Projekt

Schule bringt das Viertel zusammen

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Katharina Gessler
Lange Tafel Harburg

Lange Tafel Harburg

Foto: privat / HA

Stadtteilschule Maretstraßemacht als einzige in Hamburg mit beim internationalen Projekt „Lange Tafel“. Schüler interviewen Anwohner

Harburg.  Dass Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhält, ist bekannt. Die Stadtteilschule Maretstraße macht sich nun daran, beides sogar zur Kunstform zu erheben. Akteure sind knapp 50 Schüler der 7. und 8. Klassen sowie die Bewohner des Phoenix-Viertels. Der Titel dieses Stücks in drei Akten: „Lange Tafel“. Der Plot, sozusagen die Dramaturgie in Stichworten: Ein Tisch, eine Speise und unzählige Gespräche. Der ganze Kiez in Kommunikation.

Die Idee dazu kommt aus Berlin. Die Regisseurin Isabella Mamatis, 61, rief das Projekt vor zehn Jahren in Kreuzberg ins Leben. Indem Schüler Nachbarn und Verwandte nach deren Migrationsgeschichte befragen, begeben sie auf der Suche nach Wurzeln nicht nur sich selbst, sondern schlagen Brücken zwischen Jung und Alt, zwischen Kulturen und Generationen. Isabella Mamatis bringt es auf den Punkt: „Begegne dem Migranten in dir selbst und Du gibst Fremdenfeindlichkeit keine Chance.“

Eine Projekt, wie gemacht für das Phoenix-Viertel, fand Harmut Jenkel, stellvertretender Leiter der STS Maretstraße, als er es in Berlin kennenlernte. Und eines, das Schule gemacht hat: 19 Lange Tafeln gibt es in ganz Deutschland (13 allein in der Hauptstadt), eine sogar in Los Angeles. Und eine eben auch in Harburg.

Im vergangenen Jahr wurde die Lange Tafel hier zum ersten Mal aufgestellt. An einem 200 Meter langen Tisch kamen die Menschen aus dem Viertel zusammen: alle Kontinente an einer Tafel. Mit den Schülern als Gastgeber und Spaghetti als Speise.

In diesen Tagen schwärmten die Mädchen und Jungen der Klassen 7 und 8 wieder aus, um nachzuhaken bei den Menschen auf der Straße und denen in der eigenen Familie. Die Reaktionen sind unterschiedlich. „Manche gehen einfach weiter“, sagt Su Yilcliztekin. Andere geben bereitwillig Auskunft. Alexsandra Kolera, Sitwat Zafar und Kamaledin Djamizada teilen ihre Erfahrung. Auch die Veränderung, die sie in der letzten Zeit an sich selbst festgestellt haben: Am Anfang seien sie schüchtern gewesen. „Ich musste mich überwinden, fremde Leute anzusprechen“, sagt Sitwat. Aber dann geht es immer besser. „Ich bin selbstbewusster geworden“, stellt Kamaledin Djamizada fest.

Vor fünf Jahren ist er mit seiner Familie nach Hamburg gekommen. Geflohen aus Afghanistan: „Ich weiß, wie es ist, Hunger zu haben, draußen schlafen zu müssen und manchmal nicht mal zu wissen, in welchem Land man überhaupt ist.“ Die Interviews mit den Menschen aus dem Phoenix-Viertel wühlen vieles von damals wieder auf. Mit allen Höhen und Tiefen, die es mit sich bringt, wenn einschneidende Erlebnisse plötzlich wieder zum Thema werden. „Aber es tut auch gut darüber zu reden“, sagt Kamaledin, „und zu hören, das andere auch so was erlebt haben“. Manche seiner Mitschüler sehen auf einmal die Eltern oder Großeltern mit anderen Augen: Sie hören jetzt Geschichten, die bislang nie Thema waren. Jede einzelne wird zu Papier gebracht. Am Tag der Langen Tafel, am 16. September, werden die Erzählungen Blatt für Blatt auf eine Leine gehängt. Jeder soll sie lesen. Außerdem werden die Geschichten zu einer Chronik gebunden: als Geschenk an Sozialsenatorin Melanie Leonhard, die als Gast dabei sein wird. Ein weiteres Exemplar geht an das Helms-Museum, als Grundstock für eine Ausstellung, die Jahr für Jahr wachsen soll. Auch die Schüler gehen nicht leer aus. Sie bekommen eine Urkunde, als Anerkennung dafür, dass sie den Schritt auf diese Bühne gewagt und Schicksale hinterfragt haben, die von völlig fremden Menschen, aber auch die der Familie und damit die eigene Biografie.

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