Harburg
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Drei Flüchtlingsunterkünfte vor der Schließung

Die DRK-Vorstände Karin Bischoff und Harald Krüger auf der Baustelle für die neue Geschäftsstelle in Harburg

Die DRK-Vorstände Karin Bischoff und Harald Krüger auf der Baustelle für die neue Geschäftsstelle in Harburg

Foto: Lars Hansen / xl

Zahl der Flüchtlinge in Harburg von 4000 auf 2500 gesunken. Stimmung in Einrichtungen wird offenbar immer schlechter.

Harburg.  Die Zahl der Flüchtlinge, die in den Erstaufnahme-Einrichtungen des DRK-Kreisverbandes Hamburg-Harburg untergebracht sind, ist von 4000 auf inzwischen 2500 zurückgegangen. Die Folge: Drei Einrichtungen sollen im nächsten Jahr dicht gemacht werden. Den Anfang macht die Unterkunft am Karl-Arnold-Ring in Wilhelmsburg: „Sie soll zum 31. Januar 2017 schließen“, sagt DRK-Vorstand Harald Krüger.

Aktuell lebten in der Einrichtung, die 325 Menschen Platz bietet, rund 280 Flüchtlinge. „Es laufen jetzt schon Statiker durchs Haus und prüfen alles“, sagt Krüger. Denn vorgesehen sei, die ehemalige Schule so umzubauen, dass sie künftig als Folgeunterkunft für die Geflüchteten genutzt werden könne.

Geschlossen werden sollen, so Krüger, auch die Unterkünfte am Geut­ensweg in Neugraben, in der jetzt noch 500 Flüchtlinge leben – in Spitzenzeiten waren es 760 –, und an der Schlachthofstraße 3 (Neuland II). Im vergangenen Jahr waren dort noch 1000 Plätze belegt, inzwischen ist die Zahl auf 800 zurückgegangen. Geschlossen werden sollen beide Einrichtungen irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2017. Wann genau und ob es überhaupt dazu kommt, ist noch nicht abschließend geklärt, sagt Krüger: „Denn noch gibt es gar nicht genug Folgeunterkünfte für die Menschen.“

Besonders bedrückend: „Viele der Flüchtlinge leben immer noch in Ungewissheit.“ Krüger schätzt, dass allein in Harburg rund 10 Prozent der Betroffenen noch keinen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. Das drückt die Stimmung in den Einrichtungen. Und die Mitarbeiter vor Ort sind die ersten, die das abbekommen. „Ich kann den Unmut der Menschen verstehen“, sagt Krüger. Zwar würden eingehende Asyl-anträge in jüngster Vergangenheit schneller bearbeitet, aber viele der Menschen, die schon seit einem Jahr und länger in der Erstaufnahme ausharren müssten, erlebten aktuell immer wieder, dass Menschen, die viel später angekommen sind, vor ihnen in Folgeunterkünften untergebracht werden. Das sei natürlich für die Zurückbleibenden schwer auszuhalten: „Die leben da in prekären Umständen“, sagt Krüger. Bei allem Bemühen um möglichst humane Lebensumstände, unterm Strich bleibt es dabei: „Es gibt dort keine Privatheit, das Licht brennt immer, und Ruhe gibt es nie.“

Irgendwann macht sich der Ärger dann auch Luft. In der Einrichtung an der Vogt-Kölln-Straße in Stellingen, auch sie wird vom Harburger DRK betrieben, gab es kürzlich einen Hungerstreik. Er löste sich zwar ähnlich schnell auf wie die Unruhe am Geu­tensweg in Neugraben, wo es zuletzt so laut vernehmbar grummelte, dass es am Freitag Mitarbeiter des Zentralen Koordinierungsstabs Flüchtlinge (ZKF) auf den Plan rief. Vor Ort glätteten die ZKF-Mitarbeiter die Wogen.

In einer offiziellen Stellungnahme des ZKF zu dem Vorfall heißt es: „Die Bewohner blieben skeptisch, aber am Ende des Tages war eine deutliche Entspannung festzustellen“. Ergänzt durch eine Einschätzung, die auch DRK-Chef Krüger uneingeschränkt teilt: „Es zeigte sich einmal mehr, wie wichtig das direkte Gespräch und das sorgfältige Eingehen auf die Anliegen der Menschen sind.“

Rund 170 Mitarbeiter des DRK arbeiten in der Flüchtlingskrise, eigens von Krüger eingestellt, 30 von ihnen mit festen Verträgen: „In der Situation, in der wir damals waren, hätten wir sonst überhaupt niemanden gefunden, der für uns arbeitet.“ Der Markt sei leergefegt gewesen, gesucht werden musste außerhalb Hamburgs: „Wir mussten diesen Menschen Perspektiven bieten.“

Dass bevorstehende Schließungen von Einrichtung nur im Einvernehmen mit den Trägern geschehen sollen, wie im jüngst geschlossenen Vertrag mit dem Senat vereinbart, ist, so findet Krüger, nur recht und billig: „Schließlich geht es ja auch um Verträge mit Wach- und Putzdiensten, mit Caterern.“ Und auch darum, dass die Stadt Mitarbeiter weiter bezahlt, wenn Einrichtungen vorzeitig geschlossen werden. Krüger: „Wir sind für die Stadt eingesprungen, als die Not am größten war, dann ist es doch nur folgerichtig, wenn wir uns das Risiko teilen.“

Für die jüngst aufgekommene Kritik, dass der Senat erst jetzt einen Vertrag mit den Trägern der Flüchtlingsunterkünfte abgeschlossen habe, hat Krüger kein Verständnis. „Das ist völlig lebensfremd“, sagt er und erinnert an die Situation damals. „Wir mussten zweimal innerhalb von nur vier Stunden Einrichtungen eröffnen.“ So dramatisch sei die Situation seinerzeit gewesen, dass in der Behörde sogar darüber nachgedacht worden sei, Menschen in stillgelegten U-Bahnschächten und Parkhäusern unterzubringen. „Wir mussten die Obdachlosigkeit verhindern. Da blieb überhaupt keine Zeit für Ausschreibungen.“ Geregelt worden sei das vielmehr auf die hanseatische Tour: „Per Handschlag.“