Harburg
Integration

Wie Herr Hagos zum Ringhotel Sellhorn kam

Die Familie Dierksen, v.l. Sven, Ina Maria, Axel, Nele führt das traditionsreiche Hotel seit 1993

Die Familie Dierksen, v.l. Sven, Ina Maria, Axel, Nele führt das traditionsreiche Hotel seit 1993

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Im Hanstedter Traditionshaus werden Migranten aus vielen Ländern Perspektiven in Deutschland geboten. Der Eritreer ist einer von ihnen.

Hanstedt.  Die Bilder seiner Flucht verblassen nur langsam. Ein ganzes Jahr war Goitom Ayahun Hagos unterwegs, um von Eritrea nach Deutschland zu kommen. Seit Juni vergangenen Jahres arbeitet er nun im Hanstedter Ringhotel Sellhorn. Wo der 38-Jährige nicht nur einen Job, sondern auch Kollegen fand, die ein ähnliches Schicksal in die Nordheide führte. Und Menschen, die ihm eine Chance gaben, fern der Heimat wieder Fuß zu fassen.

Ina Maria und Axel Dierksen führen das Hotel im Herzen der niedersächsischen Samtgemeinde in fünfter Generation. 1873 wird es als Gasthaus „Zu den Linden“ auf einer ehemaligen Schweineweide gegründet. Ausländische Gäste verzeichnet es spätestens mit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Als hier erst amerikanische, anschließend englische Soldaten einquartiert sind.

„Doch so international wie jetzt ist es bei uns wohl selten zuvor zugegangen“, sagt Ina Maria Dierksen mit Blick auf Kundschaft und Personal. Die Hälfte der insgesamt 46 Mitarbeiter seien Mi­granten aus 13 verschiedenen Ländern. Sie umsorgen an sieben Tagen in der Woche Gäste, die selbst aus allen Ecken der Welt stammen. So ist die Hanstedter Vier-Sterne-Herberge im Grunde ein Spiegelbild der Globalisierung. Der Internationalisierung des Arbeitsmarktes ebenso wie der anhaltenden Völkerwanderung durch die Flüchtlingsströme unserer Zeit.

Wenn Goitom Ayahun Hagos auf dem Motormäher über die weitläufigen Grasflächen des Ringhotels tuckert, ist der Bürgerkrieg in Eritrea weit weg. Der Job als Gärtner hilft ihm zu verdrängen, was er auf seinem langen Weg von Nordafrika nach Deutschland erlebt hat.

Mit finanzieller Unterstützung eines Onkels, der in Israel lebt, bricht der große Fan des FC Bayern München 2012 ins Land seiner Träume auf. Sieben Monate ist er in Äthiopien unterwegs, schlägt sich dann durch den Sudan bis an die libysche Küste durch. Dort besteigt er schließlich eines jener Schlepperboote, die zwar irrsinnig teuer sind, aber keine sichere Ankunft am anderen Ufer garantieren.

„Das Boot war mit 250 Menschen völlig überladen“, erinnert sich Goitom. Plötzlich sei der Motor ausgefallen und hätte viele der Passagiere in Panik versetzt: „Wir trieben einen Tag und eine Nacht orientierungslos umher, ohne Proviant, ohne Wasser. Bis uns irgendwann ein Boot der italienischen Küstenwache entdeckte, an Bord nahm und nach Lampedusa brachte.“

Über Frankfurt/Main, Harburg und Winsen gelangt Hagos nach Hanstedt, wo er, selbst Christ, durch die örtliche Kirchengemeinde ins Ringhotel Sellhorn vermittelt wird. „Mit Beginn der Flüchtlingswelle standen wir in engem Kontakt zur Kirchengemeinde und zur Grone Schule Buchholz, die Praktika für Migranten vermittelt“, berichtet Ina Maria Dierksen.

So arbeitet jetzt auch Boniface Aninwogbu im Hotel. Der Nigerianer aus Igbo verlor bei einem Deutschland-Aufenthalt vor zehn Jahren sein Herz an eine Deutsche. Die hat er im vergangenen Jahr geheiratet. Vor zehn Monaten kam das gemeinsame Töchterchen Ada-Lani Rose zur Welt, zudem fand die Familie eine Wohnung in Hanstedt.

Inzwischen steckt der 43-Jährige in einer Ausbildung zum Koch an der BBS in Lüneburg. „Er hat uns bei dem Schnupperpraktikum sofort überzeugt“, berichtet Küchenchef Jörn Sommer.

Im ersten Lehrjahr sei Aninwogbu maßgeblich für die kalte Küche zuständig. Dazu gehöre nicht nur das Bestücken der Buffets zum Frühstück und Abendessen, auch das Anrichten von Salaten sowie die Zubereitung von Vor- und Nachspeisen.

„Boniface hat offenbar Spaß an seiner Arbeit, er ist pünktlich und hochmotiviert. Mit seiner sympathischen Art verbreitet er stets gute Laune und passt einfach ins Team, was letztlich das Wichtigste überhaupt ist“, stellt Sommer seinem Schützling ein erstklassiges Zeugnis aus. Boniface werde einen guten Abschluss machen, da habe der erfahrene Küchenchef nicht den geringsten Zweifel.

„Für uns als Familie und Unternehmer war es nie eine Frage, im Rahmen unserer Möglichkeiten Migranten zu helfen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen“, sagt Ina Maria Dierksen. Es sei spannend zu beobachten, „wie sich die Menschen entwickeln und die Chancen nutzen, die ihnen geboten werden“.

Das ginge aber nicht immer so problem- und reibungslos ab, wie im Falle von Goitom Hagos, und Boniface Aninwobgu. Dierksen: „Wir haben auch die Erfahrung machen müssen, dass islamisch geprägte Flüchtlinge deutlich mehr Probleme haben sich zu integrieren.“ Sie würden „klassische Frauenarbeiten“, von der in einem Hotel naturgemäß reichlich anfällt, ablehnen und ließen sich von weiblichen Führungskräften kaum etwas sagen.

Das würde aber niemanden in der Hotelfamilie davon abhalten, sich auch weiter „der moralischen Verantwortung zur Hilfe für Menschen in Not“ zu stellen. In dieser Tradition sehen sich auch die Dierksen-Kinder Nele (30) und Sven (28), die das traditionsreiche Haus Sellhorn im kommenden Jahr, dann immerhin in sechster Generation, weiterführen werden.