Harburg
Heimfeld

Hindernislauf durch neue Strategie in der Haake

Totholz in der Haake: Karl-Heinz Knabenreich zeigt tote Bäume sowie Zweige auf dem Boden

Totholz in der Haake: Karl-Heinz Knabenreich zeigt tote Bäume sowie Zweige auf dem Boden

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Warum Totholzbäume heute weitaus seltener gefällt werden. Neue Strategie bei der Forstbewirtschaftung sorgt für Ärger.

Heimfeld.  Immer öfter sorgen sich Wanderer im Eißendorfer Forst über abgestorbene Bäume, deren Standfestigkeit anscheinend gefährdet ist. Jetzt schlägt ein Mann Alarm, der sich als emsiger Organisator vieler Querfeldeinrennen vor allem in der Haake sehr gut auskennt: Karl-Heinz Knabenreich. „Durch die Sichtung verschiedener Strecken verfolge ich die Entwicklung dort seit vielen Jahren hautnah. Dass Bezirksamt und Revierförsterei tote Bäume entlang der Wanderwege einfach ignorieren, kann ich nicht nachvollziehen“, sagt er.

Als einen neuralgischen Punkt für seine Einschätzung hat er einen oft frequentierten Wanderweg unweit des befestigten Hauptweges von der Buskehre Heimfelder Straße/Vahrenwinkelweg zur Jahnhöhe ausgemacht. „Dort befindet sich eine Gruppe von trockenen Kiefern, die bereits im November 2009 gefällt werden sollte. Im Frühjahr dieses Jahres ist einer der drei Bäume umgestürzt und liegt nun parallel zum Wanderweg“, berichtet der 79-Jährige.

Angefacht wurde die Debatte durch einen Vorfall am 11. August im Harburger Stadtpark. Unweit der Außenmühle war ein Spaziergänger von einem plötzlich umstürzenden Baum erfasst und eines seiner Beine eingeklemmt worden. Der Mann hatte sich aber aus eigener Kraft befreien können. Er kam mit dem Schrecken davon und wurde mit lediglich leichten Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.

Bernd Schulze, seit 37 Jahren Revierförster im Eißendorfer Forst, weiß um die „Restrisiken für Spaziergänger“. Er weist aber darauf hin, dass es im Gegensatz zu anderen Bundesländern in Hamburg kein Wegegebot gibt: „Die Möglichkeit, sich im Wald abseits der Wege frei zu bewegen, erhöht natürlich das Risiko Opfer waldtypischer Gefahren zu werden. Absolute Sicherheit gibt es nirgends, auch nicht im Wald.“

Natürlich versuche die Revierförsterei der allgemeinen Verkehrssicherungspflicht, vor allem an den Hauptwegen, umfassend nachzukommen. Dafür sei regelmäßig ein speziell geschulter Mitarbeiter unterwegs, der entsprechende Baumkontrollen durchführe. Für jeden Trampelpfad durchs Gehölz sei das aber schlicht unmöglich. Das habe unlängst auch der Bundesgerichtshof (BGH) in einer Leitentscheidung höchstrichterlich bestätigt.

Laut Paragraf 14, Absatz 1 des Bundeswaldgesetzes ist das Betreten des Waldes zum Zwecke der Erholung zwar gestattet. Die Benutzung geschieht aber auf eigene Gefahr. Insbesondere hinsichtlich waldtypischer Gefahren. Hier ist die Verkehrssicherungspflicht stark reduziert: „Wer auf eigene Gefahr Waldwege betritt, kann nicht erwarten, dass die Waldeigentümer Sicherungsmaßnahmen gegen waldtypische Gefahren ergreifen“, so der BGH.

Dazu gehören unter anderem die von toten oder noch lebenden Bäumen ausgehenden Gefahren wie etwa abgebrochene und abbrechende Äste, umgestürzte und umstürzende Bäume, angehobene Wurzelteller. Aber auch Wurzeln, Löcher und Ablaufrinnen.

Schulze begrüßt diese Rechtsprechung. Auch deshalb, weil sie ganz im Sinne einer naturnäheren Bewirtschaftung der Wälder sei. Deren Entwicklung habe der Mensch allzu lange vorgegeben und dabei zu viel Einfluss auf das sensible Ökosystem genommen. Nun sei es an der Zeit, „dem Wald wieder seinen Lauf zu lassen“.

Dessen Dynamik mehr Bedeutung beizumessen, bedeute auch, bestimmte Prozesse zuzulassen und sie zu fördern. „Wenn wir heute von Wald reden, dann meinen wir nicht nur die Bäume, sondern das gesamte Beziehungsgefüge dieser Lebensgemeinschaft“, so Schulze. Alt- und Totholz würden rund 1600 Pilz- und 1350 Käferarten, Hautflüglern, Schnecken und Fledermäusen, Mosen und Flechten Lebensstätten und Nahrung bieten: „Und der Specht bevorzugt zum Bau seiner Nisthöhlen nun mal stehende Tot- und Altbäume und keine liegenden.“ Deshalb sei es erklärtes Ziel, Habitatbäume und Totholz möglichst aller Baumarten, aller Größen und jeden Alters an allen Standorten zu erhalten.

So werden bei mächtigen, aber altersschwachen Buchen heute eher die Kronen gekappt, als die Bäume gleich zu fällen. Ohne das dadurch aber entscheidend weniger Holz geerntet wird als früher. Noch immer liegt der jährliche Ertrag im 520 Hektar großen Eißendorfer Forst im Schnitt bei 1000 bis 1500 Festmeter.