Harburg
Gleichberechtigung

Bei Feldbinder ist die Zukunft weiblich

Auszubildende bei Feldbinder in Winsen: Lisa Senkpiel wird Karosseriemachanikerin und hat ihre Berufswahl bislang nicht bereut

Auszubildende bei Feldbinder in Winsen: Lisa Senkpiel wird Karosseriemachanikerin und hat ihre Berufswahl bislang nicht bereut

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Der Spezialfahrzeugbauer in Winsen bildet drei junge Frauen zu Karosserie- und Fahrzeugmechanikern aus.

Winsen.  Wenn Lisa Senkpiel und Daniela Krusch im Blaumann über das Werksgelände des Spezialfahrzeugbauers Feldbinder im Winsener Gewerbegebiet Osterwiesen stapfen, wirkt das für Außenstehende noch immer exotisch. Da, wo in den großen Hallen gehämmert und gebohrt, geschweißt und genietet wird, sind weibliche Mitarbeiter an den Fingern einer Hand zu zählen. Weil es eine Arbeitswelt ist, die von Männern dominiert wird.

Geht es nach Dr. Nina Lorea Kley, muss sich das mit Blick auf den Fachkräftemangel, gerade auch in dieser Branche, ändern. „Es geht darum, alte Denkmuster aufzubrechen und Klischees zurechtzurücken“, sagt die Personalchefin von Feldbinder. Beim Bau der weltweit gefragten Silo- und Tankfahrzeuge, Kesselwagen und Container für flüssige, granulierte und pulverige Stoffe könnten selbst zierliche Frauen durchaus ihren Mann stehen: „Weil es bei uns nicht vordergründig auf Kraft, sondern viel mehr auf Köpfchen ankommt.“

Laut jüngstem Mittelstandsbarometer der Wirtschaftsberatung Ernst & Young können 62 Prozent der deutschen Firmen freie Stellen nicht besetzen, 49 Prozent müssen deshalb sogar Aufträge ablehnen. Aktuellen Hochrechnungen zufolge gehen mittelständischen Betrieben pro Jahr dadurch etwa 46 Milliarden Euro an Umsatz verloren. Insgesamt würden quer durch alle Branchen rund 360.000 Fachkräfte fehlen.

Ein Blick auf die Feldbinder-Homepage verrät, dass auch der Spezialfahrzeugbauer Schlosser und Schweißer, Metallbauer und Konstruktionsmechaniker sucht. Die würde er gern auch selbst ausbilden. Doch in fast allen Werkssparten gibt es freie Ausbildungsplätze, ob es sich dabei nun um Karosserie- und Fahrzeugmechaniker, Lagerlogistiker, Metalltechniker oder Industriekaufleute handelt. „Geeignete, motivierte Bewerber zu finden ist nicht einfach. Deshalb versuchen wir die bei uns benötigten Jobs jetzt auch verstärkt jungen Frauen schmackhaft zu machen“, so Dr. Kley.

Bei Lisa Senkpiel fiel dieses Werben auf fruchtbaren Boden. Die 22-Jährige ist jetzt im dritten Lehrjahr. Ihren Entschluss, sich zur Karosserie- und Fahrzeugmechanikerin ausbilden zu lassen, hat sie noch keinen Moment bereut. „Ich bin hier mit offenen Armen empfangen worden und habe die kollegiale, fast familiäre Atmosphäre vom ersten Tag an gespürt“, sagt die Eyendorferin. Die Ausbildung sei vielseitig und spannend.

Hatte sie aber nie ein Problem mit diesem wenig femininen Arbeitsumfeld, mit Lärm, Schmutz und Hitze? „Ich mache mir gern mal die Hände schmutzig“, entgegnet sie. Das rühre sicher daher, dass sie schon als Kind gemeinsam mit Vater Michael, einem Kfz-Mechaniker, oft an Autos herumgeschraubt habe: „So wie an meinem alten Golf III Cabrio. Über Öl- und Radwechsel kann ich nur müde lächeln, dafür brauch’ in keinen Kerl.“

Überdies ginge es in den modernen Werkshallen weit weniger rustikal und schmutzig zu, als mancher glaube. Bei Feldbinder gebe es beispielsweise spezielle Hebebühnen, mit denen die Anhänger so um die eigene Längsachse gedreht werden können, dass notwendige Montagearbeiten am Unterboden nicht permanent über Kopf erfolgen müssen.

„Die Humanisierung der Produktion ist bei uns ein ständiges Thema“, sagt Dr. Kley. Nur so könne das Unternehmen attraktiv und konkurrenzfähig bleiben. Dazu würden auch Investitionen in die Sozialräume gehören. So hätte Feldbinder unlängst etwa die Duschen und Umkleiden für die weiblichen Mitarbeiter völlig neu gestaltet: „Die Räume wurden gefliest und gestrichen, mit schönem Licht und Ablagen für persönliche Kosmetikartikel versehen.“ Ideale Voraussetzungen für die „Rückverwandlung von der Blaumannträgerin zur modebewussten Frau“.

Diese attraktiven Rahmenbedingungen haben auch Daniela Krusch überzeugt. Die 25-Jährige hat bei DESY in Hamburg Industriemechanikerin und Metallverarbeitung gelernt, ehe sie vor einigen Monaten zu Feldbinder wechselte. Sie habe großen Spaß, jeden Tag zur Arbeit zu kommen. Weil die Jobs abwechslungsreich, zuweilen aber auch echt fordernd seien.

Kein Wunder, bringt die zierliche junge Frau doch gerade 45 Kilogramm auf die Waage. Was ihr in der Vergangenheit auch mal machohafte Sprüche eingetragen hat. Doch die überhört sie längst gelassen. Schon auf der Berufsschule seien sie gerade drei Mädchen unter 15 Jungs gewesen. Da habe frau schnell gelernt, sich zu behaupten. Gut in Erinnerung ist ihr jener Tag geblieben, als ein Geselle behauptete, Drehen, Fräsen und Schweißen wären nichts für Mädchen: „Da bat der Meister zu einem Feiltest zwischen mir und dem Gesellen. Und ich habe gewonnen.“

In der Feldbinder-Vorfertigung bereitet Daniela Krusch nun jeden Tag Bremsanlagen, Kompressoren und Stoßstangen für den Einbau vor. Dabei seien die männlichen Kollegen „total hilfsbereit“, wenn es doch mal physisch zu anstrengend werde. Im Gegenzug erteilt sie auch schon mal einen guten Rat, wenn sich ein Kollege mit seiner „besseren Hälfte überworfen“ hat.

Dass es im Vorjahr zwar 2,8 Millionen Studierende gab, aber nur noch 522.000 neue Lehrverträge abgeschlossen wurden, ist ein alarmierendes Signal. In den 1970er-Jahren lag der Anteil der Jugendlichen, die eine Berufsausbildung wählten, noch bei 70 Prozent.

„Für junge Frauen ist es aber wichtig einen Beruf zu erlernen, der seine Frau ernährt“, sagt Feldbinders Personalchefin Kley. Nicht ohne Grund fordere der Staat heute auch von Frauen eine starke Eigenverantwortung für das Erwirtschaften der eigenen Lebensgrundlagen, der man sich auch nicht durch eine Heirat entziehen könne.

In oft gewählten Berufen aus dem niedrigvergüteten Sektor wie Friseurin und Kosmetikerin ist das oft kaum möglich. Weshalb der Verein Die Familienunternehmer-ASU kürzlich in einem Positionspapier zum Thema Lohngerechtigkeit zwischen Männern und Frauen größere Anstrengungen bei der Erweiterung des Berufswahlspektrums anmahnte. In diesem Zusammenhang wies Dr. Kley ausdrücklich darauf hin, dass das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ bei Feldbinder längst Realität sei: „Anderenfalls könnte man diese Branche kaum für mehr weibliche Mitarbeiter öffnen.“