Harburg
Berufsschulen

Zur Schulfusion gibt’s eine Kletterwand

Berufliche Schule Harburg, Schulleiter Wolfgang Bruhn

Berufliche Schule Harburg, Schulleiter Wolfgang Bruhn

Foto: Katharina Geßler / HA

In die neue Berufliche Schule Ha rburg wurden 35 Millionen Euro investiert. Jetzt werden dort 1550 Kaufleute und Erzieher unterrichtet

Eissendorf.  Diese Ehe ist keine Liebesheirat. Sie wurde arrangiert, treffender noch: angeordnet, und das schon 2013. Damals wurde die Fusion der Staatlichen Handelschule mit Wirtschaftsgymnasium (H 10) im Göhlbachtal mit der Staatlichen Schule für Sozialpädagogik (W 5) in Heimfeld aufgrund des Schulentwicklungsplans beschlossen: Die Einrichtung von Stadtteilschulen hat zu rückläufigen Schülerzahlen an berufsbildenden Schulen geführt. Deshalb also die Zusammenlegung der beiden Harburger Schulen, die mit der Fusionsfeier am Freitag, 16. September, 18 Uhr, nun auch offiziell besiegelt wird. H 10 plus W 5 macht BS 18!

So sehr sich die Frischvermählten am Anfang auch zierten: Der Akt als solcher wurde fristgerecht vollzogen. Die Arbeiten im Göhlbachtal, mit Neubau und Sanierung der alten Gebäude wurde im Frühjahr 2014 begonnen, waren rechtzeitig zum neuen Schuljahr abgeschlossen. Zwar müssen noch immer Regale in der Bibliothek eingeräumt, Akten und Unterlagen einsortiert und vor allem unzählige Umzugskartons abtransportiert werden, aber der Betrieb auf dem 44.000 Quadratmeter großen Gelände und in den insgesamt neuen Gebäuden läuft – 35 Millionen Euro hat das Projekt gekostet. Außerdem sicher einiges an Nerven und viel Energie bei allen Beteiligten.

Mit den Brautleuten war das am Anfang so eine Sache. Da gab es Vorbehalte, mindestens. „Einige hatten Angst, ihren Job zu verlieren oder dass ihre Arbeit inhaltlich verwässert werden könnte“, sagt Wolfgang Bruhn (64), früher Leiter der H 10 und jetzt der neuen BS 18. Er konnte das nachvollziehen. Nimmt man die beiden Berufsfelder Wirtschaft und Sozialpädagogik als Brautleute, die vor den Altar treten sollen, ahnt man, dass da der Funke nicht gleich überspringt. Dabei stand für Bruhn immer fest: „Wir als Händler wollen den Sozialpädagogen nicht reinreden, wie sie Erzieher auszubilden haben.“ Er hat diese Ehe von Anfang an als Chance verstanden. Sie steht für ihn für Qualität in großer Vielfalt: „Ich will neugierig machen auf das Neue. Das ist Personalentwicklung, wie sie sein soll.“

Und sie steht für harte Arbeit. Zwei Jahre lang hat sich eine Fusionsgruppe, bestehend aus Delegationen beider Schulen, alle vier Wochen getroffen, damit zusammenwächst, was quasi par or­d­re du muf­ti nun zusammengehört. Begleitet von gleich zwei externe Moderatiorinnen. Das Ziel der Gruppe: die unterschiedlichen Schulkulturen zusammenzuführen. Auf der Agenda standen zum Beispiel Verwaltungsabläufe oder die Frage von Hierarchien sowie die Einteilung von Geschäftsbereichen. Es ist ein Prozess, der längst noch nicht abgeschlossen ist. Die Fusionsgruppe wird mindestens noch ein Jahr bestehen bleiben.

Die erste Nagelprobe sei jedenfalls überstanden, freut sich Schulleiter Bruhn. Seine Stellvertreterinnen Annette Varlemann (früher W 5) und Inga von Garrel (früher H 10) haben gemeinsam den Stundenplan für das Schuljahr 2016/17 erstellt: Für 1553 Schüler und 126 Lehrer eine hochkomplexe Angelegenheit, zumal die neue BS 18 jetzt sieben Bildungsgänge anbietet: Höhere Handelsschule, Fachoberschule Sozialpädagogik, Kaufleute für Büromanagement und Sozialpädagogische Assistenz, Berufliches Gymnasium, Fachschule für Sozialpädagogik und Ausbildungsvorbereitung für Migranten.

Dass Wolfgang Bruhn Leiter der BS 18 wurde und nicht Eckhard Soost, der frühere Leiter der W 5, sei allein der Biologie geschuldet: „Ich bin zwei Jahre jünger, und meine Kollege ist jetzt im Ruhestand“, sagt Bruhn. Er wird nicht müde, die Vorzüge der Fusion zu beschreiben. Das sei eine Verbindung, von der beide Seiten nur gewinnen könnten. Beispiel? „Eine Kita-Leiterin muss sich auch mit kaufmännischen Inhalten auseinandersetzen“, erklärt Bruhn. Umgekehrt könnten Kaufleuten Einblicke in Pädagogik und Psychologie nicht schaden: „Ich wünsche mir eine Schule, in der Ökonomie mit sozialer Verantwortung unterrichtet wird.“

Fusionsfeier und Schulfest sollen Wir-Gefühl stärken

Wolfgang Bruhn ist klar, dass es noch dauern wird, bis sich beide Ehepartner so richtig aneinander gewöhnt haben. Vieles müsse noch besprochen werden. Aber vieles sei auch schon geschafft: „Jetzt ist die Stimmung gelöst, die Herzen sind geöffnet.“ Die Fusionsfeier am 16. September und ein Schulfest am 7. Oktober werden zusätzlich dazu beitragen, das Wir-Gefühl zu stärken. Ein bisschen so wie die Kletterwand, die die W 5 mit in die Ehe eingebracht hat. Ganz gleich ob Erzieher oder Kaufmann, wer sich auf diesen Trendsport einlässt, lernt fürs Leben. Lehrer Armin Trogisch weiß, warum: „Beim Klettern geht es darum, Verantwortung für den Partner zu übernehmen. Man muss sich aufeinander abstimmen und zuhören.“ Klingt nach einer Weisheit, die einen sicher durch alle Lebenslagen lotst: Wer sie nicht beherzigt, scheitert ziemlich sicher – im Beruf wie in der Ehe. Zudem zeigt die Kletterwand auf schöne Weise, wie treffend das Aristoteles-Zitat ist, das Bruhn auf die Einladung zur Fusionsfeier drucken ließ: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“