Harburg
Der etwas andere Unterricht

Heute auf dem Stundenplan: Gewaltprävention

Markus Kaulbarsch verpackt seine Themen kindgerecht. Jungen und Mädchen hören gebannt zu

Markus Kaulbarsch verpackt seine Themen kindgerecht. Jungen und Mädchen hören gebannt zu

Foto: Bastian Küsel / HA

Markus Kaulbarschist Kontaktbeamter der Polizei und besucht seit 20 Jahren regelmäßig die Schulen und Kindergärten in Buchholz

Buchholz.  „Guten Morgen Herr Kaulbarsch“ – die Schüler der Klasse F6 der Heideschule begrüßen den Redner für die nächste Stunde. Doch Markus Kaulbarsch ist kein gewöhnlicher Lehrer. Er ist Polizist, der den Acht- bis Zehnjährigen etwas über das Thema Gewaltprävention erzählt. Und das nicht zum ersten Mal. Inzwischen ist Kaulbarsch seit 20 Jahren als Kontaktbeamter der Polizei Buchholz regelmäßig in Schulen unterwegs. Diese Woche also in der Heideschule, wo er jeden Tag dritte und vierte Klassen rund um das Thema aufklärt.

Dafür verpackt er komplexe Themen wie soziales Verhalten, Diebstahl oder Sachbeschädigung kindgerecht. Man müsse sich dem Niveau der Kinder, von denen er einige schon aus dem Kindergarten kennt, anpassen, sagt der 60-Jährige. Also verwendet er anschauliche, leicht verständliche Beispiele, um den Kindern etwa zu erklären, wie sie sich ihren Mitmenschen gegenüber verhalten sollen: „Wenn man immer nur blöd zu anderen ist, macht es keinen Spaß“, rät er den Jungen und Mädchen.

Diese wiederum hören den Ausführungen des Polizisten gespannt zu, der viele Aspekte mit eigenen Erfahrungen und Geschichten ausschmückt. Vom Thema Körperverletzung – „Ein Mal wurde ich ohne Grund einfach auf den Boden geschubst“ – bis hin zu Sachbeschädigung – „Ich habe schon mal selber eine Scheibe eingeschlagen“. Die Kinder steuern ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten bei. Kaulbarsch geht auf alles ein und führt den Gedanken weiter. In Gestik und Mimik wird deutlich, dass der Kontaktbeamte nicht zum ersten Mal in dieser Situation ist.

Weiter geht es mit dem Thema Diebstahl. Kaulbarsch nimmt einem Schüler seinen Stift weg. „Wie findest du das, wenn ich dir deinen Stift wegnehme?“, fragt er den Jungen. „Ich mag das nicht“, antwortet der. Kaulbarsch gibt den Stift zurück und erklärt, es sei wichtig zu respektieren, wenn einem etwas nicht gehört. Seine Zuhörer stimmen zu. „Die meisten Kinder haben schon von sich aus ein gesundes Rechtsempfinden“, weiß Kaulbarsch. Deswegen sei es auch kein Petzen, sondern angebracht etwas zu sagen, wenn sich jemand falsch verhält.

Anschließend fragt der Polizeibeamte, wie man einem anderen Menschen wehtun könne. „Ihn schlagen oder treten“, ruft ein Junge. „Ihn beißen“, sagt ein Mädchen. Das nenne man Mobbing, wirft ein anderer ein. „Manchmal ist es erstaunlich, worüber Kinder in diesem Alter nachdenken“, sagt Kaulbarsch hinterher. Ebenso erstaunlich ist, wie schnell die Stunde wieder vorbei ist. Kaulbarsch schließt sie mit dem Thema sexueller Missbrauch ab. Zum Schluss bekräftigt er mit Nachdruck, die Kinder dürften niemals mit Bekannten oder gar Fremden mitgehen, ohne dies vorher mit ihren Eltern abzusprechen. „Es gibt zu viele böse Menschen auf der Welt“, erklärt er den Schülern.

Dann beendet Kaulbarsch unter großem Applaus seiner Zuhörer die Stunde – sehr zum Leidwesen der Kinder, die den Beamten direkt mit weiteren Fragen und Geschichten löchern. „Die Kinder bewundern ihn“, sagt Katja Krassau, Klassenlehrerin der F6. Auch Anke Stenzel, Schulleiterin der Heideschule, weiß um die Bedeutung der Gewaltprävention: „Wenn ein Polizist in Uniform über solche Dinge mit den Kindern spricht, macht es viel größeren Eindruck, als wenn einer von uns Lehrern etwas sagt.“

Laut Stenzel sind Vorträge dieser Art Teil des Präventionskonzeptes der Schule. Dazu gehören etwa ein sogenannter „Inselraum“, in dem sich die Schüler eine Auszeit nehmen, wenn sie dem Unterricht nicht mehr folgen können. Außerdem gibt es Beratungs- und Schulsoziallehrerinnen, die sich mit den Schülern zusammensetzen und über Probleme sprechen. Auch das klassenübergreifende Schulsystem – Dritt- und Viertklässler werden gemeinsam unterrichtet – habe sich bewährt. „Die Größeren erziehen die Kleinen mit“, erläutert Stenzel.

Dass Vorträge und Maßnahmen wie diese immer wichtiger werden, unterstreicht eine Statistik des Bundeskriminalamtes. Laut BKA wurden 130 Kinder in Deutschland im Jahr 2015 getötet und damit rund 50% mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Misshandlungsfälle sei dagegen um etwa 300 gesunken und ebenso hätte es 400 weniger Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder gegeben. Befürchtet wird allerdings, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist.