Wilhelmsburg

Islamismus ist bei Jugendlichen angekommen

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Thomas Sulzyc
Ein Islamist verteilt kostenlose Koran-Exemplare an Passanten (hier in Berlin). Sicherheitsbehörden beobachten derartige Aktionen bundesweit

Ein Islamist verteilt kostenlose Koran-Exemplare an Passanten (hier in Berlin). Sicherheitsbehörden beobachten derartige Aktionen bundesweit

Foto: Britta Pedersen / dpa

Wenn Jugendliche sich radikalisieren: Salafismusexperte Kurt Edler schlägt in Wilhelmsburg ein Frühwarnsystem durch Gleichaltrige vor.

Wilhelmsburg.  Blutige Attentate in München, Würzburg und Ansbach. Die Festnahme von drei sogenannten „Schläfern“ vor den Toren Hamburgs. Hierin konkretisiert sich die Sorge in ganz Deutschland, dass es der Terrormiliz Islamischer Staat gelingt, junge Leute als Einzelkämpfer zu gewinnen, die ohne technischen Sachverstand auskommen. In Wilhelmsburg informierten Experten über die wachsende Gefahr.

Wie können Gesellschaften junge Männern und Frauen identifizieren, die sich derart radikalisieren? Im Kampf gegen den Terrorismus schlägt der Hamburger Salafismusexperte Kurt Edler einen Weg vor, der verblüffend unkompliziert und zugleich erfolgversprechend wirkt: Schüler sollten dafür sensibilisiert werden, zu erkennen, ob sich Altersgenossen radikalisieren und für die Terrororganisation Islamischer Staat empfänglich werden.

Die Idee der „peer-to-peer“-Prävention, also die Vorbeugung unter Gleichaltrigen und Gleichgestellten, hat Kurt Edler bei dem Themenabend „Salafismus in Wilhelmsburg“ der Grünen auf der Elbinsel erläutert. „Schülerschaften müssen ein Basiswissen erhalten, zu erkennen, wo es anfängt, dass etwas schiefläuft“, so der Salafismusexperte.

Edler ist davon überzeugt, dass Gleichaltrige am ehesten bemerken, wenn Jugendliche in gefährliche Milieus abzugleiten drohen – eher noch als Eltern, Lehrer, Polizei oder der Verfassungsschutz. „Die Sicherheitsbehörden müssen eingestehen, dass eine Terrororganisation Kontakte zu Jugendlichen in unseren Ländern aufbauen kann“, sagt er.

Kurt Edler schlägt deshalb vor, dass Experten in Schulversammlungen Präventionskompetenz vermitteln. Kurt Edler selbst hat das bereits vor den Schülern einer Oberstufe getan. Wer Anzeichen einer Radikalisierung bei einem Mitschüler bemerkt, könnte sich an einen Vertrauenslehrer oder einen Schüler, den die Schule als Ansprechpartner ausgewählt hat, wenden.

Nach der Razzia in Ahrensburg, Groshansdorf und Reinfeld mit der Festnahme von drei Terrorverdächtigen hatte der CDU-Fraktionsvorsitzende im Schleswig-Holsteinischen Landtag, Daniel Günther, vorgeschlagen, ein effektives Frühwarnsystem aufzubauen. Mitarbeiter in den Flüchtlingsunterkünften müssten noch mehr für die Bedrohung sensibilisiert werden, sagte er.

Wann gelangt ein junger Mensch an den Punkt, wo Denken in fatales Handeln umschlägt? Radikalisierung ist keine Krankheit und verläuft nicht nach einem typischen Muster. Der Islamwissenschaftler und Jugendpräventionsexperte Nadim Gleitsmann sagt, ihm sei bei Jugendlichen noch nie ein waschechter Salafist begegnet. Was sich als Salafismus angedeutet hat, habe sich als Provokation, Jugendkultur und Pubertät entpuppt.

Nadim Gleitsmann erzählt von einem Jungen, der Bilder von Hamas-Kämpfern gepostet habe, um Aufmerksamkeit zu erlangen. „Aber die gebe ich ihm nicht, mache stattdessen andere Angebote, fahre mit ihm Kanu,“, sagt er. Man müsse auch aushalten können und nicht gleich eine Lehrerkonferenz einberufen, um dem Jugendlichen eine Plattform zu geben.

Bei jungen Erwachsenen dagegen lasse sich Radikalisierung an einigen Merkmalen festmachen. „Das größte Alarmsignal ist, wenn junge Erwachsene sich total entziehen und alle bisherigen Kontakte abbrechen“, so Gleitsmann.

Der Leiter am Haus der Jugend Wilhelmsburg kennt solche Fälle. Seine Einrichtung habe etliche Leute verloren, sagt Uli Gomolzig. Er hält die Koranverteilungen der „Lies“-Kampagne für bedenklich. „Junge Männer erhalten Einladungen zu Gesprächskreisen, bei denen ich nicht weiß, worüber gesprochen wird“, sagt Uli Gomolzig.

Anzeichen, die auf eine radikale Interpretation des Islam hindeuten, zeigen sich in Wilhelmsburg in den Häusern der Jugend und in den Schulen. Einige Schüler würden auf dem Schulhof soziale Kontrolle ausüben. Zum Beispiel einen muslimischen Mitschüler ansprechen, wenn er in der Fastenzeit Ramadan ein Eis essen würde, berichtet ein Lehrer der Nelson-Mandela-Schule.

Sprächen Lehrer Schüler wegen ihres konservativen Islambildes an, würden die mit Verschlossenheit reagieren. Ines Aue vom Haus der Jugend Wilhelmsburg bemerkt zunehmend, dass Kinder und Jugendliche den Frauen unter den Erziehern nicht die Hand geben wollen.

Ein Runder Tisch, an dem Schulen, Jugendhäuser, Polizei, christliche und muslimische Gemeinden zusammenkommen, soll in Wilhelmsburg her. Der Dialog mit den Moscheegemeinden sei besser geworden, sagt Uli Gomolzig. Dieser Erfolg solle mit dem Runden Tisch verstetigt werden.

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