Harburg
Landwirtschaft

Die Zielstrebige und der Visionär

Im Job und privat ein Paar: Ruth Staudenmayer und Henner Schönecke. Derzeit hat das Unternehmen Schönecke 38.000 Freilandhühner

Im Job und privat ein Paar: Ruth Staudenmayer und Henner Schönecke. Derzeit hat das Unternehmen Schönecke 38.000 Freilandhühner

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Die Serie über erfolgreiche Paare in Harburg und Umland. Ruth Staudenmayer und Henner Schönecke vom „Geflügelhof Schönecke“ in Elstorf.

Sie können sich kaum noch daran erinnern, wie es ist, in der Weihnachtszeit entspannt einen Glühwein auf dem Lüneburger Weihnachtsmarkt zu schlürfen. Weil genau dann, wenn andere die Feiertage planen, zwischen Ente, Gans und Pute wählen und besinnlich Weihnachtsliedern lauschen, bei ihnen der Bär tobt. Innerhalb weniger Tage im Dezember machen Ruth Staudenmayer und Henner Schönecke mit ihrem Geflügelhof dann soviel Umsatz wie sonst in zwei Monaten. „Da herrscht bei uns Halligalli“, sagt die Chefin. 22 Stunden Durcharbeiten ist da keine Ausnahme.

Doch anstatt zu Murren, wird angepackt. Ranrauschen. Und zwar gemeinsam. Auch wenn sich das Hamsterrad manchmal schneller dreht, als es ihnen recht ist – sie denken nicht daran, das Tempo rauszunehmen. Zu bewegt ist die Branche, zu viele Ideen wollen umgesetzt werden. Und der Erfolg gibt ihnen recht. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der Legehennen auf dem Hof mehr als verdoppelt. Und die Zahl der Mitarbeiter liegt inzwischen bei über 100.

Ruth Staudenmayer, die eigentlich Kulturwissenschaftlerin ist, muss manchmal schmunzeln, wenn sie darüber nachdenkt, dass ihr das Produkt, um das sich die Firma dreht, schon als Jugendliche Glück gebracht hat. In den Schulferien verdiente sie ihr Geld in dem Münsterländer Frischeivertrieb Amshoff. Dass sie eines Tages selbst ein solches Unternehmen führen würde, lag jenseits ihrer Vorstellung. doch seitdem sie mit Henner Schönecke verheiratet ist, dreht sich bei den beiden alles um Eier und die Tiere, die sie legen.

Dabei war Eiersortieren nie sein Ding. Während die große Schwester fleißig im Betrieb half, war Henner Schönecke lieber mit Freunden unterwegs. Nur sonnabends, da stand er mit Eiern und Geflügel ab fünf Uhr in der Frühe auf dem Harburger Wochenmarkt. Das frühe Aufstehen war der Notwendigkeit geschuldet, das nötige Kleingeld für den Discobesuch am Abend zusammenkriegen zu müssen.

Zwischen Eiersortieren, Eierverkaufen und der Geschäftsführung eines der größten Geflügelhöfe Norddeutschlands liegt ein langer Weg, von dem Ruth Staudenmayer und Henner Schönecke den meisten Teil Seite an Seite gegangen sind. Doch eigentlich hatte Ruth etwas ganz anderes vor.

Sie will etwas mit Kultur machen, Öffentlichkeitsarbeit vielleicht. So ganz entschlossen ist sie nicht, als sie 1994 den Studiengang Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg beginnt. Er weiß genau, was er will. Abi, Bundeswehr, Landwirtschaftslehre, dann BWL-Studium und rein ins väterliche Geschäft. Es ist der Sommer 1996, Henner steht kurz vor dem Abschluss seiner Lehre, als ein Freund ihn zum Tanz in den Mai nach Lüneburg einlädt.

Und da steht sie. Selbstbewusst, rothaarig, forsch. Er findet sie interessant. Weil er sie näher kennenlernen möchte und eine Uni sucht, die nicht zu weit vom elterlichen Hof entfernt liegt, entscheidet er sich in Lüneburg zu studieren. Die beiden werden ein Paar. Sie verstehen sich. Doch Pläne, gemeinsam ins Geflügelgeschäft einzusteigen gibt es nicht. Ruth interessiert sich für Kultur. Und sie kann schreiben. Nach ihrem Magisterabschluss bekommt sie eine Anstellung im Freilichtmuseum am Kiekeberg, baut dort die PR- und Marketingabteilung auf. Bis 2006 Sohn Hannes auf die Welt kommt.

Vater Heiner gab gemeinsam mit Sohn Henner Gas

Für Henner gibt es nur diesen einen Weg. Rein in den Familienbetrieb, der 2014 seinen 100. Geburtstag gefeiert hat. 2001 steigt er in die Geschäftsführung ein. Auch, weil ihm sein Vater, Heiner Schönecke, erfolgreicher Unternehmer und Mitglied des niedersächsischen Landtags, deutlich zu verstehen gibt, dass er bereit ist, gemeinsam mit seinem Sohn noch einmal richtig Gas zu geben.

Neben Eiern aus der eigenen Haltung bietet das Unternehmen heute Geflügel in riesiger Auswahl. Enten, Puten, Gänse und Hähnchen aus Norddeutschland und Perlhühner, Wachteln, das „Label Rouge“-Huhn aus Frankreich. „Wir suchen unsere Partnerbetriebe genau aus – vernünftige, artgerechte Haltung und hohe Fleischqualität stehen für uns an erster Stelle“, sagt Henner Schönecke. „Inzwischen haben unsere Puten- und Hähnchen-Lieferanten sogar auf medikamentenfreie Aufzucht umgestellt.“

„Wir versuchen, immer auf dem neuesten Stand zu sein, was Tierhaltung und Produktion anbetrifft“, sagt Ruth Staudenmayer.

Während sein Vater in der Politik einen Namen hat, hält sich Henner diesbezüglich eher zurück. Stattdessen engagiert er sich in der Branche, ist Gesamtvorstand der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, Vorsitzender des Arbeitskreises „Alternative Legehennenhaltung“ und des Arbeitskreises Direktvermarktung, Vorstand Interessengemeinschaft Deutsches Ei und Vorstand beim Bund Deutsches Ei. Und auch Ruth Staudenmayer ist längst Teil des Unternehmens. Nachdem 2008 Sohn Frieder geboren wird, steht fest, dass ihr Arbeitsplatz im Familienunternehmen sein soll.

Nicht nur, weil es nahe liegt. Sondern auch, weil sich das Paar am Arbeitsplatz ergänzt. Er schätzt ihre Geradlinigkeit, dass sie anpackt, anstatt lange zu reden. Sie mag seine Gelassenheit, dass er die Dinge nicht zu ernst nimmt und nach Feierabend auch mal loslassen kann. Sie ist die Direkte, Impulsive. Er der Visionär, der Innovative. Einer, der aber auch entspannen kann. „Henner ist kein Herzinfarkttyp“, sagt Ruth. Er könne auch gut loslassen. Doch wenn nachts das Geschäft ruft, sind beide unterwegs.

Weil die Verantwortung für das Unternehmen groß ist. Es bei 15.000 Bodentieren und 38.000 Freilandtieren immer etwas zu tun gibt. Sie haben die Arbeit genau aufgeteilt. Weil sie glauben, dass es in einer gemeinsamen Geschäftsführung nur mit klaren Zuständigkeiten funktionieren kann. Also kümmert sie sich um die drei Schönecke-Filialen in Hamburg und ums Marktgeschäft an acht Standorten. Ihr obliegt das Erscheinungsbild des Unternehmens, die Homepage, der Onlineshop. Er kümmert sich um den Einkauf, den Großhandelsvertrieb, Lager, Logistik und Produktion. Jeder führt 50 Mitarbeiter. Große Entscheidungen werden ohne große Kompromisse beschlossen. „Wir streiten nicht über große Themen“, sagt sie. „Sondern nur über Kleinigkeiten.“

Sie wissen, dass das Thema Geflügelhaltung kein einfaches ist. Kennen die Kritiker und die gerümpften Nasen, wenn Henner in einer Runde von seiner Arbeit erzählt und er den Stempel „Massentierhalter“ aufgedrückt bekommt, obwohl er so viele Argumente dagegen liefern kann. Also versuchen sie transparent zu sein. Öffnen die Hoftüren, um Vorurteile abzubauen. 2014 wurde Henner Schönecke für Regionalität, Transparenz und Qualität mit dem renommierten Ceres Award ausgezeichnet.

Die beiden sind stolz, dass sie mit Anfang 40 schon vieles erreicht haben. Und noch immer übersprudeln vor Ideen. Kooperation mit anderen Unternehmen, draußen bei den Kunden besser werden und schauen, was in anderen Ländern passiert. „Eat more eggs“ heißt eine Kampagne, die derzeit in Londoner Restaurants läuft. Das neue Food-Konzept soll auch hier bekannter gemacht werden.

Manchmal aber wünschen sich die beiden eine Pause. Geht aber nicht. Also bleiben vorerst nur kleine Auszeiten. Bei der Jagd, auf dem Hockeyplatz oder bei einer Runde auf dem Rennrad. Für die Zukunft aber haben sie sich vorgenommen das Unternehmen so zu gestalten, dass es auch mal ohne sie geht. Ihre Vision von einst, der beste Geflügelhändler Hamburgs zu werden, haben sie schließlich erreicht.

Darauf mal wieder mit einem Glühwein auf dem Lüneburger Weihnachtsmarkt anzustoßen? Das hätte schon was.