeschwollen. „Jetzt würden wir gern ein gutes Ergebnis erzielen. Je früher, desto besser“, sagt der Wasserwerke-Manager.

Der Landkreis prüft unterdessen das Beweissicherungskonzept und das Einhalten der Wasserrahmenrichtlinie, nach der sich die Qualität von Gewässern nicht verschlechtern darf. Wie schnell das geschehen wird, ist jedoch derzeit noch offen.

Letzte Umwelt-Zweifel bleiben

„Was lange währt ist immer noch nicht gut“ – so beurteilt die Grünen-Fraktion im Harburger Kreistag die kürzlich beschlossene „gehobene Erlaubnis“ für Hamburg Wasser, zunächst einmal jährlich 12,1 Millionen Kubikmeter Grundwasser in der Nordheide zu fördern. Wie die beteiligten Umweltverbände bemängeln die Grünen, dass ihnen noch immer Gutachten zu möglichen Umweltfolgen nicht vollständig zugänglich sind. „Wir warten darauf, die der Kreisverwaltung vorliegenden Gutachten selbst prüfen zu können“, sagt Elisabeth Bischoff, Kreistagsabgeordnete der Grünen.

Dabei geht es zum einen um ein überzeugendes Konzept für ein Beweissicherungsverfahren. Es muss den Ausgangszustand so genau erfassen, dass mögliche Veränderungen durch die Wasserentnahmen dingfest zu machen sind. Zum anderen geht es um die Wasserrahmenrichtlinie der EU, nach der alle europäischen Gewässer langfristig in einen guten Zustand zu bringen sind.

„Der Kreisverwaltung liegen beide Gutachten seit dem Sommer vor“, sagt Pressesprecher Bernhard Frosdorfer. „Wir prüfen sie umfassend auf Vollständigkeit und werden sie anschließend den Gemeinden, den Umweltverbänden und über den Fachausschuss auch dem Kreistag vorlegen.“ Die Prüfung brauche Zeit, denn die umfangreichen Gutachten seien die Basis für weitgehendere Genehmigungen, so Frosdorfer.

Bleibt abzuwarten, ob die von Hamburg Wasser eingereichten Berichte einen jahrelangen Streit befrieden. Umwelt- und Naturschützer behaupten, die Wasserentnahme zur Versorgung Hamburgs habe mancherorts den Grundwasserspiegel abgesenkt und Heidebäche austrocknen lassen. Dass im Bereich einiger Förderbrunnen zumindest auf kleinen Flächen Böden beeinflusst worden sind, bestreitet Hamburg Wasser nicht. Aber die Folgen seien gering, argumentiert der Wasserversorger.

Eine viel diskutierte Folge der Wasserentnahme sind versiegende Heidebäche. Der Arbeitskreis der Naturschutzverbände im Landkreis nennt zum Beispiel den Weseler Bach und den Weseler Moorbach, die im Nahbereich von vier Förderbrunnen liegen. Andere Naturschutzfachleute weisen darauf hin, dass viele Heideflüsschen allein durch längere Trockenheit versiegen – „das Phänomen des Bachschwindens ist in der Lüneburger Heide geläufig“, sagt Mathias Zimmermann, Geschäftsführer des Vereins Naturschutzpark Lüneburger Heide.

Zimmermann hält die Wasserentnahmen zur Beregnung von Landwirtschaftsflächen für ökologisch schwerwiegender als die Trinkwassergewinnung. Er lobt den Landkreis, der diesen Faktor – anders als andere Landkreise – bei der wasserrechtlichen Erlaubnis mit berücksichtigt habe. Dass Hamburg Wasser wieder im Bereich der alten Förderbrunnen in Schierhorn aktiv werden will, begrüßt Zimmermann: Brunnen in Schierhorn entlasteten die bestehenden Entnahmestellen.