Harburg
Stelle

Nicht mehr Dorf und noch nicht Stadt

Foto: Michael Rauhe

Die Gemeinde Stelle wandelt sich. Neue Baugebiete mit neuen Bürgern bringen neue Aufgaben. Auch das Gewerbe wächst.

Stelle.  Die Politiker, die am 11. September in den neuen Steller Gemeinderat gewählt werden, stehen vor vielfältigen Herausforderungen. Zwischen Seevetal und Winsen gelegen, wird die Gemeinde von Außenstehenden vor allem als klassischer Durchgangsort wahrgenommen.

Doch Stelle ist weit mehr als das, obwohl vermutlich auch viele Einheimische die Frage nicht eindeutig beantworten könnten, wo denn jetzt das Zentrum des Ortes liegt. Im Kernort ist es auf jeden Fall der Bereich zwischen den beiden Kreiseln der Harburger Straße.

Umso wichtiger dürfte es für die Gemeinde sein, gerade hier den Leerstand im ehemaligen Rewe-Gebäude am Ortseingang so schnell wie möglich zu beenden und die Zukunft des zentralen Einkaufszentrums Hainfelder Hof zu sichern. In beiden Fällen ist die Gemeinde jedoch von Investoren abhängig.

Generell stellt sich beim Thema Durchgangsverkehr die Frage, wie viel Fahrzeuge die Kreisstraße 86 noch verkraften kann. Wie können mehr Pendler auf die Schiene gebracht werden, wo sollen mehr Parkplätze am Bahnhof entstehen, wenn doch überall rundherum Landschaftsschutzgebiete sind, und was wäre, wenn der Ort endlich eine Umgehungsstraße erhielte? Das sind die Fragen, auf die die Bürger in den kommenden Jahren Antworten erwarten.

Wer Kinder hat, steht aber noch vor weiteren drängenden Problemen. Wo sollen die lieben Kleinen betreut werden? In Stelle sind Krippen- und Kindergartenplätze Mangelware. Selbst der beschlossene Neubau der Kita Fliegenberg mit 15 Krippen- und 50 Elementarplätzen ist keine endgültige Lösung. Bereits im April war die Gemeinde davon ausgegangen, dass zum Sommer 31 Krippenkinder auf der Warteliste für einen Platz stehen. Wo sollen sie unterkommen?

Die Neubaugebiete in Ashausen und Fliegenberg sowie das Wohngebiet Oldendörpsfeld haben der Gemeinde zahlreiche neue Bürger beschert – viele von ihnen junge Familien. Sie alle sorgen dafür, dass sich Stelle immer weiter entwickelt.

Der Zuzug bedeut aber auch, dass die Gemeinde vor neuen Aufgaben steht, da Familien, in denen beide Partner berufstätige sind, den Betreuungsplatz für den Nachwuchs quasi automatisch dazubuchen wollen.

Darüber hinaus müssen auch die Ausstattungen der Grundschulen an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden. Stichwort Ganztag. Die Kinder brauchen vermehrt Räume, die ihren Bedürfnissen angemessen sind. Das heißt: Rückzugsräume für diejenigen, die es gerne mal etwas ruhiger hätten, vielfältigere Außengelände für diejenigen, die Action und Bewegung brauchen.

Ähnliche Probleme stehen in weiteren Gebäuden an. Das zuletzt in den 80er-Jahren umfassend sanierte Steller Jugendzentrum braucht inhaltlich und baulich eine Runderneuerung, das Seniorenzentrum ist derzeit nicht barrierefrei und müsste durch einen Neubau ersetzt werden, und die Vereine stehen vor der Frage, wie sie ihre Hallen unterhalten sollen.

Weitere Bauchschmerzen bereitet die Situation der Feuerwehr in Fliegenberg. Während Stelle und Ashausen relativ neuwertige Gerätehäuser besitzen, ist Fliegenberg deutlich schlechter gestellt. Bis zu 1,5 Millionen Euro würde ein dringend benötigter Neubau kosten. Angesichts dieser hohen Summe ist fraglich, wann er realisiert werden kann.

Bleibt noch die weitere Frage, wie sich die Steller Gewerbegebiete als neue Einnahmequelle von Steuern weiterentwickeln. Duvendahl und Fachenfelde-Nord sind gut aufgestellt. Ein großes Fragezeichen steht hinter Fachenfelde-Süd und der geplanten Ansiedlung des Aldi-Lagers. Wird der neue Rat mit diesem Großprojekt in seine Arbeit starten können?

Das sagen die Kandidatinnen und Kandidaten:


Bernd Henke, SPD

„In den kommenden fünf Jahren wollen wir die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum vorantreiben und die Arbeitsfähigkeit unserer Feuerwehren sichern. Hier gilt es, die Freiwillige Feuerwehr in Fliegenberg mit einem neuen Feuerwehrgerätehaus und einem neuen Fahrzeug auszurüsten, nachdem dies schon in Stelle und Ashausen geschehen ist.

Unsere Sportvereine sollen unterstützt werden bei der Instandhaltung ihrer Sportstätten. Den Senioren gegenüber stehe ich im Wort, für die Raumsituation ist eine zukunftsfähige Lösung in absehbarer Zeit zu finden.

Stelle ist eine Gemeinde im Umbruch. Nicht mehr Dorf, aber auch nicht Stadt. Mir liegt daher sehr daran, dass die Wohnbebauung in den nächsten Jahren behutsam vor sich geht. Weniger Bauen am Ortsrand, die bestehenden Wohngebiete mit Augenmaß verdichten, dafür stehe ich.

Außerdem soll Stelle schöner werden! Die Harburger und Lüneburger Straße als Durchgangsstraße möchten wir insbesondere im Fußgängerbereich für die Bürger freundlicher und einladender gestalten.“

Wolfgang Spaude, CDU

„Die für die Gemeinde Stelle ungewohnt prekäre Finanzlage ist zwingend aufzulösen. Unausweichlich ist eine verantwortungsvolle Haushaltsführung und eine Haushaltskonsolidierung mit dem Ziel eines wieder ausgeglichenen Haushalts, damit die Gemeinde zur alten Finanzstärke zurückkehrt.

Die hohen Anforderungen an die Kinder- und Jugendbetreuung sollen auch in Zukunft von der CDU unterstützt werden. Die Ortsentwicklung der Gemeinde und ihrer Ortsteile liegt uns am Herzen. Auf der einen Seite Tradition, auf der anderen Seite eine zukunftsweisende Entwicklung unter Beibehaltung der dörflichen Strukturen unserer Ortsteile – das ist unser Antrieb. Zur Sicherung von Zusatzeinnahmen sind wir für eine gemeindeeigene Vermarktung von Bau- und Gewerbeflächen. Zukünftige Investitionen in Kindergarten und Krippe oder Feuerwehrgerätehaus in Fliegenberg sind erforderlich und müssen aus eigener Finanzkraft geleistet werden. Deshalb ist die Gewerbeansiedlung auf den bereits ausgewiesenen Flächen dringend erforderlich.“

Werner Tasche, Bündnis 90/Die Grünen

„Basis für meine Ziele sind die im Ortsverband beschlossenen Positionen für die Gemeinde Stelle, hinter denen ich stehe. Schwerpunkt meiner politischen Arbeit wird weiterhin die Abschaffung der Kindergartengebühren sein. Daneben ist der Erhalt der dörflichen Struktur in den einzelnen Ortsteilen von hoher Wichtigkeit. Weitere Gewerbegebiete lehne ich ab, die Ausweisung von Wohngebieten soll nur in moderater Form stattfinden.

Ein weiterer Schwerpunkt ist für mich der Umwelt- und Naturschutz. Ein Beispiel wäre ein Pestizidverbot wie etwa für Glyphosat auf gemeindeeigenen Flächen.

Große Projekte wie der Neubau eines Feuerwehrgebäudes in Fliegenberg und ein Ersatz für die marode Hermann-Maak-Sporthalle in Stelle unterstütze ich; sie sind allerdings auch eine große finanzielle Herausforderung für die Gemeinde, zumal eine Steuererhöhung von mir nicht unterstützt wird.

Wir wollen unsere Mitbürger stärker in die politischen Willensbildungsprozesse einbeziehen. Dazu bedarf es einer transparenten Ratsarbeit, die ich mir zum Ziel gesetzt habe.“

Ursula Walter, FDP

„Als ehemalige Vorsitzende der FDP im Landkreis Hameln-Pyrmont und Vorsitzende der Liberalen Frauen in Niedersachsen möchte ich nach Rückkehr in meine Heimat Stelle die Arbeit für die FDP fortsetzen. Dabei sehe ich folgende Schwerpunkte: Sicherung der finanziellen Handlungsfähigkeit der Gemeinde Stelle ohne Steuer- oder/und Gebührenerhöhungen sowie keine zusätzliche Verschuldung.

Aus diesem Grunde plädiere ich für die Einsetzung eines externen Controllers zur Überprüfung aller Ausgaben und Einnahmen. Neue Einnahmen sollten durch die Ansiedlung weiterer Gewerbebetriebe nach Abstimmung zwischen Verwaltung und Gemeinderat gewonnen werden. Gerne wünsche ich mir dabei einen Dialog mit den Menschen, die in der Gemeinde Stelle leben, und möchte deshalb eine monatlich festgelegte Sprechstunde für die Bürger einrichten.

Mein Ziel ist es, die Politik mit den Bürgern der Gemeinde Stelle praktisch erlebbar und durchsetzbar für sie zu machen. Genügend Wünsche und Schwerpunkte dazu liegen mir bereits vor.“

Peter Ziegler, Wählergemeinschaft Marwitz/Ziegler

„An erster Stelle steht für uns ein solider und stabiler Haushalt als Basis für das Wirken und Gestalten in unserer Gemeinde. Als Vision für 2020 ließe sich der Satz formulieren: Wir planen heute unsere gemeinsame Zukunft. Dazu zählen aus unserer Sicht die drei Bausteine Bürgerinformation, Bürgerbefragung und Bürgerbeteiligung.

Darüber hinaus wollen wir uns dafür einsetzen, dass Stelle einen Masterplan zur Sanierung von Gebäuden und Straßen erhält, der auch Finanzierungsvorschläge umfasst. Die Nahversorgung muss gesichert werden, ebenso wohnortnahe Arbeitsplätze und eine gute Kinderbetreuung.

Außerdem sind wir der Überzeugung, dass die Gemeinde Vereine stärken muss. Dazu zählt auch ein generationsübergreifender Spieltreff für Jugend, Familie und Senioren. Wir verstehen das Ehrenamt als wesentlichen Bestandteil der Lebensqualität in Stelle. Die Feuerwehren und Vereine bilden einen wichtigen sozialen Mittelpunkt.“

Dieter Hanke, BIGS

„Für die BIGS steht fest: Angesichts der finanziellen Lage versprechen wir nichts, sehen aber folgende, dringende Anforderungen auf die Gemeinde zukommen. Es muss alles getan werden, dass wir es Familien und Senioren mit geringem Einkommen ermöglichen, in Stelle einen bezahlbaren Wohnraum zu finden. Damit verbunden ist der Ausbau der Kinderbetreuung, ob Kita, Schule oder Hort. Dem Sport müssen geeignete Räume zur Verfügung gestellt werden, die Feuerwehren brauchen das richtige Einsatzmaterial, auch damit die Motivation der Mannschaften erhalten bleibt. Den Senioren und Behinderten muss die Aufmerksamkeit geschenkt werden, die sie verdienen. Auch sie benötigen geeignete Räume. Das alles umzusetzen wird nicht einfach sein, zumal ja noch laufende Ausgaben wie Straßenbau etc. anstehen.Viele Wünsche werden wir zunächst zurückstellen müssen, dennoch wollen wir so viel wie möglich umsetzen. Das heißt, maßvoll Gelder aufnehmen, wo die Not es erfordert, ohne Steuererhöhungen und Extrabelastungen der Bürger.“

Stelle in Zahlen

Einwohnerzahl: 10.964, davon 5456 Männer und 5508 Frauen (Stand 30.09.2015)
Durchschnittsalter: 45,1 Jahre; im Jahr 2004 waren es noch 41,5 Jahre
Fläche
:
38,70 Quadratkilometer
Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte: 2466 im Jahr 2014, 2333 in 2013
Steuerhebesätze: Grundsteuer für land- und forstwirtschaftlichen Betriebe 350 v. H., für Grundstücke 350 v. H.; Gewerbesteuer 350 v. H.
Gemeinderat:
28 Mitglieder plus Bürgermeister, 10 Sitze CDU, 8 SPD, 5 BIGS, 3 Grüne, 2 Marwitz/Ziegler