Harburg
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Verein „Der Hafen“ bietet Krisenkompass

Frauke Hennings ist die Geschäftsführerin von Der Hafen e. V.

Frauke Hennings ist die Geschäftsführerin von Der Hafen e. V.

Foto: privat / HA

Immer mehr Menschen sind seelisch krank: Harburger Träger starten am 1. November ein neues, koordiniertes Serviceangebot.

Harburg.  Die seelischen Nöte, Ängste und Krankheiten der Menschen nehmen zu. Das jedenfalls belegen die Zahlen von Der Hafen, dem Harburger Verein für psychosoziale Hilfe, der unter seinem Dach u. a. auch die Beratungsstellen bzw. Hilfeeinrichtungen Kajüte und Passage Süderelbe sowie Anker und Lotse vereint. Und es ist eine Erfahrung, die auch andere Träger machen: die gemeinnützige Gesellschaft Hansebetreuung, der Verein Insel und vita curare, eine Gesellschaft Bürgerlichen Rechts. Gemeinsam starten sie deshalb am 1. November einen neuen Service für alle Harburger und Wilhelmsburger: den Krisenkompass.

Der Zusammenschluss steht für ein Netzwerk seelischer Gesundheit, erklärt Frauke Hennings, Geschäftsführerin des Vereins Der Hafen: „Es ist eine besondere Serviceleistung. Wir wollen unsere Leitungen bündeln und für Hilfesuchende schneller erreichbar sein.“

Das eine Ausweitung besehender Hilfe dringend erforderlich ist, zeigen Zahlen, die sie zusammengetragen hat: wurden allein von den rund 70 Sozialpädagogen und Psychologen ihres Vereins 2008 knapp 3600 Fälle dokumentiert, waren es fünf Jahre später schon knapp 6500, Tendenz steigend. Ebenso bei den Menschen, denen der Verein etwa nach einem Klinikaufenthalt bei der Wiedereingliederung hilft: Die Zahlen stiegen von 766 (2010) auf 949 in 2015.

Besonders auffällig dabei: „Es kommen immer mehr junge Menschen“, sagt Frauke Hennings. Um etwa zehn Prozent seien die Zahlen der jungen Leute ab 18 Jahren in jüngster Vergangenheit gestiegen. Betroffen seien Menschen quer durch sämtliche sozialen Schichten, bei den jungen zunehmend auch solche, die noch nicht einmal in den Arbeitsprozess eingeschert seien.

Als Gründe für die steigende Zahl psychischer Erkrankungen führt Hennings etwa stetig steigenden Leistungsdruck, zunehmende Versagens- sowie Bindungsängste an und die Tatsache, dass immer mehr Menschen unter unsicheren Lebensverhältnissen und Vereinsamung leiden. Letzteres trifft häufig auch auf jene zu, die unter Internetsucht leiden – ein Phänomen, das in letzter Zeit immer häufiger auftritt und von dem nicht nur junge Menschen betroffen sind, wie Frauke Hennings erklärt.

Gerade für Menschen, die nicht mehr ein noch aus wissen, haben sie und ihrer Mitstreiter den Krisenkompass ins Leben gerufen. „Er bietet eine qualifizierte telefonische Erstberatung“, sagt sie und ergänzt: „Anrufer erhalten eine verbindliche Auskunft, wie das Netzwerk ihnen weiterhelfen kann. Und falls es das jeweilige Anliegen nicht bearbeiten kann, wird jeder, der anruft, bei der Suche nach dem richtigen Angebot unterstützt. Der Krisenkompass ist von Dienstag, 1. November, an montags bis freitags von 10 bis 15 Uhr (donnerstags bis 17 Uhr) unter der Rufnummer 524 77 29 92 erreichbar.

Frauke Hennings treibt aber noch ein weiteres Ziel um: Sie möchte die Zahl der Genesungsbegleiter bei Der Hafen von jetzt zwei auf mindestens fünf erhöhen. Diese Begleiter sind Menschen, die selbst eine psychische Erkrankung durchlitten und später dann eine entsprechende Ausbildung an der Akademie der Uniklinik Eppendorf durchlaufen haben (Kontakt per Mail: ex-in-hamburg@uke.de oder Telefon: 74 10 55 66 0).

Was die Genesungsbegleiter, diese Experten durch Erfahrung, in der Betreuung von Menschen mit Depressionen, Angsterkrankungen, Psychosen oder bipolaren Störungen (extremen Stimmungsschwankungen) so wertvoll macht, fasst Frauke Hennings so zusammen: „Sie haben meist einen direkteren Draht zu Betroffenen und einen anderen Blickwinkel auf die Probleme.“ Das UKE verweist in diesem Zusammenhang auf eine chinesische Weisheit: „Willst du etwas wissen, frage Erfahrene, nicht Gelehrte.“ Und noch einen Vorteil bringen die Genesungsbegleiter mit: „Sie können für Kranke Vorbildfunktion haben“, sagt Frauke Hennings: „Sie sehen dann: ,Auch ich kann es schaffen’.“