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Wilhelmsburg

So entsteht die neue Reichsstraße

Projektleiter Martin Steinkühler steht auf der Thielenstraßenbrücke. Wo heute noch Gleise verlaufen, wird später eine Überholspur verlaufen

Projektleiter Martin Steinkühler steht auf der Thielenstraßenbrücke. Wo heute noch Gleise verlaufen, wird später eine Überholspur verlaufen

Foto: Thomas Sulzyc

Projektleiter Martin Steinkühler zeigt den Baufortschritt entlang der 4,5 Kilometer-Autobahn-Trasse.

Wilhelmsburg.  Der mit viel Skepsis erwartete Ampelknoten auf der Wilhelmsburger Reichsstraße geht am 15. Oktober und damit später als bisher angekündigt in Betrieb. Diesen Termin nannte Projektleiter Martin Steinkühler am Dienstagabend bei einer öffentlichen Führung entlang der Baustelle zur Verlegung der Bundesstraße B4/75.

Erstmals in der Geschichte der 1951 eröffneten Schnellstraße wird eine Ampel in Höhe Kornweide den Verkehr regeln (wir berichteten). Die Ampelkreuzung bleibt bis zur Eröffnung der verlegten Wilhelmsburger Reichsstraße voraussichtlich Ende 2019 in Betrieb. Bis zu 60.000 Fahrzeuge am Tag befahren die Straße. Autofahrer erwarten Staus und längere Fahrzeiten, die Menschen in den benachbarten Wohngebieten befürchten zusätzlichen Verkehr auf Schleichwegen.

Martin Steinkühler geht davon aus, dass sich die Befürchtungen als unbegründet herausstellen werden. „Wir glauben, dass sich morgens und abends zur Hauptverkehrszeit geringe Staueffekte zeigen, die sich schnell abbauen werden“, sagt er. Die Planer setzen dabei auf sehr lange Ampelphasen. Simulationen am Computer hätten sich als erfolgversprechend gezeigt.

Annähernd 50 Menschen nutzten die Gelegenheit, um sich bei einer Radtour entlang der 4,5 Kilometer langen Baustelle von dem Chefplaner informieren zu lassen. Initiiert hatte die Tour der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Michael Weinreich.

Die Projektentwicklerin DEGES baut auf schwierigem Terrain: Der Boden in Wilhelmsburg sei sehr schlecht, sagt Martin Steinkühler. Sogenannte organogene Weichschichten, wassergesättigt und drei bis fünf Meter dicht, übertrügen Schwingungen. Gegner der geplanten Autobahn 26-Ost weisen gerne darauf hin.

„Wir begegnen dem Problem mit neuen Bautechniken“, sagt der Chefplaner und verweist auf den Damm aus Sand am Vogelhüttendeich, der das Brückenbauwerk noch überragt und sich später setzen wird. Die Baustellentrasse ist mit perforierten Plastikbändern übersät, die sich bei der Entwässerung als äußerst wirksam gezeigt hätten. Von Anwohnern befürchtete Risse im Mauerwerk ihrer Häuser hält der Ingenieur für nicht möglich: „Wir haben einen Korridor frei gemacht, der eine Beschädigung umliegender Gebäude ausschließt“, sagt er.

Insgesamt 29 Ingenieurbauwerke entstehen bei der Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße. Eines davon wird eine fünf Meter hohe Brücke am Rotenhäuser End sein. Hier wird zwischen einem Mietshaus und einer Waschstraße die neue Anschlussstelle Wilhelmsburg-Mitte entstehen. 4,50 Meter hohe Lärmschutzwände würden an dieser Stelle errichtet, Autofahrer wie in einem Tunnel fahren. Ursprünglich waren nur 2,50 hohe Wände vorgesehen. Die Stadt Hamburg übernimmt die zusätzlichen Kosten.

Softwarewechsel ist größerer Akt als der Gleisbau

Zur Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße werden insgesamt 3,5 Kilometer noch genutzte Gleise außer Betrieb genommen. Insgesamt 5,5 Kilometer Gleise werden neu geschaffen. Die Deutsche Bahn verspricht sich davon eine bessere Anbindung an den Hamburger Hafen.

Am 3. Oktober nimmt die Bahn die alten Gleise außer Betrieb. Die Computersoftware dazu einzuspielen, sei ein größerer Akt als die Gleise neu zu bauen, sagt Martin Steinkühler. In einem virtuellen Stellwerk werde der Tag bereits geprobt.

Bewohner des Wilhelmsburger Ortsteils Kirchdorf beschweren sich seit Längerem über Krach, der von den Gleisen durch bestehende Lücken in der Lärmschutzwand zu ihren Häusern dringe. Die Lücken seien entstanden, weil an diesen Stellen alte Schwellen entdeckt worden seien, so Steinkühler. „Überall, wo eine Lücke ist, hat etwas nicht gepasst“, erklärt er.

Die zahlreichen Bauvorschriften der Deutschen Bahn hätten zu Verzögerungen geführt, sagt der Straßenbauer. Aber spätestens im Frühjahr 2017 würden die Lücken in den Lärmschutzwänden entlang der Bahngleise geschlossen, verspricht er – und man merkt dem Erbauer der neuen Reichsstraße die Begeisterung über die Baufortschritte deutlich an.