Harburg
Jubiläum

Der „Rüsselkäfer“ wird 90 Jahre alt

Waldklinik-Chef Hans-Heinrich Aldag, Führungspersonal, Waldklinik-Haus

Waldklinik-Chef Hans-Heinrich Aldag, Führungspersonal, Waldklinik-Haus

Foto: Rolf Zamponi / HA

Wie aus einer Jesteburger Schänke die Waldklinik für neurologische Rehabilitation wurde. Familie Aldag will Bettenhaus bauen

Jesteburg.  Meistens geht es weniger gut aus, wenn jemand zu seinem Glück gezwungen wird. Anders bei der Familie Aldag. Seit 90 Jahren und drei Generationen führen die Aldags jetzt ihre Familienunternehmen. Die heutige Waldklinik ist eines von neun Häusern in Niedersachsen, das sich mit neurologischer Frührehabilitation für Schlaganfallpatienten befasst. Ihr Team umfasst inzwischen 400 Mitarbeiter, darunter 90 Therapeuten, 120 Pfleger und Krankenschwestern sowie 14 Ärzte. Am morgigen Freitag wollen nun mehr als 300 geladene Gäste zum Geburtstags-Empfang kommen und sich an diesem Nachmittag die „Entwicklungsstadien des Rüsselkäfers“, wie es die Einladung verspricht, erklären lassen.

Rüsselkäfer? Tatsächlich brechen im Jahr 1913 plötzlich tausenden der Krabbeltiere aus dem neu aufgeforsteten Jesteburger Wald, den Wilhelm Buhr zwei Jahre nach einem verheerenden Waldbrand erworben hat. Damals gibt es dort, wo heute die Klinik steht, nur einen Unterstand und später eine Schänke. Beides nebst dem Grundstück reicht Buhr 1926 an seinen Schwiegersohn Heinrich Aldag weiter, der sich für Buhrs Tochter Anneliese entschieden hat. Heinrich Aldag, obwohl Maurermeister, wird Gastwirt und bleibt es bis 1939, als der Krieg beginnt und er einrücken muss.

Schon kurz darauf macht die Wehrmacht aus der Wirtschaft eine Klinik für Lungenkranke und selbst nach dem Krieg halten das die englischen Besatzer und später die deutschen Behörden für eine gute Idee. Aldag bekommt 1948 zwar die Hoheit über sein Grundstück zurück. Die Auflage dafür ist jedoch klar: Er muss als Unternehmer im Gesundheitswesen neu beginnen. In Erinnerung bleibt der Name Rüsselkäfer, wenn die Plage inzwischen auch längst überwunden ist.

Heinrich und sein Sohn Hans-Hinnerk Aldag, ebenfalls Maurer und studierter Bau-Ingenieur, führen die Klinik als Lungen-Sanatorium bis Ende der 80er Jahre. Heinrich hat die Jugendliebe seine Sohnes flink ins Unternehmen geholt und hofft, den Sohn damit endgültig vom Einstieg überzeugen zu können. Das gelingt. Gerda und Hinnerk heiraten 1953. Die Mutter des heutigen Chefs steht über Jahrzehnte für die Leitung des Küchen- und Servicebetriebs des Hauses – einer der Erfolgsfaktoren.

Denn in der Klinik erholen sich die Tuberkulosen-Kranken teilweise über Monate hinweg bei gutem Essen in frischer Luft, ruhen sich bei Liegekuren aus. In den ersten Jahren betreuen drei Ärzte 180 Patienten pro Jahr. Medikamente mit Antibiotika kommen erst nach und nach auf, besiegen die Krankheit schließlich.

Gerdas Sohn Hans-Heinrich Aldag, der 1987 in Göttingen gerade über Krankenhaus-Marketing promoviert hat, muss ein neues Konzept entwickeln. Er erinnert sich noch an mehr als 100 Kontaktadressen, Besuche, Überlandfahrten und Überlegungen als Klinik für Alkohol- oder MS-Kranke sowie von Parkinson geplagte Menschen Fuß zu fassen. Der entscheidende Tipp kommt dann aus dem Unfallkrankenhaus Boberg. Es gibt einen hohen Bedarf für Therapie und Rehabilitation, die Patienten nach einem Schlaganfall zurück ins Leben holen und sie für den Alltag fit machen.

„Seit Anfang der 90er Jahre ist das Konzept anerkannt“, sagt heute der Ärztliche Direktor der Waldklinik, Hans-Peter Neunzig. Erst müssen die Krankenkassen von der neurologischen Frührehabilitation überzeugt werden.

Heute stehen in Jesteburg für die Phase B, die direkt auf die akute Behandlung eines Schlaganfalls folgt, 55 Betten bereit, die von den Krankenkassen finanziert werden. Weitere 110 Betten werden für die Behandlung in den anschließenden Phasen der Schlaganfall-Patienten und für Rehas nach Knie- und Hüftoperationen genutzt. Kostenträger ist hier für Menschen, die noch im Job sind, die Rentenversicherung. Das Einzugsgebiet für die Schlaganfall-Patienten, die zwischen drei Wochen und einem Jahr in der Waldklinik verbringen, umfasst weite Teile von Nord-Niedersachsen, Bremen sowie Hamburg und reicht weit bis nach Schleswig-Holstein hinein.

Ziel der Reha ist es, dass die Patienten sich so weit wie möglich selbst helfen und am Leben in ihrer Familie teilnehmen können. Das gilt für Menschen, bei denen teilweise Gehirn und Rückenmark geschädigt ist, die im Koma lagen oder Lähmungen davongetragen haben. „Wir suchen nach den vorhandenen Ressourcen der Menschen“, sagt Therapieleiterin Petra Böker.

Die Arbeit braucht Zeit und erhebliche Kommunikation zwischen den behandelnden Spezialisten, so dass die Behandlungen ineinandergreifen und zu möglichst hoher Selbstständigkeit führen. Wegen der häufig langen Aufenthalte ist die Zahl von 2300 Patienten aus dem Jahr 2015 im Vergleich zu Akut-Krankenhäusern relativ gering.

Die Reha in der Stufe B ist teuer. Sie kostet 400 bis 600 Euro pro Tag. Doch sie bringt Lebenqualität zurück und kann zu verblüffenden Erfolgen führen. „Wir haben einen Patienten, der durch alle Phasen betreut wurde, als Fußgänger entlassen. Er hat sein Studium der Betriebswirtschaftslehre wieder aufgenommen und als Diplom-Kaufmann promoviert“, erinnert sich Klinik-Chef Aldag.

Der geschäftsführende Gesellschafter hat sein Haus seit 2002 durch Kooperationen mit den Kreis-Krankenhäusern in Winsen und Buchholz zusätzlich abgesichert. Seine Beschäftigten bieten dort Ergo- und Sprach-Therapie und erledigen die ambulante Physiotherapie für die beiden Kreishäuser. Täglich holen Busse der Waldklinik zudem 25 Patienten von zu Hause zur ambulanten Reha oder orthopädischen Behandlung ab. Dazu kann verschriebene Krankengymnastik inzwischen in der Klinik absolviert werden.

Seit den 90er Jahren hat der dritte Aldag an der Spitze der Klinik eine zweistellige Millionensumme in das Haus investiert. In den kommenden Jahren will er einen neuen, den bisher größten Schritt tun.

Geplant ist ein neues Bettenhaus mit mehr als 3000 Quadratmetern. Solche Investitionen können vom Land gefördert werden, müssen aber dennoch in jedem Fall zu mehr als der Hälfte aus eigenen Mitteln der Krankenhäuser finanziert werden. Aldag ist vorsichtig optimistisch, dass sein Vorhaben, das wohl kaum vor 2018 Gestalt annehmen wird, beim Land Gefallen findet. Immerhin wurden bislang sechs seiner Projekte finanziell unterstützt.

Zunächst jedoch sollen am Freitag die neun Jahrzehnte ausgiebig gefeiert werden. „Von Kneip(p)-Kultur und Medizin: 90 Jahre Rüsselkäfer“ lautet das Motto. Der Name Rüsselkäfer ist also geblieben. Obwohl die Tiere nur eine Randnotiz der Geschehnisse in Jesteburg sind, die den Aldags zu ihrem Glück verhalfen.