Harburg
Heimatkunde

Auf dem Dachboden schlummert Geschichte

Jürgen Drygas (l.) und Klaus-Peter Ratjen präsentieren eine Sammlung mit Modellschiffen aus den 1960er-Jahren.

Jürgen Drygas (l.) und Klaus-Peter Ratjen präsentieren eine Sammlung mit Modellschiffen aus den 1960er-Jahren.

Foto: Thomas Sulzyc

Mit viel ehrenamtlicher Arbeit bewahrt das Museum Elbinsel seine Schenkungen. Viele von ihnen können zurzeit gar nicht gezeigt werden.

Wilhelmsburg.  Mit wie vielen Exponaten das Museum Elbinsel Wilhelmsburg die Erinnerung an die Geschichte bewahrt, weiß niemand genau. Ein elektronisches System, das den Bestand darstellt, existiert nicht. „Wir haben eine große Fotosammlung. Aber noch ist nicht alles dokumentiert”, sagt Peter Beenk. Die systematische Erfassung bedeutet für den ehrenamtlichen Archivar eine Lebensaufgabe. Und mindestens an jedem zweiten Öffnungstag, immer sonntags von April bis Oktober, bringen Bewohner von den Elbinseln zusätzliche Dinge, um sie dem Heimatmuseum als Geschenk zu überlassen.

Eine Hinterglasmalerei ist so ein Geschenk. Vorsichtig stellt sie der Museumsvereinsvorsitzende Jürgen Drygas in das Fenster des kleinen Büros in dem Amtshaus von 1724. Vom Tageslicht beleuchtet, kommt das Motiv prächtig zur Geltung. Das Bild zeigt einen heute verschwundenen Häuserblock an der Vulkanstraße in dem für den Hamburger Hafen aufgegebenen Stadtteil. Die Vorlage sei ein Foto aus dem Jahr 1963 gewesen, sagt Jürgen Drygas. Später sind die Gebäude dem Bau der Köhlbrandbrücke zum Opfer gefallen.

Nicht selten sind der Tod eines Angehörigen und die Haushaltsauflösung der Anlass für Schenkungen an das Museum. Oder jemand zieht um und trennt sich deshalb von Dingen aus dem Keller oder dem Dachboden. Fotos, Bücher, Kunstwerke oder Haushaltsgegenstände mit Bezug zur Geschichte der Elbinseln – die Dinge haben eines gemeinsam: Ihre Besitzer wollen, dass sie weiter existieren und überlassen sie deshalb dem Museum.

Mittlerweile häufen sich Dinge aus den 1950er-Jahren und der jüngeren Geschichte. Das Sammlungsgebiet des Museums reicht eigentlich nur bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts. Ab dann arbeitet die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg und Hafen die Geschichte auf. Aber die Geschichtswerkstatt in der Honigfabrik verfügt über keine Sammlung. Und deshalb landen zunehmend 40 oder 50 Jahre alte Gegenstände beim Museum.

Ein früherer Schiffsbauer hat jetzt dem Museum mehrere Kisten mit Modellschiffen aus Blei vermacht. Sie stammen aus den 1960er-Jahren. Sogar Hafenbecken mit Kränen hat er nachgebaut. Sie würden gut in die Schifffahrtsabteilung der Museumssammlung passen. Sie dokumentiert die Geschichte der Werften auf den Elbinseln. Allerdings ist die Aufnahmefähigkeit der insgesamt mehr als 400 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche des Wilhelmsburger Heimatmuseums erschöpft. „Die Schenkungen finden zunächst keinen Platz mehr in der Ausstellung und werden auf dem Dachboden archiviert”, sagt Peter Beenk.

Unter dem Dach bewahrt der Archivar Antiquitäten auf, die aus Sicht des ehrenamtlichen Museumsvereins einen Ausbau der Ausstellung allemal rechtfertigen würden. In einem eigens dafür konstruierten Schrank hängen liebevoll verzierte Flaggen, die Zeugnis des regen Vereinslebens und der Geselligkeit vor mehr als 100 Jahren abgeben. Das Museumspublikum kennt auch einen dekorativen Haushaltsgegenstand noch nicht, der in einem Regal als Edeljoker auf der Reservebank wartet: eine Maschine zur Herstellung von Butter aus dem 19. Jahrhundert.

Die Schenkungen zeigten, dass das Museum ein Ort sei, in den sich die Bevölkerung einbringen könne und möchte, sagt Jürgen Drygas. Über einen Ausbau der Ausstellungskapazität müsste die Eigentümerin des denkmalgeschützten Museumsgebäudes entscheiden, die Freie und Hansestadt Hamburg.

Die ehrenamtliche Arbeit, die der Museumsverein leistet, ist gewaltig: „Im Jahr kommen 9000 bis 10.000 Stunden zusammen”, sagt der Vorsitzende. Stunden, die niemand bezahlt bekommt. Der Verein zählt etwa 300 Mitglieder, davon seien rund 60 Menschen ehrenamtlich tätig. „Jeder, der auch nur eine Stunde im Jahr beiträgt, ist unverzichtbar”, betont Jürgen Drygas. Die meiste Arbeit fällt auf einen harten Kern von fünf Leuten zurück.

Peter Beenk ist einer von ihnen. Der Archivar dokumentiert jede Schenkung auf einem Blatt Papier, das mit dem Wilhelmsburger Wappen bedruckt ist. Er trägt darauf eine Kurbeschreibung des Exponates und den Namen der Person ein, die es dem Museum überlässt. Peter Beenk war es auch, der auf dem Dachboden vergessene Zeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt hat, die Schulkinder aus Wilhelmsburg im Unterricht gemalt haben. Mit den Kriegsdarstellungen der Wilhelmsburger Kinder hat sich inzwischen die Wissenschaftlerin Carolyn Kay aus Kanada beschäftigt. Zudem sind sie Gegenstand einer Masterarbeit in Frankreich.

Gerne bekäme Peter Beenk ein historisches Dokument in die Finger, das als verschollen gilt: Die Gemeindezeitung berichtete am 6. Juli 1909, dass Oberstleutnant Freiherr Grote dem Bürgermeister Adolf Menge die in lateinischer Sprache verfasste Urkunde aus dem Jahr 1320 überlassen habe. Sie dokumentiert offiziell die Schenkung von Ländereien und stellt ein wertvolles Zeugnis der Wilhelmsburger Geschichte dar. Das Amtshaus wurde auf den Grundmauern des “Adeligen Sitzes Stillhorn” errichtet, eines Schlosses der Groten.

Niemand wisse, wohin die Urkunde verschwunden ist. Genug zu tun hat Peter Beenk auch ohne sie. Auf dem Dachboden stehen mehrere Pappkartons voll mit Fotos und Papieren aus Georgswerder. „Das Material habe ich noch nicht gesichtet”, sagt er.