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Neuenfelde kommt mit Hula-Hoop in Schwung

Nina Stricker fertigt in ihrer Werkstatt einen Hula-Hoop an

Nina Stricker fertigt in ihrer Werkstatt einen Hula-Hoop an

Foto: Thomas Sulzyc

Sie lässt den Hula-Hoop kreisen wie keine andere, und sie baut ihn auch noch selber. Bei Nina Stricker dreht sich alles um den bunten Reifen.

Neuenfelde.  Nina Stricker (40) hat den Dreh raus. Nicht viele Hamburger lassen den Hula-Reifen geschickter und zauberhafter kreisen als die gertenschlanke Frau aus Neuenfelde. Deshalb gehört sie zu den 20 ausgesuchten Hamburgern, die mit der Tanzperformance „Gala“ des französischen Star-Choreographen Jérome Bel am 6. Oktober die Spielzeit der Kampnagel-Bühne eröffnen. Diese Liebeserklärung ans Tanzen ohne Komplexe bringt Profis und Laien, Erwachsene und Kinder mit besonderen Bewegungstalenten zusammen.

Kampnagel-Produktionsleiter An­dré Huppertz-Teja hatte sich am Telefon bei Nina Stricker gemeldet. Sie möchte sich doch mit einem Video bewerben. Im Internet bei YouTube zeigen Filmchen schon seit Längerem ihre reife Kunst mit dem Reifen. Als Tänzerin in der Hula Gang St. Pauli bringt Nina Stricker Schwung auf Festivals und Partys. Bisweilen stürmt die Spaß-Guerilla mit ihren leuchtenden Reifen unangemeldet in Hamburger Musikclubs.

Kein Zweifel, der Hula-Hoop (englisch hoop: Reifen) hat Konjunktur. Zum wiederholten Mal, seit Richard Knerr und Arthur Melin im Jahr 1958 in den USA den Reifen aus Plastik auf den Markt gebracht und innerhalb von nur vier Monaten 25 Millionen Hula-Hoops verkauft haben. Der Hula-Reifen ist heute als unkompliziertes und effektives Fitnessgerät gefragt.

Nina Stricker hat die Produktion von Hula-Reifen mittlerweile zum Beruf gemacht. Seit 2011 stellt sie Unikate aus der Freien und Hansestadt her – zunächst in Altona, seit zwei Jahren in Neuenfelde. Die Hula-Manufaktur im Alten Land ist eine von zwei gewerblichen Hula-Hoop-Produzenten in Hamburg und etwa zehn in ganz Deutschland.

Der von Kleinstherstellern geprägte Nischenmarkt ist unübersichtlich. Wie viele Anbieter in Deutschland tatsächlich mit oder ohne Gewerbeschein Schwungreifen kleben im Bekanntenkreis vertreiben, vermag nicht einmal die Insiderin zu sagen: „Vielleicht sind es schon 100. Tendenz steigend, denn Hulahoopen steckt an“, sagt Nina Stricker.

Die Werkstatt liegt unmittelbar hinter einem mit sattgrünen Gräsern bewachsenen Binnendeich. Von der Erhöhung fällt sofort die Sietas-Werft in den Blick, vor allem am Abend, wenn der Schiffbau beleuchtet ist. Eine Spezialität der Hula Manufaktur Hamburg sind beleuchtete Reifen, die beim Tanzen einen dunklen Partyraum oder den Abendhimmel in einen Farbenrausch tauchen.

Jede LED-Leuchte in dem Kunststoffrohr ist einzeln gelötet - Handarbeit eben. Der mit Akku betriebene LED-Reifen kostet 145 Euro. Hula-Hoops aus der Neuenfelder Werkstatt sind ab 22 Euro erhältlich, im Durchschnitt liegt der Preis um die 40 Euro.

Trend zu Handgemachtem kommt der Manufaktur zugute

Nina Stricker verarbeitet Glitter- und Farben wechselnde Laser-Tapes und zur Haftung am Körper ausschließlich Gaffa-Band. Nur das Original aus den USA gewährleiste die Farbenvielfalt, die ihren gestalterischen Ansprüchen genügt. Sie baut nach Wunsch und Maß. Manche Kunden belassen die künstlerische Hoheit bei ihr.

Einmal sollte sie einen Hula-Hoop in Meeresfarben bauen. Am Ende ist ein in allen Gaffa-Grün- und Blauschattierungen gewandetes Klebewerk entstanden. Nüchternes Polyethylen kann mit viel Liebe verarbeitet sein. Nina Stricker malt dem Kunden mit Kreide noch eine lustige Figur in den Karton. Sogar der Firmengruß ist ein Unikat.

Der Trend zumindest im Bildungsbürgertum zu lokal und handgefertigten Produkten kommt der Hula-Manufaktur zugute. Sicher ist aber auch, dass der Hula-Hoop sein Nerd-Dasein verlassen hat. Längst ist es nicht einer alternativen Szene allein, den Feuerspuckern aus dem Zirkus oder den Goa-Party-Gängern, überlassen, die Hula-Produktion in Schwung zu halten. „Hula ist jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Nina Stricker.

Deutlich wird das an Bestellungen von Kunden, die den Schwingreifen zweckentfremden. Eine Praxis sah in den Hula-Hoops ideale Platzhalter für therapeutische Aufstellungen. Ein in Neuenfelde produzierter riesiger Hula-Hoop mit 1,80 Meter Durchmesser dient jetzt als Sprungreifen für Pferde. Horse-Agility nennt sich das gemeinsame Spiel für Pferde und Menschen. Ein Fan der Weltraum-Saga „Star Wars“ orderte einen Satz Reifen, um sich ein Kostüm des Druiden BB8 daraus zu basteln. Sogar als Messestand-Dekor hält der Hula-Reifen her, für einen Produzenten von Glitzer-Gay-Figuren.

Eckig geht Nina Stricker der Reifen gegen den Strich

Solange der Auftrag eine runde Sache bleibt, verklebt Nina Stricker Gaffa-Band um das Polyethylenrohr. Die Anfrage einer Taucherschule lehnte die Manufaktur aber ab: Für das Unterwassertraining sollten verschiedene Formen her. Eckig geht Nina Stricker der Reifen dann doch gegen den Strich.

Seit zwei Jahren lebt Nina Stricker nun mit ihrem Mann Marc und ihren beiden Töchtern (drei und 13) in dem Altländer Dorf Neuenfelde. Manchmal vermisst der bekennende Bewegungsmensch den Trubel vom Hamburger Kiez, auf dem sie verwurzelt war. Aus der Welt ist die Großstadt nicht: „Ich fahre mit dem Fahrrad nach Finkenwerder, setze mit der Fähre über die Elbe und bin mitten drin“, sagt Nina Stricker. Neuenfelde beschert ihr neue Erfahrungen: „Hier läuft schon einmal ein Reh durch den Garten“, sagt sie. Und erst hier im Apfelgarten Hamburgs sei ihr bewusst geworden, wie sehr es in der Stadt stinke.

Frisch ins Dorf gezogen, hat der Spaßmensch die Neuenfelder verblüfft: Wer denn Pizza von Hamburg nach München verschicke, haben sie sich gefragt. Mittlerweile weiß wohl jeder im Dorf: In den riesigen Pizzakartons, die Nina Stricker an der DHL-Station aufgibt, stecken Hula-Hoops, das neue Trendprodukt aus Neuenfelde.

www.hula-manufaktur.de