Harburg
Winsen/Harburg

Wer Durst hat, tankt an der Milchstraße

Britta und Jan Benecke betreiben die Milchtankstelle in Scharmbeck. Rund 70 Liter Rohmilch verkaufen sie pro Tag

Britta und Jan Benecke betreiben die Milchtankstelle in Scharmbeck. Rund 70 Liter Rohmilch verkaufen sie pro Tag

Foto: Jörg Riefenstahl / HA

Natur im Trend: Vier Höfe im Landkreis Harburg bieten neuerdings frische Rohmilch direkt aus dem Automaten an.

Winsen/Harburg.  Landluft streicht über Hof Benecke in Scharmbeck. Stephanie Jacoby-Schütt hält mit ihrem Käfer-Cabriolet, um zu tanken. Sie zieht zwei Flaschen aus dem Kofferraum, wirft einen Blick auf die rotbunten Kühe auf der Weide und geht ein paar Schritte hinüber zur Zapfstelle. Zwei Euro steckt sie in den Automaten, drückt die Taste „Milch“ und füllt zwei Liter Rohmilch in die glasklaren Flaschen, die sie schräg unter den Zapfschlauch hält.

Dreimal pro Woche kommt die Mutter von drei Kindern aus Pattensen hierher auf den Hof, um beim Bauern frische Milch für ihre Familie zu holen. Damit liegt sie im Trend: Immer mehr Menschen lassen abgepackte Milch vom Discounter links liegen und holen sie sich lieber direkt vom Erzeuger. „Ich finde es gut, die Milch hier zu kaufen, weil es keine Verpackung gibt“, sagt Jacoby-Schütt. „Die Milch ist frisch, sie schmeckt einfach besser.“

Das hat einen Grund: Die Milch direkt vom Hof ist weder homogenisiert noch pasteurisiert und hat den natürlichen Fettgehalt. „Sie ist auch gesünder. Weil sich das Fett der Rohmilch nicht an Stellen im Körper ablagert, wo es nicht hingehört“, meint die Frau. „Ich finde es gut, dass die Milch aus der Region kommt und das Geld direkt beim Bauern landet. Und es gefällt mir, wie hier mit den Tieren umgegangen wird.“

Gegenüber tollen zwei Kälber im Stall, ein Bulle döst am Gatter. Alle anderen Kühe sind von April bis November draußen auf der Weide. Sandra Dose aus Scharmbeck hat ihre Kinder Hannes und Marieke im Schlepptau. Die finden vor allem die Kühe interessant. „Wir holen hier auch frische Eier und Kartoffeln und gehen zum Schlachter nach Pattensen. Alles aus der Region“, erzählt die junge Mutter.

Die Landwirte Jan und Britta Benecke bewirtschaften ihren 130-Hektar-Hof mit 70 Milchkühen in der vierten Generation. Die Kinder und ein Angestellter helfen mit. Auf der Suche nach einem mobilen Hühnerstall war die Familie zufällig auf die Milchtankstellen gestoßen. Der Milchpreis war im Keller. Ein Euro für einen Liter Milch aus dem Automaten oder 21 Cent für die gleiche Menge von der Molkerei. Für die Beneckes war die Sache klar. Seitdem gibt es auf ihrem Hof Rohmilch.

Die Umstellung aufBiofutter wäre zu teuer

„Es macht Spaß mit den Kunden“, sagt Britta Benecke. „Die Leute reden sehr viel mit uns. Sie wollen wissen, was das Besondere an unserer Milch ist. Und sie suchen Kontakt zu den Tieren. Sie können sehen, wie die Tiere bei uns leben.“ Die Haltung entspricht Bio-Standard. Dennoch ist es ein konventioneller Hof. „Nur das Futter ist nicht Bio“, betont die Landwirtin. Die Umstellung auf reine Bioerzeugnisse wäre zu aufwendig und teuer.

Aber die Sache mit der Milchtanke funktioniert auch ohne Bio-Siegel. „Wenn die Kühe gut leben, geben sie gute Milch“, sagt Stammkunde Peter Eller aus Tangendorf. Er kocht die Milch zu Hause kurz ab. Das wird aus hygienischen Gründen empfohlen. Die meisten Kunden verzichten darauf und trinken die Milch naturbelassen. Im Kühlschrank ist die Milch zwei bis drei Tage haltbar. Ob sie abgekocht wurde oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

70 Liter Rohmilch verkaufen die Beneckes im Schnitt pro Tag. Damit sind sie zufrieden. Die Mehrarbeit durch Betrieb und Pflege der Tankstelle nehmen die Bauern angesichts höherer Erlöse in Kauf. Und die Kunden kommen teilweise von weit her. „Neulich habe ich mich mit einem Familienvater unterhalten. Der kam aus Hamburg und hat 17 Liter für Freunde und Bekannte aus der Kita mitgenommen“, sagt Britta Benecke.

Ein Nebeneffekt ist, dass die Kunden auch bei Eiern, Honig, Kartoffeln und Marmelade zugreifen, die im Kühlautomaten nebenan zu haben sind. Demnächst wird man dort auch selbst gemachten Schnittkäse finden. Dieselbe Idee verfolgen die Landwirte Andrea und Klaus Böttcher, die auf ihrem abseits gelegenen Hof in Otter seit Februar eine Milchtanke betreiben.

35 Liter Rohmilch zapfen die Kunden pro Tag – genug für die Böttchers. „Ab und zu halten Radfahrer, die nur mal schnell einen Becher Rohmilch zapfen“, erzählt Andrea Böttcher, die den 125-Hektar-Hof mit 130 Milchkühen mit ihrem Mann und ihrem Sohn betreibt.

Das Zapfen ist eine saubere Sache: Die Milch läuft über einen Schlauch in die Flasche. „Nach jedem Zapfen wird der Schlauch automatisch gereinigt“, sagt Andrea Böttcher. Täglich wird der Tank neu befüllt, und alle zwei Tage wird der Automat komplett gereinigt. Selbst aus Harburg und aus Handeloh kommen Kunden. „Die nehmen 35 Minuten Fahrtzeit auf sich, um mit ihren Kindern Kälber zu gucken und fünf Liter für die Kita mitzunehmen.“

Nacht bleibt die Tanke aus Sicherheitsgründen zu

Angelika Nelke betreibt mit ihrem Mann Volker auf ihrem Hof in Welle die jüngste Milchtanke im Landkreis. „Ich finde es toll, dass die Leute selbst zapfen“, sagt sie. „Die freuen sich, dass sie aus der Milch Joghurt und Dickmilch machen können.“ Die Lage mitten im Dorf zahlt sich aus. Pendler auf der B3 decken sich hier täglich ein. „Wenn am Tag 45 Kunden auf den Hof kommen, ist das eine schöne Sache“, sagt die Landwirtin.

Nachts ist die Tanke aus Sicherheitsgründen geschlossen. Die 180 Milchkühe auf Hof Nelke stehen rund um die Uhr im Stall. Im Gegensatz zu Patrick Bertrams Kühen, die von Frühjahr bis November draußen auf der Weide sind. Der Landwirt betreibt auf seinem Nebenerwerbshof in Hunden erst seit Kurzem eine Milchtankstelle.

Der Liter Weide-Rohmilch kostet bei ihm einen Euro – wie überall an der neuen „Milchstraße“ im Landkreis. 30 bis 40 Liter verkauft Bertram schon am Tag. Er freut sich. „Es wird immer mehr.“

Hof Benecke, Osterkamp 30, 21423 WinsenHof Böttcher, Wümmegrund 1, 21259 OtterHof Nelke, Hauptstraße 9, 21261 WelleHof Bertram, Oldeshauser Str. 15a, Hunden