Harburg
Neuland

Neuer Investor für Quarree gesucht

Ein Bild aus besseren Tagen: Projektentwickler Thorsten Wiehe präsentiert im Sommer 2015

Ein Bild aus besseren Tagen: Projektentwickler Thorsten Wiehe präsentiert im Sommer 2015

Foto: Jochen Gipp / HA

Insolvenzverfahren tritt in entscheidende Phase. Das Grundstück wird verkauft werden, das Projekt soll weitergehen.

Harburg.  Als im Frühjahr dieses Jahres mehrere Gläubiger einen Insolvenzantrag und einen Antrag auf Zwangsvollstreckung gegen den Projektentwickler Thorsten Wiehe und seine Firma P&S Grundstücks- und Vermögensverwaltung gestellt hatten, schien das Projekt Neuländer Quarree so gut wie tot zu sein.

Doch das 45.000 Quadratmeter große Wohn- und Gewerbequartier an der Hannoverschen Straße soll auf jeden Fall gebaut werden, sagt Oliver Corleis, Finanzberater der Goldwert Gruppe. Die Goldwert-Gruppe wollte das ehemalige Bahngelände am Rande des Binnenhafens bebauen. Der alleinige Eigentümer ist Thorsten Wiehe.

Doch derzeit läuft ein Insolvenzverfahren gegen die P&S GmbH & Co. KG mit Wiehe als Geschäftsführer. Er hatte die Industriebrache zusammen mit weiteren Investoren Ende 2011 der Deutschen Bahn für insgesamt 7,5 Millionen Euro abgekauft und zu einer Baufläche für einen Komplex aus Wohn- und Geschäftsgebäuden entwickelt – die geplante Gesamtinvestition wird auf mehr als 200 Millionen Euro beziffert.

Als der Hauptdarlehensgeber ausfiel, geriet das Projekt in finanzielle Schieflage. Berater- und Architekten, Rechtsanwälte und andere Dienstleister warteten vergeblich auf den Ausgleich ihrer Rechnungen. Für Thorsten Wiehe und Mitinvestor Günter Schönfeldt wurde das Projekt nun eine Nummer zu groß.

Wiehe suchte bereits nach einer Zwischenfinanzierung und auch nach einem neuen, finanzkräftigen Investor für das Neuländer Quarree, als ihm das Insolvenzverfahren und der Antrag auf Zwangsvollstreckung dazwischen kamen.

Die Zwangsvollstreckung wurde abgewendet – zugunsten eines Bieterverfahrens. Noch bis zum vierten Oktober haben potenzielle Investoren die Chance, einen Preis zu benennen, zu dem sie das Grundstück mit einem auf das Projekt zugeschnitten Bebauungsplan erwerben wollen. „Bei einem Bieterverfahren erhält das höchste Gebot den Zuschlag, und wir sind dann komplett raus“, erläutert Corleis. Es gebe Interessenten, aber es bestünde die Gefahr, dass ein zu geringer Preis erzielt werde.

Schließlich habe sich der Grundstückswert im Vergleich zur ursprünglichen Industriebrache vervielfacht, schätzt Corleis, will aber nicht konkreter werden. Der Insolvenzverwalter Gideon Böhm geht von einem erzielbaren Preis um zehn Millionen Euro aus und hat dabei bereits berücksichtigt, dass das Grundstück Altlasten aus dem Umschlagbetrieb der Bahn und vom ehemaligen Nachbarn, der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie birgt, die ermittelt und anschließend aufwendig saniert werden müssen.

Thorsten Wiehe versucht dem Bieterverfahren etwas entgegen zu setzen: ein Insolvenzplanverfahren. Dieses verfolgt das Ziel, das insolvente Unternehmen zu sanieren. Im Falle der P&S würde das heißen, dass frisches Geld – einige Millionen Euro – besorgt wird, um die bestehenden Forderungen zu begleichen. Damit ließe sich das Projekt in geordnete Bahnen bringen und dann ohne den Druck eines Insolvenzverfahrens veräußern.

Welcher der beiden Wege – Verkauf an den Höchstbietenden oder Sanierungsversuch aus eigener Kraft – eingeschlagen wird, darüber entscheidet eine Gläubigerversammlung am 11. Oktober.

Wie auch immer die Weichen gestellt werden: Auch der neue Eigentümer wird voraussichtlich Probleme haben, Interessenten für die vom Bezirk geforderten Gewerbegebäude zu finden. Zum Chemieunternehmen Brenntag und zur Hannoverschen Straße mit den benachbarten Bahngleisen soll eine gewerbliche Nutzung die dahinter liegende Wohnungen gegen Lärm abschirmen. Deshalb gilt die Regel: ohne Gewerbebau kommt kein Wohnungsbau. Diesen Schlüssel zur Umsetzung des Projekts haben die bisherigen Entwickler nicht finden können.

Mit einer Ausnahme: Im Frühjahr 2015 unterzeichnete Wiehe einen Pachtvertrag mit der Odyssey Hotel Group, die zwei Marriott-Hotels mit jeweils knapp 100 Betten betreiben will, ein klassisches „Residence Inn by Marriott“ und ein preiswerteres Design-Hotel namens „Moxy“. Finanzberater Corleis: „Der Pachtvertrag für den Hotelbau besteht weiter. Und die Pächterin hat signalisiert, dass sie auch bei einem Eigentümerwechsel an ihren Plänen festhalten will.“